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Irland:Vom Vorbild zum abschreckenden Beispiel

FILE PHOTO: Outbreak of the coronavirus disease (COVID-19) pandemic in Galway

Eine leere Straße in Galway: Das öffentliche Leben ist Anfang Januar auch in Irland zur Erliegen gekommen

(Foto: REUTERS)

Noch im Herbst wurde die Corona-Politik Dublins als Erfolg gefeiert, nun hat sich das Bild dramatisch gewandelt, die Regierung macht die in Großbritannien aufgetauchte Virus-Mutation für die nun verheerenden Zahlen verantwortlich.

Von Alexander Mühlauer, London

Es ist noch nicht lange her, da galt Irland als Vorbild für ganz Europa. Der dort im Herbst verhängte Lockdown wurde als Erfolg gefeiert, auch in Deutschland. So lobte etwa die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina das irische Modell. Die Erfahrungen auf der Insel hätten eines gezeigt: "Schnell eingesetzte, strenge Maßnahmen über einen kurzen Zeitraum tragen erheblich dazu bei, die Infektionszahlen deutlich zu senken und niedrig zu halten."

Das war vor fünf Wochen. Seitdem hat sich die Lage in Irland dramatisch verändert: Die Republik verzeichnet nun die weltweit höchsten Neuinfektionen pro Kopf. Die Sieben-Tage-Inzidenz ist mittlerweile auf mehr als 900 pro 100 000 Einwohner gestiegen. Anfang Dezember lag dieser Wert noch bei unter 50.

Um zu verstehen, wie sich dieser massive Anstieg erklären lässt, muss man die Entwicklung seit Oktober betrachten. Damals verhängte die irische Regierung einen harten Lockdown. Sechs Wochen lang galt die strengste der fünf Corona-Warnstufen: Level 5. Bis Anfang Dezember wurde das öffentliche Leben heruntergefahren. Im Grunde war alles zu, bis auf Schulen, Kitas und lebensnotwendige Geschäfte wie Supermärkte und Apotheken. Treffen von Angehörigen unterschiedlicher Haushalte waren verboten. Den Bürgerinnen und Bürgern war es lediglich erlaubt, sich im Umkreis von bis zu fünf Kilometern von ihrem Zuhause zu bewegen. Zum Arbeitsplatz durfte nur, wer eine spezielle Genehmigung hatte.

Die Regierung in Dublin pries die Einschränkungen als "Europas striktestes Regime". Es hat gewirkt, jedenfalls zunächst: Die Zahl der täglichen Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner konnte von 260 auf unter 50 gesenkt werden. Doch dann wurden die Regeln Anfang Dezember wieder schrittweise gelockert. Geschäfte, Restaurants und Museen durften wieder öffnen. Vom 18. Dezember an war es erlaubt, Angehörige von bis zu drei Haushalten zu treffen. Die Irinnen und Iren durften also wieder shoppen und sich mit Freunden und Bekannten verabreden. Die meisten dürften sich dabei sicher gefühlt haben - doch dieses Gefühl war trügerisch.

Dublin macht die Virus-Mutation für Anstieg verantwortlich

Bereits vor Weihnachten stieg die Zahl der Neuinfektionen wieder stark an. Die Regierung reagierte: Seit Heiligabend mussten Pubs und Restaurants wieder schließen; doch erst von Neujahr an wurden Treffen von Angehörigen unterschiedlicher Haushalte verboten. Die Folge: Seit Silvester stiegen die Fallzahlen in einer Geschwindigkeit wie sonst nirgendwo in Europa.

Die Regierung in Dublin verteidigte seitdem ihre Corona-Politik und machte vor allem die in Großbritannien aufgetauchte Virus-Mutation für die verheerenden Zahlen verantwortlich. In Irland wurde sie erstmals am 25. Dezember entdeckt. Die Mutation sei um 50 bis 70 Prozent ansteckender als die bisher gängige Variante, teilte die Regierung mit. Nach Angaben des "National Virus Reference Laboratory" vom Montag wurden bei 40 Prozent der positiv getesteten Fälle die neue Mutation festgestellt.

In Irland ist es nun wie in Großbritannien: Gelingt es nicht, die Neuinfektionen zu senken, steht das Gesundheitssystem vor dem Kollaps. Pro 100 000 Einwohner verfügt Irland nur über fünf Intensivbetten - weit weniger als der OECD-Durchschnitt von zwölf Betten. Tony Holohan, medizinischer Chefberater der irischen Regierung, sagte am Anfang dieser Woche, dass sich das Land auf eine Zeitspanne einstellen müsse, in der die Situation in den Krankenhäusern schlechter werde, bevor sie sich hoffentlich wieder bessere.

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