GlosseDas Streiflicht

Lesezeit: 2 Min.

Eine Partyschlagersängerin entwickelt Misophonie, Wut auf Geräusche – doch liegt der Fall komplexer, als man vorschnell annehmen möchte

SZ bei Google bevorzugen

(SZ) Isi Glück aus Horst hat bislang ihrem Namen alle Ehre gemacht. Dafür war zunächst erforderlich, ihren bürgerlichen Namen Isabel Buder-Gülck in eine frohe Botschaft zu verwandeln. Wer ihren Namen nicht liest, hört „Easy“ Glück, als könne das Glück so leicht zu uns kommen wie ein heiterer Wink des Schicksals, wie eine Gabe, die schon ein hauchdünner Windstoß zu uns trägt. Und selbst wenn das Glück nicht so easy zu uns findet, dann kommen wir ihm zumindest bei einem Auftritt von Isi Glück im Megapark auf Mallorca sehr nah. Denn beruflich konnte diese gute Brise Isi Glück nur ins Showgeschäft wehen: Sie wird dort als Partyschlagersängerin und Schönheitskönigin gefeiert. 2011 wurde sie Zweite bei der Wahl zur Miss Osnabrück, stieg alsbald zur Miss Ashampoo auf und krönte ihre Laufbahn mit dem Sieg bei der Miss-Germany-Wahl 2012. Seit vielen Jahren singt sie auch, immer mal wieder mit Honk, Micha von der Rampe und Ikke Hüftgold.

Aber selbst jemand, der fröhlich „Malle ist bei mir das ganze Jahr“ trällert, kann nicht jede Minute von sich selbst behaupten „Mein Leben ist ein Club“: Isi Glück hat der Bild-Zeitung erzählt, dass sie an Misophonie leidet. Dabei handelt es sich, wie der Name „Wut auf Geräusche“ verrät, um eine Überempfindlichkeit gegenüber bestimmten Tönen. Diese verminderte Toleranz konzentriert sich oft auf den Lebenspartner, dem man tagaus, tagein zum Beispiel beim Essen zuhört. So ergeht es auch Isi Glück, die sagt: „Aber wenn ich jetzt auf der Couch bin und mein Mann isst Nüsse – ich krieg’ Aggressionen!“ Abgesehen davon, dass es heutzutage für jede Art von Gefühlsregung ein Krankheitsbild gibt, lässt uns eine Zahl so ratlos wie erleichtert zurück: Laut Bild sollen zwölf Prozent der Deutschen an Misophonie leiden. Wie bitte? Mehr nicht?

Gute Nachrichten können manchmal so easy daherkommen wie das Glück. Selbst Heerscharen von nervigen Kabarettisten, die man sich anhören muss, wenn man nicht schnell genug die Fernbedienung findet, machen die meisten Menschen nicht krank. Auch die Dudelmusik im Supermarkt schafft das nicht, die einen erst schwindlig dudelt und dann immer Sachen kaufen lässt, die garantiert nicht auf der Einkaufsliste gestanden haben. Ein glasklarer Auslöser für Misophonie müssten auch Chefs sein, die glauben, die besten Witze aller Zeiten zu kennen, und Leute in der Bahn, die ihr Telefonat als Videocall führen, weil sie aus Angst vor Strahlen ihr Handy nicht mehr an den Kopf halten wollen. Wut auf nervtötende Geräusche müsste die am weitesten verbreitete Volkskrankheit sein. Aber Deutschland ist robuster, als man dachte. Auch Isi Glück sollte sich freuen: Immerhin kann sie sich selbst und auch dem Honk, Micha von der Rampe und Ikke Hüftgold auf der Bühne jeden Abend zuhören, und das ganz ohne Aggressionen.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

SZ Stellenmarkt
:Entdecken Sie attraktive Jobs

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: