Süddeutsche Zeitung

Irre Ideen aus dem Atomzeitalter:Für ein strahlendes Lächeln

Radioaktive Zahnpasta, Atombomben für Landschaftsgärtner, Plutonium ins Herz: Der Ausstieg aus der Kernenergie beendet wohl auch eine Ära, in der der Mensch dachte, mit der Kraft der Atome alles erreichen zu können. Wirklich alles. Acht mitunter abstruse Beispiele.

1942 nahm der Physiker Enrico Fermi in Chicago die erste Atomenergie-Anlage der Welt in Betrieb. 80 Jahre später, im Jahr 2022, soll das letzte deutsche Kernkraftwerk vom Netz gehen. So will es die schwarz-gelbe Bundesregierung, die mit ihrem Atomausstieg womöglich das Ende eines Zeitalters markiert - des Zeitalters, in dem der Mensch dachte, mit der Atomkraft alles erreichen zu können.

Landschaftsgestaltung mit Atombomben

Das enorme Zerstörungspotential der Atombombe beflügelte schon früh die Phantasie der Wissenschaftler. "Wir machen Berge dem Erdboden gleich, bringen Wasser in die Wüste und schlagen Schneisen durch den Dschungel. Wir bringen Leben, Glück und Wohlstand an Orte, an die noch kein Mensch seinen Fuß gesetzt hat", zitierte einst das Greenpeace Magazin Wladimir Wischinskij, der als einer der Mentoren des sowjetischen Atomprogrammes schon 1951 von einer neuen Welt träumte.

Auch Edward Teller, Erfinder der Wasserstoffbombe, habe sich in jener Zeit der Hoffnung hingegeben, er könne schon bald mit dem Atomfeuer das Wetter steuern, die Erde umgestalten und nebenbei auch künstliche Diamanten erzeugen. Vor dem US-Kongress habe Teller den "planetarischen Ingenieur" vorgestellt, der die kühnen Projekte umsetzen sollte.

Und es gab auch schon konkrete Vorhaben: Während der Suez-Krise 1956, als Ägypten, Großbritannien, Frankreich und Israel um die Kontrolle des Kanals rangen, regten Physiker an, kurzerhand einen Kanal vom Mittelmeer durch die Negev-Wüste hin zum Golf von Akaba zu sprengen. Und Anfang der sechziger Jahre titelte die Los Angeles Times: "U.S. to Build New Canal Across Central America." Wie? Mit Atomsprengköpfen!

Am 10. Dezember 1961 kam die Technik tatsächlich zum Einsatz - zumindest testweise: Im amerikanischen Carlsbad in New Mexico explodierte ein nuklearer Sprengsatz, der drei Kilotonnen TNT entsprach. Es war der Auftakt zu immerhin 25 Tests, mit denen im Rahmen des Projekts Pflugschar (Plowshare) die zivile Nutzung des Atomfeuers für Erdbewegungen getestet wurde.

So entstand auch 1962 der mächtige Krater der Sedan-Explosion. Die Bombe mit einer Sprengkraft von gut 100 Kilotonnen jagte rund zwölf Millionen Tonnen Erde und Gestein in die Luft. Die Testreihe wurde bis zum Jahr 1973 fortgesetzt. Allerdings wurden die anvisierten Projekte nie realisiert. Sie waren zu teuer, außerdem wuchs der Widerstand gegen die radioaktive Kontamination.

(Hans von der Hagen)

Atombombe statt Müllabfuhr

Es verschlug selbst Atomexperten die Sprache, als 1991 die sowjetische Firma International Chetek Corporation unterirdische Nuklearexplosionen für jedermann anbieten wollte. Die Idee: Schwierige Abfälle wie Gift- oder Atommüll sollten in einigen hundert Metern Tiefe durch die enorme Hitze der Explosion pulverisiert werden. Die glasharte Schmelze würde die Abfälle zudem versiegeln.

Die New York Times zitierte seinerzeit einen Chetek-Vertreter mit den Worten: Alle Ideen würden in Betracht gezogen, die entsprechenden Technologien seien vorhanden und würden eingesetzt werden.

Unter den Aktionären der Gesellschaft soll sich nach Angaben der Zeitung auch das sowjetische Ministerium befunden haben, das für den Bau von Atomwaffen zuständig war. Auch die Preise standen schon fest: Sie variierten zwischen 300 und 1200 Dollar pro Kilogramm Müll.

