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Iran:Die Revolution bleibt viele Versprechen schuldig

Zum 40. Jahrestag der Islamischen Republik lässt sich das Regime bejubeln. Doch immer mehr Iraner verlieren den Glauben an die alten Widerstandsparolen.

Aus dem Exil machte Ayatollah Ruhollah Chomeini den Iranern viele Versprechungen: Demokratie sollte es nach dem Sturz des Schahs geben, ein Ende der Korruption und soziale Gerechtigkeit durch die Beteiligung des Volkes an den Öleinnahmen. Die Rechte von Minderheiten sollten geachtet werden und die Frauen Gleichberechtigung erfahren. Der charismatische schiitische Geistliche konnte so zur Führungsfigur einer frühen populistischen Revolution werden, die sich - unterstützt auch von vielen Linken und Liberalen in Iran - gegen den Schah richtete.

Doch bald nachdem sich vor 40 Jahren, am 11. Februar 1979, das Militär für neutral erklärt und den Widerstand gegen die Revolution aufgegeben hatte, machte sich Chomeini daran, seine Vision einer Islamischen Republik umzusetzen. Sie beruht auf dem Prinzip der Herrschaft des Rechtsgelehrten, Velayat-e Faqi, das er in seinem Buch "Der Islamische Staat" ausgeführt hat: Nur der höchste schiitische Kleriker könne sicherstellen, dass Gesetze und Leben in einer Islamischen Republik den Regeln der Religion folgen.

40 Jahre iranische Revolution

"Befinden uns in psychologischem und wirtschaftlichem Krieg"

In Iran drängten Chomeini und seine Anhänger schnell den Rest der Opposition zur Seite und regulierten das öffentliche Leben: Sie verboten Alkohol und Musik, verordneten Geschlechtertrennung und Kopftuchzwang. Die staatlichen Institutionen vom Sicherheitsapparat bis zu den Universitäten und Schulen wurden islamisiert, "verwestlichte" Inhalte und Staatsdiener verbannt und nicht selten brutal verfolgt. Von freiheitlicher Demokratie war nicht mehr die Rede, auch wenn in Iran bis heute Wahlen abgehalten werden.

In der arabischen Welt war die Reaktion auf die konservative Revolution Chomeinis gespalten: Während die Monarchien am Golf die religiösen Fundamentalisten als existenzielle Bedrohung begriffen, sahen sunnitische Islamisten sie als Inspiration. Das mag angesichts der heute oft entlang der Konfessionsgrenzen ausgetragenen Konflikte zwischen Muslimen etwa in Syrien erstaunlich klingen. Damals zählten weniger Unterschiede in der Auslegung des Glaubens, als dass es Chomeini gelungen war, ein von Amerika hochgerüstetes Regime zu stürzen.

Die Islamische Republik präsentierte sich als gottgefälliger Gegenentwurf zu den kapitalistischen Demokratien des Westens, zum kommunistischen System und zum Imperialismus. Das förderte angesichts des Einmarschs der Sowjetunion in Afghanistan und des Friedensschlusses zwischen Ägypten und Israel ihre Strahlkraft für den politischen Islam.

Die Islamische Revolution fügte sich zugleich in ihre Zeit, die von einer Rückkehr der Religion ins Politische geprägt war. In Saudi-Arabien gab das Königshaus nach der Besetzung der Großen Moschee in Mekka konservativen Klerikern die Macht in gesellschaftlichen und sozialen Fragen. Papst Johannes Paul II. bejubelten 1979 in seinem Heimatland Polen Millionen, in Lateinamerika befeuerte die Befreiungstheologie Umbrüche.

Dennoch ist es der Islamischen Republik über Jahrzehnte nur in Ansätzen gelungen, die Revolution und das politische Modell Chomeinis zu exportieren. Der sunnitische Islamismus erhielt durch den Kampf der Mudschahedin in Afghanistan eine eigene Dynamik. Die Hisbollah in Libanon war lange Teherans einziger Vorposten in der arabischen Welt, der als Partei und Miliz eine breitere Akzeptanz für den Kampf gegen Israel genoss.

Schuld an der maroden Wirtschaft sind nicht allein die US-Sanktionen

Den Aufstieg zu einer Vormacht in der Region verdankt Iran 40 Jahre nach der Revolution nicht etwa ideologischer Überzeugungskraft. Das Regime profitierte von den Fehlern seiner Gegner, vor allem vom Einmarsch der USA im Jahr 2003 im Irak. Die Unterstützung für Syriens Diktator Baschar al-Assad führte zum endgültigen Bruch mit sunnitischen Islamisten.

Für immer mehr Iraner, vor allem jene Hälfte der Bevölkerung, die jünger als 35 ist, klingen Revolutionsparolen und Widerstandsrhetorik leer. Viele Iraner sind nach wie vor gläubig, aber sie wollen sich nicht vom Staat diktieren lassen, wie sie die Religion zu leben haben. Frauen protestieren gegen den Kopftuchzwang. Chomeini hatte es zum Symbol der Revolution erklärt. Seinen eigenen Anspruch an die Herrschaft des Rechtsgelehrten gab er preis, als er Ali Chamenei zum Nachfolger bestimmte, obwohl der als Kleriker mittleren Rangs die religiösen Anforderungen nicht erfüllte - die Verfassung wurde für ihn geändert, es ging um Machterhalt und nicht mehr um die Ideale der Revolution.

Viele Iraner wünschen sich ein Ende der Isolation, ein gutes Leben, Perspektiven. Ja, der islamische Wohlfahrtsstaat hat breiten Schichten Zugang zu Bildung ermöglicht. Aber Universitätsabsolventen müssen Taxi fahren, weil die Wirtschaft marode ist. Verantwortlich dafür sind nicht, wie die Regierung behauptet, allein US-Sanktionen, sondern maßgeblich Korruption und Inkompetenz des Regimes. Bereicherte sich einst die Familie des Schahs, tun dies heute Revolutionsgarden und religiöse Stiftungen. Viele Versprechen der Revolution wurden nie eingelöst.

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