bedeckt München 28°

IS-Prozess:Ein Kind, festgebunden in der Sonne

Prozess wegen Mitgliedschaft im IS

Die Angeklagte Jennifer W. und ihr Anwalt Ali Aydin im Oberlandesgericht München.

(Foto: Peter Kneffel/DPA)

Nach zwei Jahren Schweigen redet Jennifer W., die angeklagt ist, beim IS nichts gegen den Tod eines Mädchens getan zu haben.

Von Annette Ramelsberger

Sie redet jetzt. Nach zwei Jahren Schweigen. Sie redet zwar nicht um ihr Leben, auf jeden Fall aber um ihre Freiheit. Es ist ganz offensichtlich der letzte Versuch, an einem "Lebenslänglich" vorbeizuschrammen, der Strafe, die der Angeklagten Jennifer W. droht, wenn das Oberlandesgericht München ihr nicht glauben sollte. Denn was ihr vorgeworfen wird, wiegt schwer. Sie soll als Braut eines IS-Kämpfers im Irak eine jesidische Sklavin und deren Tochter in ihrem Haus ausgebeutet haben. Und sie soll tatenlos zugesehen haben, als ihr Mann das Kind in der Sonne umkommen ließ. Die Bundesanwaltschaft hat die 29-Jährige aus Lohne im niedersächsischen Landkreis Vechta wegen Mordes durch Unterlassen angeklagt, dazu wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Und obwohl es jetzt um alles geht, schafft Jennifer W. es nicht, selbst die Stimme zu erheben. Sie lässt ihre Anwältin Seda Başay-Yıldız vortragen, was sie zu sagen hat.

Sie hört stundenlang ihre eigenen Worte, unbewegt

Sie selbst sitzt auf der Anklagebank, die Haare kunstvoll hochgezwirbelt zum Dutt, in ein rotes Felljäckchen gehüllt. Sie hört über Stunden ihre eigenen Worte, unbewegt.

Man erfährt, wie das so war beim IS, wie sie zu ihrem Mann gekommen ist, wie sich das Leben als Sklavenhalterin so gestaltete. Und dass Jennifer zwar ständig darüber nachdachte, irgendeinen muslimischen Mann zu heiraten, schon in Deutschland, aber auf keinen Fall Kinder wollte. Selbst beim IS bestand sie darauf: Heirat ja, Kinder nein. Es ließ sich nicht durchhalten. Sie hat mittlerweile ein Kind, ein kleines Mädchen, von ihrem IS-Mann. Doch um das geht es nicht in dem Prozess gegen sie, es geht um ein anderes Kind, ebenfalls ein Mädchen. Rania hieß es, es war fünf, ein jesidisches Sklavenmädchen, und es lebt nach allem, was man weiß, nicht mehr. Denn es hat, so die Anklage, Jennifer W. gestört. Und die habe zugesehen, als ihr Mann es unter der sengenden Sonne von Falludscha an ein Fenster gebunden habe. Als man es abnahm, war der Kiefer schon verkrampft. Das Kind wurde noch ins Krankenhaus gebracht, aber es kam nie wieder zurück.

Aber damit beginnt Jennifer W. nicht. Sie erzählt, dass sie sich nie wohlgefühlt habe in Deutschland, dass sie immer etwas gesucht habe. Mal war sie ein bisschen Gothic, dann dachte sie, sie sei Satanistin, mal fühlte sie sich der PKK zugehörig. Sie ging von der Schule ab, lernte nichts, arbeitete nichts, saß zu Hause. Ihre Mutter ließ sie chillen. Und dann zog sie sich einen Nikab an, einen Schleier, der nur die Augen freilässt, und wandte sich dem strengen Islam zu. Da schämte sich die Mutter für die Tochter. Und Jennifer W. entschloss sich, zum IS zu gehen, wo das Leben angeblich so angenehm war. Keiner, so hatte ihr eine Freundin erzählt, würde sie da wegen ihres Nikab schräg ansehen, sie müsse sich keine Sorgen machen um Miete, Wohnungssuche und Arbeit.

Im August 2014 machte sie sich auf, kam in ein Frauenhaus des IS, heiratete erst den einen Mann, dann den anderen. Der kam aus dem Irak, aus Falludscha, und dorthin kehrte sie mit ihm zurück. Auf dem Weg sagte er ihr, er habe da eine Frau, die seine Wäsche wasche. Es war die jesidische Bauersfrau Nora B., die vom IS verschleppt und versklavt worden war, mit ihrer kleinen Tochter Rania. Sie kamen als Sklaven der Familie mit nach Falludscha.

