Iran: Nedas Mutter spricht:"Sie war eine Märtyrerin"

Ein verwackeltes Handy-Video machte Neda zur Ikone der iranischen Revolte. Nun spricht ihre Mutter über den Tag, an dem ihre Tochter starb: "Nur noch 26 Schritte trennten sie von ihrem Auto."

Nicht einmal einen Tag nach ihrem Tod kannte die ganze Welt Nedas Gesicht. Am Rande der Demonstrationen um angebliche Wahlfälschung bei den iranischen Präsidentschaftswahlen im Juni wurde die Studentin erschossen.

Neda Iran Revolte

Ihr Gesicht ist das Symbol des iranischen Widerstandes: Neda Agha-Soltan

(Foto: Foto: AP)

Sie war nicht die Einzige, die bei den schwersten Unruhen in Iran seit drei Jahrzehnten starb. Doch irgendjemand zeichnete mit einem Handy die letzten Sekunden von Nedas Leben auf. Über das Internet, über Netzwerke wie Twitter, Youtube und Facebook verbreiteten sich die verwackelten Bilder blitzschnell und die Revolte gegen die Wiederwahl von Mahmud Ahmadinedschad hatte ein Gesicht. Der laut offiziellem Wahlergebnis unterlegene Kandidat Mir Hussein Mussawi hatte zu den Protesten aufgerufen. Er und seine Anhänger warfen den Behörden Betrug vor.

In dieser Woche, vor dem Hintergrund des 30. Jahrestag der Besetzung der US-Botschaft in Teheran, spricht nun Nedas Mutter erstmals über die Ereignisse. Während es auf den Straßen der iranischen Hauptstadt erneut zu Protesten gegen das Regime kommt, erzählt Hajar Rostami dem Fernsehsender CNN die Geschichte ihrer Tochter.

Die Tourismusstudentin, die vom Reisen in fremde Länder träumte, sei schon in den Tagen vor ihrem Tod eine leidenschaftliche Anhängerin der Revolte gegen die Präsidentschaftswahl vom 12. Juni 2009 gewesen, sagt ihre Mutter. Auch sie selbst habe auch einige Male mit ihr demonstriert. An dem schicksalhaften Tag, der das Ende von Nedas Leben bedeuten sollte, konnte Rostami ihre Tochter jedoch nicht begleiten.

So sei die 26-Jährige mit ihrem Musiklehrer auf die Straßen gegangen. Doch nicht beim Demonstrieren, erst auf dem Heimweg wurde sie erschossen. Wer der Täter war, ist noch unklar. Viele Anhänger machen die islamischen Bassidschi-Milizen verantwortlich. Präsident Ahmadinedschad lässt die Justiz nach Einflussen aus dem Ausland suchen.

"Es waren nur noch 26 Schritte bis zu ihrem Auto", sagt ihre Mutter, die Nedas letzte Sekunden rekonstruiert hat. Millionen von Menschen schauten sich noch am selben Tag diese Sekunden im Internet an, während Nedas Familie um die Tochter trauerte. Erst am dritten oder vierten Tag der traditionellen Trauerwoche habe sie durch einen Verwandten von dem Video erfahren, sagt Rostami zu CNN.

Doch erst später sei sie in der Lage gewesen, sich den Film anzuschauen. "Es war unglaublich schmerzhaft", sagt sie. Seitdem wache sie jeden Morgen auf und sehe den Blick ihrer Tochter kurz bevor sie starb. "Und jeden Abend gehe ich ins Bett mit diesem Bild."

Trotz dieser Schmerzen ist Rostani froh darüber, dass es das Video gibt. Die weltweite Anteilnahme mache sie stolz und helfe ihr, sagt sie. Auch bei den wöchentlichen Besuchen an Nedas Grab werde sie noch immer von vielen Menschen gegrüßt, als sei ihre Tochter gerade eben erst gestorben. "Sie schreiben mit roter Tinte 'Märtyrerin' auf ihr Grab", so Rostami. "Die Behörden entfernen das dann wieder."

Sie selbst findet auch: "Neda war eine Märtyrerin für ihre Heimat." Nun hoffe sie, dass das iranische Volk und die ganze Welt sich ihre Geschichte anhören.

Traditionell werden in Iran die Besitztümer von Toten verschenkt. Doch in Nedas Zimmer sei alles noch unangetastet. Der Grund ist angeblich ein Traum, in dem die junge Frau ihrer Schwester erschienen sei. "Ich lebe", soll Neda ihr gesagt haben, so erzählt es die Mutter.

Noch Wochen nach ihrem Tod war Nedas Gesicht das prägende Bild der Proteste in Teheran. Tausende von Anhängern ersetzten ihre Profilbilder in Online-Netzwerken mit ihrem Konterfei und gaben sich ihrem Profil den Namen "Neda Agha-Soltan".

Am Mittwoch ist bei den Protesten der Opposition um Mussawi erneut in die Menge geschossen worden. Mehrere Menschen sollen verletzt und verhaftet worden sein, von Toten ist nichts bekannt. Die neuen Demonstrationen zeigen, dass es dem Regime nicht gelungen ist, die Revolte zu ersticken. Auch diesmal sollen wieder viele junge Menschen auf den Straßen gewesen sein - wie Neda. Ihr Gesicht bleibt das Symbol des iranischen Widerstands.

© sueddeutsche.de/bavo/plin/woja
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