Helikopterabsturz:Irans Staatspräsident Raisi ist tot

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Dieses vom iranischen Staatsfernsehen veröffentlichte Bild zeigt Ebrahim Raisi in einem Helikopter. Das Aufnahmedatum ist unklar. Raisi war kurz vor dem Unfall an der iranisch-aserbaidschanischen Grenze zu Besuch. (Foto: -/AFP)

Der Hubschrauber ist einem Bericht zufolge "völlig ausgebrannt". Alle Insassen, darunter auch Außenminister Hossein Amir-Abdollahian, kamen bei dem Unglück ums Leben.

Der iranische Präsident Ebrahim Raisi ist am Sonntag bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben gekommen. Das teilte ein iranischer Regierungsvertreter am Montag mit. Auch Außenminister Hossein Amir-Abdollahian und die sieben weiteren Insassen seien bei dem Unglück gestorben. Irans Religionsführer Ayatollah Ali Chamenei hat fünf Tage Staatstrauer angeordnet.

Rettungsteams hatten nach einer mehrstündigen Suchaktion in der Nacht den abgestürzten Helikopter entdeckt. Der Chef des iranischen Roten Halbmonds, Pir-Hussein Kuliwand, sagte am frühen Montagmorgen im Staatsfernsehen bereits: "Die Situation ist nicht gut."

Mittlerweile sollen die Einsatzkräfte des Roten Halbmondes die Leiche des Präsidenten geborgen haben. Das meldet die Nachrichtenagentur AFP bei X. Auf Fotos der Nachrichtenagentur, die einen Screenshot aus Videomaterial zeigen, das der Rote Halbmond veröffentlicht hat, sind Einsatzkräfte zu sehen, die neben einer auf einer Trage liegenden, verdeckten Leiche stehen. Es ist unklar, ob es sich bei der Leiche um die von Raisi handelt.

Ein Video der staatlichen Nachrichtenagentur Irna zeigte die mutmaßliche Absturzstelle an einem steilen Hang mitten im Wald. Die Rettungskräfte verschafften sich mit einer kleinen Kameradrohne einen Überblick. In einem Video beschrieben sie die Kabine des Hubschraubers als "völlig ausgebrannt". Das Unglück geschah bei Regen und Nebel in einer bergigen Region im Nordwesten Irans.

Die Nachrichtenagentur Irna berichtete, laut Anwohnern sei der Hubschrauber in einem Waldgebiet von Dizmar zwischen den Dörfern Uzi und Pir Dawood verunglückt. 40 Rettungsteams waren im Einsatz, auch Spürhunde und Drohnen wurden genutzt.

Noch am Sonntagabend hatte der Vizepräsident für Exekutivangelegenheiten, Mohsen Mansuri, behauptet, man habe Kontakt zu zwei Insassen herstellen können. Die iranische Nachrichtenagentur Tasnim News meldete zuvor, der Präsident sei in einem Konvoi aus drei Hubschraubern unterwegs gewesen. Zwei davon seien sicher gelandet. An Bord des dritten Hubschraubers waren auch der Gouverneur der Provinz Ost-Aserbaidschan sowie der Freitagsprediger aus der Provinzhauptstadt Tabris. Wie es genau zu dem Unglück kam, ist bislang nicht bekannt.

Raisi während einer Pressekonferenz, die kurz vor dem Unglück stattgefunden hat. (Foto: Uncredited/dpa)
Diese vom iranischen Staatsfernsehen veröffentlichte Aufnahme zeigt Rettungskräfte im dichten Nebel auf dem Weg zur Unglücksstelle. (Foto: -/AFP)

Die Europäische Union aktivierte auf ein iranisches Hilfeersuchen hin den Kartenservice des Copernicus Notfalldienstes. Der Dienst liefert eigenen Angaben zufolge auf Abruf detaillierte Informationen für Notfallsituationen, indem er auf Satellitenbasis Geodaten und Bilder bereitstellt. Auch Irans Nachbarland Türkei bot Unterstützung an.

Das Unglück geschah, nachdem Raisi von der iranisch-aserbaidschanische Grenze abgereist war. Er hatte dort mit seinem aserbaidschanischen Kollegen Ilham Aliyev einen Staudamm eingeweiht. Es sollte ein Zeichen der Kooperation sein, nachdem die Beziehung der Nachbarländer zuletzt angespannt war.

