Iran:Attentat in Teheran

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Iran: Der iranische Präsident Ebrahim Raisi schwor Rache nach dem Attentat.

Der iranische Präsident Ebrahim Raisi schwor Rache nach dem Attentat.

(Foto: Vahid Salemi/dpa)

Unbekannte erschießen einen hohen und offenbar einflussreichen Offizier der Revolutionsgarden. Das Regime bezichtigt Israel und die USA der Tat.

Von Tomas Avenarius, Istanbul

Die blumige Wortwahl war erwartbar. "Ohne Zweifel wird das Blut dieses großen Märtyrers gerächt werden." Interessanter war, dass Irans Staatspräsident Ebrahim Raisi persönlich diesen Racheschwur leistete und so von höchster Stelle aus einen Hinweis gab, wie wichtig der Mann ihm war, den Unbekannte in Teheran auf der Straße erschossen hatten. Oberst Hassan Sayyed Khodaei war ein offensichtlich einflussreicher Offizier der Iranischen Revolutionsgarden und soll zur Eliteeinheit "Quds-Brigade" gehört haben. Iranischen Angaben zufolge hatte er in Syrien gekämpft.

Die Revolutionsgarden selbst sprachen von einem "Terrorakt", und die Nachrichtenagentur Nour News Agency drohte, mit dem Anschlag sei eine "rote Linie" überschritten worden. Die Verantwortlichen müssten "einen hohen Preis zahlen". Das Attentat auf den Revolutionswächter kommt zu einem brisanten Zeitpunkt. Die Verhandlungen um eine Wiederbelebung des Nuklearabkommens treten auf der Stelle. Es gibt derzeit wenig Hoffnung, dass der 2018 vom damaligen US-Präsidenten Donald Trump gekündigten Vertrag reaktiviert werden kann. Iran belastet die Verhandlungen mit einer neuen Forderung: Die Revolutionsgarden dürften nicht länger als Terrororganisation gebrandmarkt werden. Zu einer Annäherung in dieser Frage dürfte der Anschlag daher kaum führen.

Der Oberst der Quds-Brigade war am Sonntag im Zentrum der Hauptstadt in der Nähe des Parlaments vor seinem Wohnhaus erschossen worden. Der Offizier hatte am Steuer eines Kleinwagen gesessen, offenbar ohne jede Sicherheitsvorkehrung. Zwei maskierte Motorradfahrer waren herangefahren und hatten ihn laut der Agentur Irna aus nächster Nähe mit fünf Schüssen getötet.

Nicht der erste Motorrad-Anschlag

Bisher hat sich niemand bekannt. Wen das Regime verantwortlich macht, wurde aus Raisis Worten aber klar. Der Präsident bezichtigte die Vertreter des "globalen Hochmuts", das ist die Umschreibung für Israel und die USA . Das Attentat ähnelt einer Reihe ähnlicher Motorrad-Anschläge, denen vor allem Nuklearwissenschaftler des Regimes in den letzten Jahren zum Opfer gefallen sind. Meist wird der israelische Geheimdienst dahinter vermutet. Israel ist sicher, dass Teheran parallel zum zivilen Nuklearprogramm an der Atombombe baut. Es versucht das Programm zu stören und droht indirekt sogar mit Militärschlägen.

Der Mossad hat ein dichtes Agentennetz in der Islamischen Republik. Der spektakulärste Mordanschlag gegen das Atomprogramm, der ebenfalls Israel zugeschrieben wird, war das Attentat auf Mohsen Fakrisadeh, Irans obersten Nuklearwissenschaftler. Der Kernphysiker und Revolutionsgardist galt als "Vater des iranischen Atomprogramms". Er wurde Ende 2020 erschossen, angeblich mit einem auf einen Pritschenwagen montierten ferngesteuerten Maschinengewehr. Der bei weitem spektakulärste Schlag gegen die Revolutionsgarden wiederum war der Tod des Chef der Quds-Brigade, Kassem Suleiman. Der General wurde Anfang 2020 in Bagdad mit einem Drohnenangriff getötet, unter Beteiligung der USA und Israels.

Der am Sonntag getötete Revolutionsgardist scheint mit dem iranischen Nuklearprogramm nichts zu tun gehabt zu haben. Offizielle Stellen betrauerten ihn ausdrücklich als einen "Wächter des Schreins". Als "Wächter des Schreins" werden Revolutionsgardisten bezeichnet, die im Bürgerkrieg im Nachbarland an der Seite des Assad-Regimes kämpfen. Sie kämpfen in Syrien zumindest offiziell gegen die sunnitischen Extremisten des "Islamischen Staats". Die israelische Luftwaffe wiederum greift immer wieder Ziele in Syrien an, häufig werden dabei angebliche Einrichtungen der Revolutionsgarden attackiert.

Die israelische Zeitung Haaretz berichtete ohne Nennung der Quelle, dass Oberst Khodaei aber auch auf anderen Feldern aktiv gewesen sei. Demnach hatte er Attentate gegen israelische Diplomaten und Geschäftsleute organisiert. Am Tag des Attentats gaben die Revolutionswächter laut Iran Front Page zudem bekannt, sie hätten ein Netzwerk des israelischen Geheimdiensts zerschlagen. Sie nannten keine Einzelheiten.

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