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Irland:Im Schatten des Missbrauchs

Generalaudienz Papst

Zum Besuch von Papst Franziskus in Dublin werden 100 000 Menschen in der irischen Hauptstadt erwartet.

(Foto: Riccardo De Luca/dpa)

Der Papst reist zum Weltfamilientreffen auf die Insel.

Mit dem Motto "Freude für die Welt" begann diese Woche in Dublin der "Weltfamilientag". An diesem Samstag reist Papst Franziskus dazu in die Republik Irland. 100 000 Menschen sollen kommen, fast 40 Jahre war kein Papst da. Er besucht den "Hügel der Jungfrau" in Knock, trifft Premier Leo Varadkar und Präsident Michael D. Higgins. Aber der Papst wird im Papamobil nicht nur an Jubelnden entlangrollen, sondern auch an Wänden aus Misstrauen.

Kaum ein Land ist so getroffen durch kirchlichen Missbrauch. Protest ist daher angesagt, am Sonntag werden wohl Tausende demonstrieren zum Slogan "Stand for Truth" (Steh' zur Wahrheit), während Franziskus die Abschlussmesse feiert.

So schockierend war das System von Missbrauch und Vertuschung, dass viele der tief katholisch geprägten 4,7 Millionen Iren sich abwandten von der Kirche. 2017 bekannten sich 78 Prozent zu ihr, 92 Prozent 1991. Dazwischen liegen ein Regierungssturz 1994 nach einem Vertuschungsskandal und Enthüllungen: 2005 im Ferns-Report, 2009 im Ryan-Bericht über systematischen Missbrauch an katholischen Schulen und Heimen 1940 bis 1990 und im Murphy-Report. Was zutage trat, nannten Medien "irischen Holocaust". Abertausenden Kindern, jungen Leuten war über Jahrzehnte Schlimmes angetan worden von Männern und Frauen der Kirche. Sexueller Missbrauch, physische, psychische Misshandlung; Müttern nahm man uneheliche Babys weg, beutete die Frauen aus in den berüchtigten "Magdalenen-Wäschereien". Eine Kultur des Verschweigens ermöglichte den Horror, die Kirche wollte sich und die Täter schützen, lange gedeckt von Vatikangremien - Behörden und Politik sahen weg. Die Opfer schützte keiner. Die katholische Kirche war übermächtig, beherrschte lange Schulwesen und Krankenhäuser, die Politik fügte sich: Bis 1985 war Kondomverkauf verboten, bis 1995 die Scheidung. Dass 2015 die Iren der Zulassung gleichgeschlechtlicher Ehen zustimmten und im Mai der Lockerung des Abtreibungsverbots, erzählt vom Bruch.

Natürlich hatten die Skandale Konsequenzen: Bischöfe traten zurück, es gab Entschädigungen und Prozesse. Der Vatikan verschärfte das Kirchenrecht, tauschte Leute aus, setzte Kommissionen ein, Bistümer müssen mit Polizei und Justiz kooperieren. 2011 entschuldigte sich Papst Benedikt XVI. in einem Hirtenbrief bei den Opfern. Schrieb von "Schande und Reue", warf Irlands Bischöfen schwere Fehler vor. Franziskus führt dies noch entschlossener fort. Nun erschien sein Brief "an alle Gläubigen", er spricht von Gräueltaten, die nie verjähren, und fordert, Klerikalismus zu bekämpfen, der Missbrauch ermögliche.

Doch Irland erlebte, dass auch nach Enthüllungen und Versprechungen versucht wurde, Schuldige zu schützen. Franziskus wird all das wohl nun ansprechen. Ein Kommentator der Irish Times meinte aber, es sei zu spät: Der Papst finde eine Kirche vor, "die nicht nur zerfällt, sondern in einiger Hinsicht nicht mehr reparabel ist".

© SZ vom 25.08.2018
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