In dem zu der Zeit von Michael Gorbatschow verhängten Atom-Test-Moratorium sahen die Firma und das sowjetische Verteidigungsministerium kein Hindernis: Das würde nur für Waffentests gelten. Der Widerstand gegen dieses Projekt war allerdings zu groß - selbst in der Sowjetunion.

(Hans von der Hagen)

Strahlend weiße Zähne

Während des Zweiten Weltkriegs war die Begeisterung für Radioaktivität derart groß, dass sich Firmen wie die Berliner Auergesellschaft an radioaktiven Zahnpasten versuchten. Das Unternehmen hatte bereits Erfahrung in der Verarbeitung von Uran und sich während der Besetzung Frankreichs die Thorium-Bestände einer französischen Firma geschnappt.

Da die Auergesellschaft erwog, sich nach dem Krieg auf den Bereich Kosmetik zu konzentrieren, machte sie mit der radioaktiven Zahnpasta schon mal einen Anfang und verarbeitete ihr Thorium in der Creme.

In Werbebroschüren stellte die Firma die radioaktiven Partikel als strahlende kleine Schutzpolizisten im Kampf gegen "die Feinde Ihrer Zähne" dar. Die Abwehrkräfte von Zähnen und Zahnfleisch werde gestärkt, die Paste sei "erfrischend und keimtötend", hieß es. Und weiter: "Die Zellen werden mit neuer Lebensenergie geladen, die Bakterien in ihrer zerstörenden Wirksamkeit gehemmt."

(Hans von der Hagen)

Der atomare Chic

Strahlende Zeitmesser als Symbol der Moderne: Ein Warnzeichen für radioaktive Strahlung findet sich zuweilen auf Zifferblättern älterer Uhren - etwa ein "T" für das Wasserstoff-Isotop Tritium. Mit radioaktiven Substanzen wurden Ziffern und Zeiger zum Leuchten gebracht.

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts galt das stärker strahlende Radium als beliebte Leuchtmasse, später wurde es durch das geringer strahlende Tritium ersetzt. Die gesundheitliche Belastung für den Träger hält sich Experten zufolge in Grenzen - wirklich gefährlich waren diese Stoffe jedoch lange für Arbeiter in der Uhrenproduktion.

Schon früh machte die Geschichte von den Radium Girls die Runde, die für die United States Radium Corporation Zifferblätter bemalten. Viele der Frauen erkrankten - auch deshalb, weil einige in Unkenntnis der Gefährlichkeit der Substanz das leuchtende Radium zum Schminken verwendeten.

In den zwanziger Jahren strengten sie einen aufsehenerregenden Prozess gegen ihren Arbeitgeber an - und bekamen Recht. Die radioaktiven Stoffe wurden allerdings weiter verwendet, zum Teil wird Tritium in Uhren noch heute eingesetzt.

(Hans von der Hagen)

Die Öl-Stopp-Bombe

Als das BP-Öl 2010 den Golf von Mexiko verseuchte und keine Technik das Bohrloch verschließen konnte, erinnerten sich Techniker an Russland: Dort wurde vor Jahrzehnten bei vergleichbaren Katastrophen einfach ein nuklearer Sprengsatz gezündet. Die mächtige Hitze ließ das Gestein schmelzen - und das Bohrloch war dicht.

Angesichts des mächtigen Ölstroms fand diese Idee auch in den USA wachsenden Zuspruch, bis sich am Ende das Energieministerium zu einem harschen Dementi genötigt sah: Energieminister Steven Chu erwäge nicht, unter dem Meer eine Atombombe zu zünden. Experten wiesen daraufhin, dass eine solche Explosion nicht nur das Problem radioaktiver Verseuchung mit sich bringen würde, sondern auch angesichts der Abrüstungsbemühungen politisch nicht vertretbar sei.

Schließlich ließ sich das Bohrloch doch ohne Atombombe abdichten. Die Umweltkatastrophe war auch so groß genug.

(Hans von der Hagen)

Mini-Meiler für jedermann

Lange vor Fukushima glaubte ein US-amerikanisches Unternehmen, die Lösung aller Energieprobleme gefunden zu haben: Atomkraftwerke im Mini-Format, mit ausreichend Leistung, um etwa 10.000 Haushalte mit Strom und Wärme zu versorgen. Diese Kleinstreaktoren, so die Logik des Herstellers, seien mit einem Preis von 20 Millionen Euro vergleichsweise günstig - und ihre Kunden unabhängig von Stromnetzen und -preisen.

