Islam Beim Grabe des Propheten

Glaubenswächter in Saudi-Arabien wollen die Gebeine des Propheten Mohammed umbetten - in ein Massengrab. Die Verehrung des Heiligen durch die Schiiten ist den saudischen Sunniten seit jeher zuwider. Ein Religionswissenschaftler warnt vor Eskalation.

Von Tomas Avenarius, Kairo

Angenommen, der Papst würde sich bis heute als Hüter der gesamten Christenheit ausgeben und anordnen, das Grab Christi in Jerusalem zuschütten zu lassen: Dort herrsche zu viel Rummel, spüre man zu wenig wahre Frömmigkeit. Die Wut und Verstörung vieler Christen wäre gewaltig. Etwas Ähnliches könnte jetzt den Muslimen drohen. Religiöse Experten in Saudi-Arabien beraten darüber, den Propheten Mohammed umzubetten. Sie wollen den Begründer des Islam anonym auf einem Friedhof begraben.

Mohammed, von den Muslimen als Vorbild-Mensch verehrt, liegt in einem Mausoleum in der Stadt Medina begraben. Medina ist nicht weit entfernt von Mekka mit der Kaaba, dem wichtigsten Heiligtum des Islam. Millionen Muslime pilgern Jahr für Jahr nach Mekka und besuchen dann Medina mit dem Propheten-Grab. Doch der Islam verbietet Heiligen-Verehrung. Und die Saudis als Wahabiten sind nicht nur besonders puritanische Muslime. Sie sind auch die "Hüter der heiligen Stätten" von Mekka und Medina. Besonders zu stören scheint die sunnitischen Theologen im Königreich, dass am Grab des Propheten neben Mohammed auch seine Familie verehrt wird. Und das vor allem von den Schiiten, die den Heiligenkult am weitesten treiben.

Die Schiiten gelten orthodoxen Sunniten ohnehin als Heiden und Götzenanbeter. Wegen ihrer Liebe zu Mohammeds Angehörigen sehen die Wahabiten ihre Vorurteile in Medina bestätigt. Das Grab selbst befindet sich in der Propheten-Moschee, unter der "grünen Kuppel". Angeblich befindet es sich an dem Ort, an dem der Begründer des Islam mit seiner Familie im siebten Jahrhundert gelebt hatte. Die Moschee dort ist so etwas wie Lourdes auf islamisch: Die Schiiten gedenken neben dem Propheten auch seiner Verwandten, die in den Kammern nahe des Grabs gelebt haben sollen.

Wo kein Grab, da kein Kult

Ein Gutachten saudischer Islamexperten beschreibt nun, wie man dem Heiligenkult entgegentreten könne: Die Räume am Grab sollen zerstört, die Propheten-Knochen anonym auf dem Al-Baqi-Friedhof bestattet werden. Dort liegen Könige und andere berühmte Muslime, namenlos: Wo kein Grab ist, ist kein Kult. Ein saudischer Religionswissenschaftler hat das interne Gutachten jetzt öffentlich gemacht. Irfan al-Alawi, Direktor des "Forschungsinstituts für das Islamische Erbe", warnt, die Umbettung des Propheten werde zu Streit zwischen Sunniten und Schiiten führen. "Das Vorhaben würde die islamische Welt schockieren", sagt Alawi. "Es wird einen Aufschrei geben."

Streit um die heiligen Stätten wäre gefährlich: Die meisten Konflikte in der islamischen Welt verlaufen entlang konfessioneller Bruchlinien, sei es der Bürgerkrieg in Syrien oder der Streit zwischen der aufstrebenden Atommacht Iran und dessen Nachbarn. Die Rolle des Saudi-Königshauses als "Hüter der heiligen Stätten" ist zudem umstritten. Militante wie Al-Qaida-Gründer Osama bin Laden oder die Radikalen vom Islamischen Staat haben dem Königshaus schon lange das Recht abgesprochen, über Mekka und Medina zu gebieten. Möglicherweise ist das der Grund für eine Umbettung: Die Saudis wären so die strengeren und vermeintlich besseren Muslime als die Militanten vom Islamischen Staat.