Islam Verschleierung als Symbol für Feminismus und Freiheit

Der Schleier, ein Symbol von Freiheit und Gleichberechtigung?

Manche Musliminnen betrachten die Verschleierung sogar explizit als feministische Maßnahme, um der Reduzierung und Erniedrigung der Frau in der westlichen Gesellschaft zu Sexobjekten entgegenzuwirken. So könnten "Frauen ihre Körper gegen unerwünschte Blicke und andere Formen von männlichem Chauvinismus beschützen", schreibt die Religionswissenschaftlerin Celene Ibrahim in der New York Times.

Für manche Musliminnen ist das Kopftuch ein Statement gegen ein System, das Frauen erniedrigt.

(Foto: REUTERS)

Die Motive lassen sich nicht verallgemeinern

Die Entscheidung, sich zu verschleiern, kann also ganz unterschiedliche Gründe haben. Sie kann für ein religiöses Selbstbewusstsein sprechen, die inneren Werte betonen oder sogar feministisch motiviert sein. Aber taugen Kopftuch und Hidschab zum Symbol für diese Motive?

Unter religiösen Gesichtspunkten folgt die Verschleierung einem Gebot, das aus den Suren des Koran abgeleitet wird. Etliche islamische Religionswissenschaftler und Theologen sagen allerdings, dass die entsprechenden Verse nicht eindeutig sind; manche Experten halten die Interpretation sogar für schlicht falsch.

Die Idee, Frauen unter einen Schleier zu zwingen, ist jedenfalls älter als der Islam. Sie wurde in islamischen sowie in anderen patriarchalischen Gesellschaften unter Berufung auf Gottes Wort untermauert. Trotzdem ist es möglich, gläubige Muslimin zu sein und zugleich jede Form von Verschleierung abzulehnen. Den Anspruch auf ein Symbol für den muslimischen Glauben können Kopftuch oder Hidschab demnach nicht erfüllen.

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Das gilt auch für den Anspruch, ein feministisches Zeichen darzustellen. So schreibt etwa die muslimische Feministin Mona Eltahawy in der New York Times: "Für Jahre habe ich - trotz innerer Zweifel - meine Wahl, den Hidschab zu tragen, anderen gegenüber als feministische Wahl dargestellt." Schließlich habe sie diesen Gedanken jedoch nicht länger aufrechterhalten können. "Weil ich als Feministin von den Leuten verlange, meinen Geist wahrzunehmen und mich nicht als Objekt zu betrachten, unabhängig davon, wie ich angezogen bin."

Immer mehr Musliminnen setzen Kopftuch und Hidschab außerdem als modische Accessoires ein. Das Haar wird zwar versteckt, doch elegant, cool, attraktiv wollen sie trotzdem sein. In manchen dieser Fälle wäre es geradezu paradox, zu unterstellen, dass der Hidschab Männerblicke abwehren und innere Werte in den Vordergrund stellen soll. Ein solcher Fall hat etwa die Feministin Laurie Penny - offenbar nicht im Geringsten irritiert - dazu bewegt, zu twittern:

Ganz offensichtlich orientieren sich viele Kopftuch tragenden Mädchen und Frauen heute im Westen an den Trends der Jugendkultur und der Mode - anders als es bei ihren Eltern meist der Fall war. Möglicherweise verändern sie so die Bedeutung des Kopftuchs oder des Hidschabs. Vielleicht verändern sie auch die Rolle der muslimischen Frau in der Gesellschaft.

Affront allen Frauen gegenüber, die unter den Schleier gezwungen werden

Doch auch wenn dem so wäre - ein grundsätzliches Problem löst sich so nicht auf: Wenn Mädchen und Frauen sich verhüllen, weil sie ein islamisches Gebot der Sittlichkeit darin sehen, setzen sie ein Werkzeug des Patriarchats zur Unterwerfung durch den Mann ein. Daran ändert sich auch nichts, wenn sie selbst es als Unterwerfung unter einen Gott betrachten, oder als Identitätsmerkmal. Jedes Kopftuch und jeder Hidschab trägt dazu bei, die Ideologie dahinter zu verbreiten.

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Zudem ist es ein Affront gegenüber all jenen Frauen, die etwa in Iran, Afghanistan, Saudi-Arabien, vom sogenannten Islamischen Staat oder von Boko Haram gezwungen werden, sich gegen ihren Willen zu verhüllen. Was ist das für eine Botschaft, wenn Frauen in diesen Ländern sehen, dass Musliminnen sich sogar dort verhüllen, wo es keinen Zwang gibt?