Irans Luftwaffe gilt als stark veraltet, ihre Modernisierung kommt angesichts scharfer internationaler Sanktionen kaum voran. Viele der Flugzeuge und Helikopter stammen noch aus der Zeit vor der Islamischen Revolution von 1979, als das Land enge Beziehungen zu den USA unterhielt. Ob der Unfall aber mit veralteten Maschinen zusammenhängt, ist noch nicht klar.

Die Maschine mit dem iranischen Präsidenten Ebrahim Raisi beim Start an der Grenze zu Aserbaidschan. (Foto: Ali Hamed Haghdoust/AP)

Irans Kabinett kam am Montag erneut zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen. Darüber berichteten iranische Medien am Montagmorgen übereinstimmend. Der erste Vizepräsident, Mohammed Mochber, hatte bereits am späten Abend eine Sitzung geleitet. Mochber übernimmt gemäß Protokoll nach dem Tod Raisis die Regierungsgeschäfte. Innerhalb von 50 Tagen müssen Neuwahlen stattfinden.

Zahlreiche Regierungsanhänger beteten am Sonntag für Ebrahim Raisi. In dessen Heimatstadt Maschhad im Nordosten des Landes versammelten sich viele Gläubige in dem zentralen Pilgerschrein. Andernorts soll jedoch auch Freudenfeuerwerk entzündet worden sein.

Raisi war die Nummer zwei in Iran

Als Spitzenkandidat der politischen Hardliner sowie Wunschkandidat und Protegé des obersten Führers Ayatollah Ali Chamenei hatte Raisi die Präsidentenwahl 2021 mit knapp 62 Prozent der Stimmen gewonnen. Der 1960 geborene Raisi galt innerhalb des islamischen Systems als sehr einflussreich. Er pflegte auch ein enges Verhältnis zum obersten Führer Chamenei.

Raisi war über drei Jahrzehnte in der Justizbehörde tätig, 2019 wurde er zum Justizchef ernannt. Ihm wurde nachgesagt, dass er in seiner früheren Funktion als Staatsanwalt für zahlreiche Verhaftungen und Hinrichtungen politischer Dissidenten verantwortlich gewesen sei. Laut Verfassung war Raisi nur die Nummer zwei im Land, weil Chamenei das eigentliche Staatsoberhaupt ist und auch das letzte Wort in allen strategischen Belangen hat.

Schlechte Beziehungen zum Westen

Unter Raisis Regierung verschlechterte sich die Beziehung Irans zum Westen. Die EU beschloss mehrfach Sanktionen gegen das Land - wegen Menschenrechtsverletzungen, aber auch wegen der iranischen Unterstützung des russischen Kriegs gegen die Ukraine. Zugleich wächst die Sorge, dass Iran zur Atommacht wird. Die internationalen Atomverhandlungen mit Teheran sind in eine Sackgasse geraten.

Zutiefst verfeindet ist Iran mit Israel. Das Land gilt als einer der wichtigsten Unterstützer der Hamas, die mit ihrem Überfall auf Israel am 7. Oktober den Krieg im Gazastreifen ausgelöst hatte. Im April griff das iranische Regime Israel erstmals nicht über regionale Stellvertreter an, sondern direkt - in Reaktion auf die Bombardierung des iranischen Botschaftsgeländes in Syriens Hauptstadt Damaskus. Nach dem Tod von Raisi würdigte die radikal-islamische Palästinenser-Organisation Hamas ihn als wichtigen Unterstützer im Kampf gegen Israel. Raisi habe dem palästinensischen Volk wertvolle Hilfe geleistet und unermüdlich Solidarität im Gaza-Krieg gegen Israel bekundet, teilte die Hamas am Montag mit. Er habe zudem zu den Anführern gehört, die auch bedeutende politische und diplomatische Anstrengungen unternommen hätten, um die israelische Aggression gegen das palästinensische Volk zu stoppen.

Ein israelischer Regierungsvertreter erklärte, dass Israel nichts mit Raisis Tod zu tun habe. "Wir waren es nicht", sagte der Regierungsvertreter, der nicht namentlich genannt werden wollte.

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