Auch an die Sicherheit hatte Hyperion Power Generation, so der Name der Firma, gedacht: Im Inneren seien kaum bewegliche Teile verbaut, die Kühlung erfolge ohne Pumpen, nur durch flüssiges Kalium, das sich von selbst durch die Rohre bewege. Eine Kernschmelze sei angesichts des geringen Brennmaterials nicht möglich. Und weil die Mini-AKWs, jedes kaum größer als ein Whirlpool, drei Meter tief unter der Erde vergraben werden sollten, seien sie vor Umwelteinflüssen oder terroristischen Angriffen geschützt.

Ein Erdbeben wurde Ende 2008, als die Geschichte von dem amerikanischen Patent durch deutsche Medien geisterte, offenbar noch nicht als mögliche Katastrophenursache in Betracht gezogen. Eine Auslieferung der Geräte, die sich technisch an den Reaktoren von Atom-U-Booten orientieren, ist seitdem offenbar nicht erfolgt. Dabei schwärmte der Geschäftsführer der Firma, John Deal, schon früh von Hunderten Vorbestellungen, vor allem aus Entwicklungsländern und von Firmen in abgelegenen Gebieten ohne Infrastruktur. Nur die Freigabe durch die zuständigen US-Behörden fehle noch.

Eine erste Anhörung hat es laut der Firmenwebsite im Dezember 2010 gegeben. Seit Anfang März wurde der News-Bereich der Seite nicht mehr aktualisiert. Der Titel des letzten Eintrags lautet: "Japanese Earthquake and Reactor Update."

(Michael König)

Gute Besserung mit Alpha-Strahlen

"Radioaktives heißes Quellwasser" in Budapester Heilbädern oder eine "Radonkur" im österreichischen Gastein: Mancherorts gilt Radioaktivität als gesundheitsfördernd - und als Argument bei der Umwerbung von Touristen. "Milde Alphastrahlung" werde freigesetzt, heißt es etwa auf den Seiten der Gasteiner Therme. Diese rege die Selbstheilungskräfte des Körpers an. Besonders schmerzlindernde und entzündungshemmende Effekte versprechen sich die Anbieter der Gasteiner Heilstollentherapie. Die Ganzkörperdosis, der man bei einer dreiwöchigen Kur ausgesetzt wird, liegt im Schnitt bei 1,8 Millisievert (mSv).

Das geruchlose Edelgas Radon, ein Zerfallsprodukt von Radium, gilt dem Bundesamt für Strahlenschutz jedoch als gesundheitsgefährdend. Eine dauerhafte Aufnahme von Radon beziehungsweise seiner radioaktiven Zerfallsprodukte könne die Entstehung einer Lungenkrebserkrankung begünstigen. Für die Bevölkerung hat das Amt einen Strahlengrenzwert von ein mSv pro Jahr festgelegt. Für eine medizinische Strahlenanwendung gibt es allerdings keine Dosisgrenzwerte. Zur Radon-Therapie hat die Behörde immerhin festgestellt, bei "strenger und fachlich kompetenter ärztlicher Indikationsstellung unter Abwägung des Strahlenrisikos [...] kann eine Radon-Balneotherapie bei chronisch schmerzhaften Erkrankungen des Bewegungsapparates medizinisch gerechtfertigt sein".

(Hans von der Hagen)

Plutonium am Herzen

Die Sonde Voyager 1 hat die Grenze unseres Sonnensystems erreicht - und sendet noch immer Signale. Das funktionierte, weil ihr vor dem Start 1977 Atombatterien eingebaut wurden, die bis heute ihren Dienst tun. Meist wurde dafür Plutonium 238 verwendet, das eine Halbwertszeit von knapp 90 Jahren hat.

Doch wie riskant eine solche Energieerzeugung ist, zeigte sich bereits 1964, als bei der Explosion der Trägerrakete Thor Able Star in großer Höhe knapp ein Kilo Plutonium freigesetzt wurde, das angeblich bis heute nachweisbar ist.

Plutonium-Batterien wurden übrigens in den siebziger Jahren auch in Herzschrittmachern eingebaut. Der Vorteil: Sie halten lange. Der Nachteil: Sie strahlen. Gut 280 Patienten erhielten einen solchen Schrittmacher, teilt das Bundesamt für Strahlenschutz mit. Zwei von ihnen seien noch am Leben.

(Hans von der Hagen)

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