Irans disqualifizierte Präsidentschaftsbewerber Ayatollah Chamenei hält die Zeit an

Für Ayatollah Ali Chamenei läuft alles nach Plan: Vor der Präsidentschaftswahl eliminiert der Wächterrat die beiden Kandidaten, die das Erbe des alternden Revolutionsführers bedrohen. Doch das letzte Wort im komplizierten iranischen Machtspiel ist das noch nicht.

Eine Analyse von Tomas Avenarius, Kairo

Die Islamische Republik Iran wird oft als eine Demokratie bezeichnet: Ein Mullah-Staat mit einem frei gewählten Parlament und einem vom Volk bestimmten Staatschef. Ganz so einfach ist es nicht. Der Wächterrat als oberstes - und nicht gewähltes Gremium - bestimmt, wer bei diesen Wahlen antreten darf.

Das lässt genug Raum für Manipulation im Vorfeld. Genau dies ist nun geschehen - bei der anstehenden Präsidentenwahl sind die beiden einzigen Kandidaten ausgeschlossen worden, die dem Regime gefährlich werden könnten. Was dahintersteckt, ist klar: Der alternde Revolutionsführer Ayatollah Ali Chamenei will die Islamische Republik Iran in ihrer ursprünglichen Form absichern, auch in der Zeit nach seiner Herrschaft.

Dem nun vom Wächterrat schon vor dem Startschuss aus dem Rennen geworfenen Kandidaten Haschemi Rafsandschani wurde zugetraut, die zentralen Probleme des Landes anzugehen: zum Beispiel eine Lösung des 30-jährigen Dauerstreits mit den USA und dem Westen, der Iran im Streit um das iranische Nuklearprogramm immer stärker isoliert.

Rafsandschani wäre auch für Reformer wählbar gewesen

Und: Rafsandschani hatte Sympathien für den 2009 brutal niedergeschlagenen Aufstand der Liberalen erkennen lassen, gilt als ein Mann, der auch mit den Reformern reden kann, seien es nun Geistliche wie der frühere Staatschef Khatami oder die seit Monaten unter strengstem Hausarrest stehenden Oppositionsführer Mir Hussein Mussawi und Mehdi Kharoubi.

Rafsandschani hätte nicht nur die Stimmen enttäuschter Reformer gewinnen können, als Urgestein des Mullahstaates wäre er von Chamenei auch nicht so ohne Weiteres einzufangen gewesen. Der 78-Jährige gilt als eine der Schlüsselfiguren der ersten Revolutionsjahre und agiert inzwischen als ökonomisch unabhängiger, milliardenschwerer Unternehmer.

Anders liegt die Sache bei Isfandar Rahim Maschaie, der zweite Disqualifizierte von Rang. Der Schwager und langjährige Büroleiter des amtierenden Staatschefs Ahmadinedschad vertritt wie dieser eine für die Islamische Republik gefährliche Politik.

Diese Politiker der neuen Generation geben als Nichtgeistliche weniger auf den religiösen Anspruch, sondern sind im Kern Vertreter eines großpersischen Hegemoniedenkens: Iran als Vormacht am Persischen Golf und gegenüber der arabischen Welt. Nicht, dass sie den Gottesstaat offiziell abschaffen wollten - aber die Gewichte sollen verschoben werden in den Institutionen, der Präsident nicht länger der Befehlsempfänger des Revolutionsführers sein.

Da der Populist Ahmadinedschad nach zwei Amtszeiten vorerst nicht mehr antreten darf - er hat noch immer die Landbevölkerung und die städtischen Armen hinter sich -, sollte Maschaie ihm für eine Amtsperiode den Präsidentensessel warm halten. Genau diesen politischen Taschenspielertrick, den in Russland Wladimir Putin so erfolgreich durchexerziert hat, hat Chamenei mit Hilfe des Wächterrats nun unmöglich gemacht hat.

Nach den Regieanweisungen des Ayatollah

Zur Wahl stehen nun nur noch acht männliche Kandidaten - beworben beim Wächterrat hatten sich fast 700 Iraner, darunter auch ein paar Frauen. Alle nun zugelassenen Bewerber gelten als Chamenei-konform oder ungefährlich.

Die Wahlen dürften nun gemäß der Regieanweisung des obersten Machthabers im geistlichen Gewand ablaufen: Die Reformer sind ohne Rafsandschani praktisch kopflos, auch wenn ein weniger bekannter Kandidat als ihr Vertreter gilt: Mohamed Reza Aref. Und die großpersischen Populisten à la Ahmadinedschad stehen ebenfalls ohne eindeutig positionierten Kandidaten da.

Eine Eigenheit der Islamischen Republik allerdings bleibt trotz all der Vorarbeit Chameneis schwer berechenbar: Der iranische Machtapparat ist ein undurchschaubares Interessenknäuel, in dem sich unerwartet die seltsamsten Koalitionen bilden.

Das Ergebnis dieser endlosen Strippenziehereien zwischen Politik, Geistlichkeit, Geschäftswelt und Sicherheitskräften wird sich nach dem Urnengang im Juni zeigen.

Einen Schwerpunkt zu den Entwicklungen in Iran lesen Sie in der Donnerstagsausgabe der Süddeutschen Zeitung.