Den fünften Tag in Folge sind Menschenmassen in Iran angesichts der schweren Wirtschaftskrise gegen die autoritäre Staatsführung auf die Straße gegangen. Augenzeugen zufolge rückten Sicherheitskräfte in den Metropolen mit einem massiven Aufgebot ein, während sie insbesondere auf dem Land mit Härte gegen Proteste vorgingen. Präsident Massud Peseschkian suchte bei einem Provinzbesuch unterdessen den Dialog.
Vor allem in den ländlichen Regionen kam es seit Mittwochabend zu schweren Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften. In Kuhdascht in der westlichen Provinz Lorestan sei ein 21-jähriges Mitglied der Basidsch-Einheiten ums Leben gekommen, berichtete der staatliche Rundfunk. Der Justizchef der Provinz kündigte an, die Verantwortlichen mit einer Politik der „null Toleranz“ zur Rechenschaft zu ziehen.
Ausgelöst wurden die Proteste durch einen plötzlichen Einbruch der Devisenkurse
Die Menschenrechtsgruppe Hengaw wies die staatliche Darstellung zurück. Bei dem jungen Mann handle es sich keineswegs um ein Mitglied der Basidsch, sondern um einen gewöhnlichen Bürger, der durch Schüsse von Sicherheitskräften getötet worden sei. Er sei aus nächster Nähe durch einen Kopfschuss getötet worden, berichteten die Aktivisten unter Berufung auf informierte Kreise. Die Informationen rund um den Tod des 21-Jährigen ließen sich zunächst nicht unabhängig verifizieren.
Weitere schwere Ausschreitungen gab es nach Angaben von Aktivisten in den Provinzen Fars, Tschahar Mahal und Bachtiari sowie in Kermanschah. In Lordegan im zentralen Süden eröffneten Sicherheitskräfte laut der Gruppe Hengaw das Feuer mit scharfer Munition. Wie viele Menschen sich in dem Land mit gut 90 Millionen Einwohnern bislang an den Protesten beteiligen, ist unklar.
Ausgelöst wurden die aktuellen Kundgebungen durch einen plötzlichen Einbruch der Devisenkurse am Sonntag. Spontan gingen vor allem Händler in der Hauptstadt Teheran auf die Straße. Inzwischen erfassen die Proteste auch andere Landesteile und Bevölkerungsschichten. Studierendenverbände, die bereits frühere Protestwellen mitgetragen hatten, riefen zu Demonstrationen auf. Die Unzufriedenheit im Land wächst seit Jahren, befeuert durch fehlende Perspektiven, wirtschaftliche Not, Klimakrise und politische Repression.