War das Haus ein Kinderparadies?

Und dann lässt Jennifer W. erzählen, wie das war bei ihnen zu Hause. Sie erzählt nicht von Schlägen, von Angst und Arbeit, wie das die Mutter von Rania als Zeugin vor Gericht getan hatte. Glaubt man Jennifer W., dann war ihr Haus in Falludscha ein Kinderparadies. Die kleine Rania sei ständig ein paar Häuser weiter bei der Familie des Onkels ihres Mannes gewesen, die Tante habe das Kind geliebt wie ein eigenes, die Kinder hätten sie behandelt wie eine kleine Schwester. Die Familie habe Rania mit Schokolade beschenkt, sodass die Mutter Nora sich schon Sorgen um die Zähne der Kleinen gemacht habe. Und wenn sie dann heimkam, sei sie immer zu ihr, Jennifer, gekommen und habe ihr gezeigt, was sie geschenkt bekommen habe. Nie sei sie geschlagen worden, nie habe sie zwangsweise beten müssen, auch Hunger hätten die Sklaven nicht gelitten. "Was wir aßen, aßen sie auch." Und natürlich hätten sie nicht das schlechte Wasser aus der Wasserleitung trinken müssen.

Dann geht es um den eigentlichen Vorwurf. An jenem Tag sei ihr Mann schlechter Laune gewesen, denn sie hätten sich gestritten, wieder einmal. Und dann kam auch noch Nora mit der kleinen Rania und sagte, die Tochter habe ins Bett gemacht. Mutter und Kind sollten nach draußen und alles sauber machen. Dann aber habe ihr Mann das Kind nicht mehr ins Haus gelassen, es sollte draußen bleiben, erst habe die Kleine das lustig gefunden, dann aber habe sie zu quengeln angefangen.

"Dann legte Taha (ihr Mann) sein Handy weg und holte ein Seil. Wo er das Band festmachte, konnte ich nicht sehen. Ich schaute nach Rania. Ihre Hände waren vorne an den Handgelenken zusammengebunden auf Bauchhöhe. Sie stand am Eck des Hauses. Sie konnte sich bewegen, einige Schritte." Nie sei sie auf einem Fenstersims gestanden, wie ihre Mutter das vor Gericht gesagt hatte. So lässt Jennifer W. vortragen, was sie erlebt hat. Sie sei zu ihrem Mann gegangen und habe gebeten, er solle das Kind losmachen. Dann sei sie wieder raus zu Rania. "Ich machte mir Sorgen und schaute nach ihr. Sie war ruhig. Sie war bei Bewusstsein. Ich sagte mehrmals zu ihm, er solle sie reinholen, weil sie müde aussah und die Sonne ums Haus kam. Er schrie mich an, es sei nicht meine Angelegenheit und er binde sie dann schon los." Ihr Mann habe weiter auf seinem Handy gespielt. Sie sei dann nochmal rausgegangen. "Rania war zusammengesunken, ihre Augen waren zu. Ich war erschrocken, wie schnell sich ihr Zustand verändert hatte. Die Sonne schien nur fünf bis zehn Minuten auf sie. Es war noch nicht mal Mittag." Dann habe ihr Mann sie losgemacht, Rania sei ihm in die Arme gesackt, er habe sie ins Haus getragen, sie selbst habe Wasser geholt. Aber es half nichts. "Ich wusste nichts von Erste-Hilfe-Maßnahmen, ich war geschockt", lässt die Angeklagte vortragen. Ihr Mann sei mit dem Kind ins Krankenhaus gefahren, sie habe es nie wiedergesehen.

Ihre Anwälte Ali Aydin und Seda Başay-Yıldız sagen nach der Aussage: "Sie wird sich ihrer Verantwortung stellen." Und sie werfen die Frage auf, was Jennifer W. in der Situation denn hätte tun können. Losbinden vielleicht? "Die Mutter hat es auch nicht getan", entgegnet die Verteidigerin. "Vielleicht hat niemand die Situation als so bedrohlich angesehen."

© SZ/kit
Zur SZ-Startseite
Attentat a la Basilique Notre Dame de Nice - La Basilique Notre Dame NEWS : Attentat a la Basilique Notre Dame de Nice -

SZ PlusIslamismus
:"Falls Merkel glaubt, sie sei nicht betroffen, täuscht sie sich"

Seit dem Niedergang des IS erlebt Europa eine neue Art von Extremismus. Der Sozialwissenschaftler Gilles Kepel erklärt, warum der neue Terrorismus schwer zu bekämpfen ist.

Interview von Dominique Eigenmann

Lesen Sie mehr zum Thema