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16. Folge "Die Isartürkin":Warum Türken auf Trashfilme stehen und dieser Umstand zum Weltfrieden beiträgt

Erdoğan sollte öfters mal schlechte Actionfilme anschauen.

(Foto: dpa; Collage Jessy Asmus)

Erdoğan denkt laut darüber nach, Atomwaffen anzuschaffen. Dabei pflegen seine Landsleute ein Hobby, das gegen solchen Größenwahn Wunder wirkt.

Türken lieben ihren Fernseher. Er ist ein Familienmitglied.

Mein Vater hat mit seinem Fernseher sogar Deutsch gelernt. Pünktlich um 20 Uhr sah er sich täglich die Tagesschau an, es musste dann immer absolute Stille im Wohnzimmer herrschen. Den Zeigefinger hielt er währenddessen drohend über den Lautstärkeknopf der Fernbedienung, die in meiner Familie übrigens "der Telecommander" oder "die Macht" heißt.

Als in der Familie Aykanat der erste Farb-Fernseher angeschafft wurde, saßen mein Vater, mein Bruder und ich (meine Mutter nicht, die liest nur, ist ja auch eine Deutsche) andächtig vor der Röhre. Als die erste Sendung - die Schlümpfe - über den Bildschirm flimmerte, klappten unsere Kinnladen nach unten. Mein Bruder flüsterte ehrfürchtig: "Die sind ja blau."

Einmal ging unser Fernseher kaputt. Wir saßen gerade auf dem Boden auf Kissen um den Couchtisch herum und aßen zu Abend, es lief "Wetten, dass..?" Plötzlich wurde das Bild schwarz, es knisterte und knackte laut, ein Rauchwölkchen stieg über dem Fernseher empor. Wir erstarrten zu Salzsäulen, mein Vater hielt sich am Telecommander fest. Wir erzählen uns heute noch gegenseitig davon, als ginge es um den schlimmen Autounfall eines Familienangehörigen.

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Genau genommen habe ich eine Vater-Fernseher-Prägung

Die Liebe meines Vaters zu unserem Fernseher prägte meine frühkindliche Vater-Tochter-Beziehung enorm. Eigentlich habe ich genau genommen eine Vater-Fernseher-Prägung. Während andere sich daran erinnern, wie sie als Kinder mit ihren Papas Baumhäuser bauten oder zum Fischen gingen, kommen mir Film-Nachmittage in den Sinn. Nein, keine pädagogisch wertvollen Arthouse-Filme. Mein Vater hat ein Faible für Action und für alles, was fliegt. Ist die Handlung dann auch noch mit einer Menge Kalauern garniert: Jackpot.

Manche Filme konnte er gar nicht oft genug sehen. Das allergrößte war es, wenn es Fortsetzungen oder, noch besser, ganze Film-Reihen gab.

Seit dieser Zeit kann ich "Police Academy" Teil eins bis sechs mitsprechen. Außerdem habe ich "Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug" geschätzt 300 Mal gesehen, die Fortsetzung "Die unglaubliche Reise in einem verrückten Raumschiff" sowieso. Auch die "Top Gun"-Persiflage "Hot Shots" gehört zum festen Aykanat'schen Bildungskanon. Nicht zu vergessen alle Filme mit Chevy Chase ("Spione wie wir", "Die schrillen Vier auf Achse"). Und der Grundkurs in "Trash" schlechthin: die "Nackte Kanone"-Trilogie.

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Es fliegt, es rumst und macht Sparwitze? Schauen wir an!

Manch einem Bildungsbürger mag diese Filmographie möglicherweise etwas unterkomplex vorkommen. Die könnten nun einwenden, dass es vielleicht besser gewesen wäre, wir hätten die Sendung mit der Maus, Löwenzahn und Tier-Dokumentationen angeschaut (haben wir auch, aber das hat sich mir nicht so eingeprägt, als dass ich darüber nun eine ganze Kolumne hätte schreiben können).

Eine Studie hat außerdem belegt, dass Menschen, die gerne Trashfilme ansehen, besonders intelligent sind. Das trifft natürlich auch auf die Türken zu, klar. Die schauen diese Art von Filmen nämlich aus einem ganz bestimmten Grund: damit sie nicht durchdrehen. Ich behaupte ja gerne Dinge, weil man das in einer Kolumne so schön machen darf, ohne dafür geschimpft zu werden. Das lästige beweisen, belegen und argumentieren fällt einfach weg. Also: Türken sind ein emotionales Volk. Sie regen sich permanent über irgendetwas auf: über Politik, über Fußball (was in der Türkei dasselbe ist), über das Wetter und so weiter. Würden Türken auch noch ständig kritische Arthouse-Filme sehen, kämen sie aus der Erregungsspirale gar nicht mehr heraus.

Mit Cornwalls Kreidefelsen gegen türkisches Temperament

Dann doch lieber die "Nackte Kanone". Darin geht es um Kanonen - klar - und um Männer, die den Weltuntergang abwenden, den sie selbst fast verursacht hätten. Also genau um diejenigen Themen, die mir im Zusammenhang mit der Weltpolitik als erstes einfallen. Handelt man diese Themen allerdings in Form eines lächerlichen Films ab, in dem Leslie Nielsen sich das Leben rettet, indem er sich an einem Betonpenis festhält, braucht man in der Realität nicht mehr ganz so dramatisch werden.

Allerdings besteht zwischen dem Volk und ihren Anführern offensichtlich eine immer größere Diskrepanz. Auch bei den Türken. Vielleicht gerade bei denen? Obwohl ebendiese Anführer sich ja gerne auf die angebliche Stimme des Volkes berufen, wenn sie die Welt mal wieder an den Abgrund führen. Würde nämlich Erdoğan mehr Trashfilme anschauen anstatt russische Raketenabwehr zu kaufen und darüber zu sinnieren, türkische Atombomben anzuschaffen, oder würde sich Trump öfter mal "Hot Shots" reinziehen anstatt zu twittern und Putin die Kalte-Krieg-Persiflage "Spione wie wir" anschauen anstatt tatsächlich Kalter Krieg zu spielen, wäre uns allen extrem geholfen.

Und es hat auch Auswirkungen auf den schnöden Alltag einer deutsch-türkischen Ehe. Der Trashfilmkonsum meines Vaters hat so manchen Familienkrach abgewendet.

Wenn meine Mutter nicht liest, schaut sie übrigens gerne Rosamunde-Pilcher-Filme. Das hat nichts mit Unterkomplexität zu tun. Kreidefelsen vor Cornwalls Küsten beruhigen sie einfach, sagt sie. Wenn das türkische Temperament mit meinem Vater durchgeht.

Kolumne "Die Isartürkin"

In der Beziehung zwischen Deutschen und Türken läuft etwas gewaltig schief. SZ-Redakteurin Deniz Aykanat, 33, trägt beide Seiten in sich. Meistens verstehen sie sich gut. Hier schreibt sie regelmäßig über ihr Leben zwischen Bayern und Bosporus. Alle Folgen der Kolumne finden Sie hier.