Iran und USA Heimliche Treffen der Erzfeinde

Das Atomabkommen zwischen dem Westen und Iran wurde nicht allein von offiziellen Delegationen ausgehandelt. Parallel dazu liefen offenbar fast drei Jahre lang direkte Gespräche zwischen Teheran und Washington.

Von Hubert Wetzel

Klassische Geheimdiplomatie war offenbar eine wichtige Zutat bei der Einigung zwischen dem Westen und Iran auf ein Atomabkommen. Amerikanischen Medienberichten zufolge gab es neben den öffentlich bekannten Verhandlungen, an denen die fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats sowie Deutschland und Iran teilnahmen, noch einen zweiten, streng geheimen Gesprächskanal. Dieser verband Teheran direkt mit Washington. Geleitet wurden diese Gespräche auf US-Seite von Vizeaußenminister William Burns, der von Präsident Barack Obama persönlich damit beauftragt worden war.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur AP und des Wall Street Journal gab es mindestens seit Frühjahr 2011 geheime Kontakte zwischen Diplomaten der USA und Irans. Etliche Treffen fanden in Muskat statt, der Hauptstadt des Sultanats Oman. Die Gespräche über eine mögliche Einigung im Streit über Teherans Atomprogramm begannen damit lange vor der Wahl des Gemäßigten Hassan Rohani zum neuen iranischen Präsidenten im Juni 2013, noch zur Amtszeit von dessen weit radikalerem Vorgänger Mahmud Ahmadinedschad. Auch John Kerry, heute Außenminister, damals noch Senator, hat den Berichten zufolge im Dezember 2011 an einem der Treffen teilgenommen.

Alles anders seit der Wahl Rohanis

Bei den Treffen ging es um die Frage, wie der seit Jahren schwelende Atomstreit beigelegt werden könnte. Unter Ahmadinedschad war das schwierig, weil der frühere Präsident immer wieder antiisraelische und antiamerikanische Reden hielt, was den diplomatischen Umgang mit ihm enorm erschwerte. Das änderte sich grundlegend mit der Wahl Rohanis, der seinen Wahlsieg ausdrücklich als Mandat bezeichnete, die Beziehungen Irans zum Westen zu verbessern und eine Lockerung der massiven Wirtschaftssanktionen zu erreichen, unter denen das Land leidet.

Nach Rohanis Amtsantritt nahmen die geheimen Gespräche daher Schwung auf: Burns und andere US-Vertreter trafen iranische Diplomaten in Muskat, Kerry sprach mehrmals mit seinem iranischen Kollegen Mohammed Dschawad Sarif und schließlich nahm Präsident Obama persönlich Kontakt zu Rohani auf - zunächst im August 2013 in einem Brief, in dem er dem Iraner zu dessen Wahlsieg gratulierte. Im September dann rief Obama Rohani an, als dieser nach seinem Auftritt bei der UN-Vollversammlung in New York gerade zum Flughafen fuhr, um heimzureisen.

Während der Geheimgespräche in Muskat fanden mehrere Runden der offiziellen sogenannten P5+1-Verhandlungen mit Iran statt. Bei diesen redete Teheran mit den fünf permanenten Sicherheitsratsstaaten - USA, Russland, Frankreich, Großbritannien, China - plus Deutschland. Wortführerin der Sechsergruppe ist die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton. Die US-Regierung hatte ihre Partner aus der Sechsergruppe über den geheimen Gesprächskanal zwar informiert, ebenso die israelische Regierung. Offenbar wussten die Europäer, Russen und Chinesen aber längst nicht über alle Details der Verhandlungen Bescheid.

Nach Darstellung des Wall Street Journal kreuzten sich die beiden Gesprächsstränge Anfang November in Genf - auf ungünstige Art und Weise. Während die Sechsergruppe um einen gemeinsamen Text für ein Kompromisspapier mit Iran rang, tauchte angeblich plötzlich ein Dokument auf, das die USA separat mit Teheran ausgehandelt hatten. Darüber waren offenbar vor allem die Franzosen erbost. Sie lehnten das iranisch-amerikanische Dokument als ungenügend und lückenhaft ab und ließen die Genfer Gespräche platzen.

Erst an diesem Wochenende, im zweiten Anlauf, fanden dann alle Seiten zueinander und konnten sich nach zähen Gesprächen auf ein gemeinsames Papier einigen. Danach beschränkt Iran für zunächst sechs Monate die Anreicherung von Uran, stoppt den Weiterbau eines Plutoniumreaktors und lässt umfassende Inspektionen seiner Atomanlagen zu. Im Gegenzug lockern EU und USA ihre Wirtschaftssanktionen.

Zum Erfolg der zweiten Runde der Genfer Gespräch trug offenbar wesentlich bei, dass wieder die Geheimverhandler aus Washington zugegen waren - allerdings gut getarnt. Burns und seiner Mitstreiter stiegen nicht wie die anderen Delegationen in dem Hotel ab, in dem die Gespräche stattfanden, sondern an einem geheimen Ort. Zu den Verhandlungen wurden sie an den Journalisten vorbei durch Hintereingänge und abgelegene Korridore gelotst. Völlig unentdeckt blieben die Amerikaner aber nicht. Dem Vernehmen nach wurde einer von ihnen, Puneet Talwar, Iran-Experte im Weißen Haus, von Reportern an einer Bushaltestelle in Genf gesehen.