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Internationale Beziehungen:Der Nebenaußenminister

55. Münchner Sicherheitskonferenz

Wolfgang Ischinger ist Kenner der internationalen Diplomatie und enger Begleiter der europäischen Einigung - die er 2019 sogar mit einem ungewohnten Kleidungsstück ehrte.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Wolfgang Ischinger hat eine erstaunliche Karriere im Auswärtigen Dienst absolviert. Dann übernahm er die Münchner Sicherheitskonferenz und machte sie zu einem eigenen Werkzeug der Diplomatie. Jetzt wird er 75 Jahre alt.

Von Stefan Kornelius, München

Die vierte Jahreszeit heißt in München nicht unbedingt Fasching oder Karneval, sondern Sicherheitskonferenz. Pünktlich Mitte Februar bestieg deshalb ungeachtet jeder Corona-Restriktionen ein Mann auf eine Bühne im Bayerischen Hof, um den amerikanischen und französischen Präsidenten, die deutsche Bundeskanzlerin, den britischen Premier und eine Reihe weiterer Großweltenlenker zu begrüßen und ihnen das Wort zu erteilen. Die Staatsmenschen bedankten sich artig bei "Herrn Ischinger", dem "Herrn Botschafter" oder "Wulfgäng", und spulten dann routiniert ein Redeprogramm ab, das die Wiederauferstehung des Westens nach den Trump-Jahren zum Inhalt hatte.

Wulfgäng war an diesem Tag weitgehend allein im Hotelsaal platziert, aber seine Zuschauer waren ihm sicher: Die Gemeinschaft der außenpolitischen Handlungsreisenden, die es nicht weiter erstaunte, dass der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz den gerade eingeschworenen US-Präsidenten zum seinem ersten internationalen Aufritt gewinnen konnte.

Joe Biden ist ein alter Bekannter Ischingers. Die beiden nennen sich beim Vornamen, Biden gehörte um Senatorengestirn aus den Herren Lugar, Nunn, McCain, Lieberman und Kerry, die verlässlich in München zur Pflege der Außenpolitik aus dem Prä-Trumpistan auftauchten.

Diese Zeiten scheinen irgendwie verflogen, und dennoch gibt es Konstanten im Staatenleben: Ischinger nimmt eine ganz besondere Rolle in dieser Diplomatenwelt ein, weil er kein Diplomat mehr ist und dennoch so etwas wie ein Ein-Mann-Souverän mit Sondervollmacht und Schlüssel für die Hintertür.

Diplomat und Geschäftsmann

Diese erstaunliche Karriere begann wie so viele außenpolitische Einflussposten im Schatten von Hans-Dietrich Genscher. Sie führte über das Politische Direktorat und einen Staatssekretärsposten (unter Joschka Fischer) sowie die Botschafterposten in Washington und London schnurstracks in das zweite Leben als Leiter des Staates "Sicherheitskonferenz" - eine Entität, die es freilich nicht gibt. Die sich Ischinger aber hübsch aufgebaut hat, inklusive vieler Befugnisse und Hebel, die zuvor so keiner der Konferenzerfinder und -leiter auf seiner Arbeitsliste hatte.

Ischinger ist Diplomat, aber auch Geschäftsmann. Weshalb er die Konferenz zu einer GmbH formte, die er später in eine Stiftung überführte, in der die Bundesregierung, die bayerische Staatsregierung, die Robert Bosch Stiftung und EnBW einzahlten. Ischinger hält als Präsident des Stiftungsrats die Fäden in der Hand. Im Kuratorium und im Berat hat er Freunde und Vertraute aus einem langen Berufsleben und einem weltumspannenden Netzwerk versammelt - und auch den präsumtiven Nachfolger.

Darüber mag er allerdings nicht sprechen, denn Wulfgäng versteht etwas von Autorität und ihrer Vergänglichkeit, vor allem in einem deutschen Wahljahr, weshalb er sich erstmal auf seinen 75. Geburtstag konzentriert, den er an diesem Dienstag feiert. Die Sicherheitskonferenz will er nach wie vor im Frühsommer nachholen, wenn die Pandemie Außenpolitik der alten Art zulässt.

© SZ
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