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Islam:Eine gefährliche These

Kalisch sieht sich dagegen weiter als Muslim und frommen Menschen, ihm geht es um die Freiheit der Wissenschaft: "Die islamische Theologie steht dort, wo die christliche im 19. Jahrhundert stand - uns fehlt die historisch-kritische Forschung." Er wolle seine Studenten zu "unabhängigem Denken" befähigen. Kalisch gehört der schiitischen Strömung der Zaiditen an, für die Rationalität und Glaube zusammengehören, während sich nach der Vorstellung der Sunniten Gott den menschlichen Kategorien entzieht - auch das hat das Misstrauen der Verbände erhöht. Es sei eben "vertrauenswürdiger, wenn ich auf dem Posten einen sunnitischen Gelehrten habe".

Der Fall ist aber auch eine politische Angelegenheit. Können die muslimischen Verbände ihnen nicht genehme Professoren die Lehrbefugnis entziehen, wie das die katholische und die evangelische Kirche können? Der KRM hat offenbar versucht, im Beirat des Centrums für Religiöse Studien eine Unbedenklichkeitsklausel einzufügen, vergleichbar mit dem "Nihil obstat" (es steht nichts entgegen), das die katholische Kirche angehenden Theologieprofessoren bescheinigen - oder verweigern - darf. Das lehnten Kalisch und die Rektorin der Uni Münster, Ursula Nelles, ab.

Neuer Professor gesucht

Für die Pläne des KRM, islamischen Religionsunterricht einzurichten, ist die Trennung von Kalisch ein Rückschlag - ohne wissenschaftliche Expertise und eine anerkannte Ausbildungsstätte dürfte das Misstrauen der Bundesländer kaum zu überwinden sein. Fieberhaft sucht der KRM deshalb nach einem Ersatz für den Professor aus Münster.

Der Blick des Koordinierungsrates richtet sich offenbar nach Osnabrück, wo vor zweieinhalb Monaten der Erweiterungsstudiengang Islamische Religionspädagogik unter der Leitung von Bülent Ucar ins Leben gerufen wurde. Ein Projekt, das den Gefallen der muslimischen Dachorganisationen findet. "In Osnabrück scheint es Entwicklungen zu geben, die uns sehr nahe kommen", heißt es im ZMD.

Anders als Kalisch stellt der 31-Jährige die Grundsätze des Islams nicht in Frage, doch um sicherzugehen, ob die Lehre Bülent Ucars auch langfristig das Plazet der Verbände findet, wird dem Vernehmen nach Maryam Brigitte Weiß, die Frauenbeauftragte des Zentralrats, den viersemestrigen Ergänzungsstudiengang absolvieren.

Muhammad Sven Kalisch muss sich wohl damit anfreunden, dass viele Muslime ihn bald als Abtrünnigen ansehen dürften - und auf den Glaubensabfall steht in der Scharia die Todesstrafe. "Ich weiß, dass in vielen Moscheegemeinden über mich diskutiert wird," sagt er, "aber noch mache ich mir keine Sorgen."