Iran:Die ausgetrocknete Provinz

(191113) -- BEIJING, Nov. 13, 2019 -- Photo taken on Nov. 11, 2019 shows the boats on the dried-up part of the Maharloo

Wasserknappheit ist ein großes Problem in Iran. Das Bild zeigt einen ausgetrockneten See im Süden des Landes.

(Foto: Ahmad Halabisaz via www.imago-images.de/imago images/Xinhua)

Khusestan wird von Protesten erschüttert: Der einst fruchtbarsten Region des Landes geht das Wasser aus. Verantwortlich sind nicht nur extreme Temperaturen.

Von Paul-Anton Krüger

Tote Wasserbüffel, ausgedörrte Felder, die Erde aufgeplatzt, trockengefallene Flüsse - solche Bilder zeugen von extremer Wasserknappheit in Iran. Besonders schwer betroffen ist die an den Irak grenzende Provinz Khusestan am Persischen Golf. Dort haben viele Menschen nicht einmal mehr Wasser zum Trinken. Seit vergangener Woche kommt es jeden Abend zu Protesten, in den größeren Städten gehen Tausende auf die Straßen. Inzwischen solidarisieren sich auch Menschen in Teheran und anderen Regionen.

Während die Regierung Delegationen in den Süden schickt, die Abhilfe und Entschädigungen versprechen, gehen Sondereinheiten der Polizei und die Revolutionsgarden mit Gewalt gegen die Demonstranten vor. Sie schießen mit Tränengas und teils offenbar auch mit scharfer Munition, wie auf Videos aus Khusestan zu sehen ist. Mindestens drei Menschen wurden nach Angaben von Menschenrechtlern getötet, Dutzende verletzt.

Das befeuert die Wut nur weiter. Zunehmend skandieren die Menschen Parolen gegen das Regime wie "Tod dem Diktator!". Die Behörden stellten das Internet in der Provinz weitgehend ab, um zu verhindern, dass sich Bilder von den Protesten verbreiten und die Demonstranten sich organisieren können. Die Sicherheitskräfte hatten bereits bei Protesten gegen die Erhöhung der Benzinpreise Ende 2019 in der Region Dutzende Demonstranten erschossen.

Die iranischen Behörden machen "Randalierer" für die Todesfälle verantwortlich. Die Nachrichtenagentur Fars berichtet, ein Polizist sei in der Hafenstadt Maschahr getötet worden. Der neue Justizchef Gholamhossein Mohseni-Ejei ordnete an, die Staatsanwaltschaft solle "die Ursache für die Todesfälle und sonstige Schäden" untersuchen - womit er zumindest einräumte, dass Menschen ums Leben gekommen sind.

Iran leidet unter der schlimmsten Dürre seit mehr als 50 Jahren

Die Proteste sind für das Regime unbenommen des bevorstehenden Wechsels an der Regierungsspitze von Präsident Hassan Rohani zum Hardliner Ebrahim Raisi in mehrerlei Hinsicht brisant: In Khusestan leben überwiegend schiitische Araber, die sich als Minderheit seit Langem von der Zentralregierung diskriminiert fühlen. Es gibt dort starke Unabhängigkeitsbestrebungen und separatistische Gruppen, die Teheran teilweise als Terroristen einstuft. Zugleich liegen in der Provinz das mit Abstand größte Ölfeld des Landes und 60 Prozent der Erdgasreserven - die wichtigsten Einnahme- und Devisenquellen des Staates.

Iran leidet an der schlimmsten Dürre seit mehr als fünf Jahrzehnten. Allein im vergangenen Jahr, das nach iranischer Zeitrechnung im März endete, lagen die Niederschläge den Behörden zufolge um die Hälfte unter dem langjährigen Mittel. Dazu trägt der Klimawandel ebenso bei wie zur extremen Hitze: In der Provinzhauptstadt Ahwaz übersteigen die Temperaturen 50 Grad, selbst nachts sinken sie nicht unter 35 Grad.

Projekte der Regierung verschärfen die Krise: Den Karun, wichtigster Fluss der Region und wasserreichster des ganzen Landes, der zur Trinkwassergewinnung und zur Bewässerung der Felder und Plantagen dient, hat sie in mehreren Talsperren aufstauen lassen. Einen guten Teil des Wassers leitet der Staat um für Industrieprojekte weiter im Norden und in die ebenfalls unter Wasserknappheit leidende zentraliranische Provinz Isfahan.

Der Zayandeh-Rud, auf Deutsch der "Lebensspender-Fluss", wasserstärkster im zentralen Hochland, fällt seit Jahren regelmäßig trocken. Auch in Isfahan hatte es vor zwei Wochen Proteste von Bauern wegen der Wasserknappheit gegeben - um sie zu beruhigen, hatte die Regierung Wasser in den Zayandeh-Rud abgelassen. Das Staatsfernsehen zeigte, wie es unter Isfahans berühmten historischen Brücken hindurchfließt.

Die Wasserknappheit verschärft auch die Stromausfälle in vielen Teilen des Landes

In Khusestan befeuerte das die Wahrnehmung, dass die Stau-Projekte gegen die arabischsprachige Minderheit gerichtet sind und andere Provinzen mit persischsprachiger Bevölkerung auf ihre Kosten bessergestellt würden. Eigentlich ist Khusestan die wasserreichste Provinz Irans. Die Bewohner hatten 2013 schon gegen die Umleitung des Karun protestiert, weil sie um ihr Trinkwasser fürchteten und um ihren Lebensunterhalt: Khusestan ist bekannt für die größten Dattelplantagen in Iran, es werden Zitrusfrüchte, Getreide und Zuckerrohr angebaut. Viehzucht und Landwirtschaft bieten vielen Menschen in der stark von Armut und Arbeitslosigkeit betroffenen Provinz ein Einkommen.

Mohsen Heidari, der Vertreter Khusestans im Expertenrat, dem Gremium, das den Obersten Führer bestimmt, sagte der Nachrichtenagentur Fars, das Missmanagement der Wasserreserven und der unkontrollierte Bau von Staudämmen hätten zur Austrocknung auch des Karkheh geführt. Die Revolutionsgarden hatten 2001 eine Talsperre am zweiten wichtigen Fluss der Region fertiggestellt.

Laut der Zeitung Resalat wurden an den Flüssen Khusestans und deren Zuflüssen insgesamt 170 Dämme errichtet. Teilweise wurden salzhaltige Böden überstaut - das Wasser wird damit für die Landwirtschaft und zum Trinken unbrauchbar. Die Wasserknappheit verschärft auch die Stromausfälle in weiten Teilen des Landes, weil Kraftwerke nicht oder nur mit verminderter Leistung laufen können. Auch das hatte zu Protesten geführt.

© SZ
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