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Iran:Nedas Familie offenbar aus Wohnung vertrieben

Sie ist das Gesicht des Widerstands - nun muss ihre Familie büßen: Einem Bericht zufolge wurden die Angehörigen der ermordeten Neda gezwungen, ihre Wohnung zu verlassen.

Die Familie der in Iran getöteten Neda Agha-Soltan hat offenbar auf Druck der Behörden ihre Wohnung in Teheran verlassen müssen. Das berichtet die britische Zeitung Guardian auf ihrer Website. Sie beruft sich auf Nachbarn der Familie in der Teheraner Meshkini-Straße.

Nach dem Tod der 26-Jährigen habe die Polizei einen Freund der Familie verfolgt, der Nedas Angehörigen sein Beileid aussprechen wollte. Die Polizisten seien in die Vier-Zimmer-Wohnung eingedrungen und hätten den Angehörigen jede Form der öffentlichen Trauer verboten. Nach persischer Tradition wollte die Familie ein schwarzes Tuch am Gebäude anbringen - dies habe die Polizei verhindert, heißt es im Guardian.

Ohne Wissen der Eltern beerdigt

Am Tag darauf sei die Familie dazu gezwungen worden, die Wohnung zu verlassen. Wo sie sich jetzt befindet, sei unklar: "Wir wissen nur, dass sie gehen mussten", zitiert die Zeitung einen Nachbarn. "Niemand durfte kondolieren. Wer es versuchte, wurde verhaftet. Nedas Familie wurde keine Gelegenheit zum Trauern gegeben." Entgegen anderslautender Berichte sei Nedas Leiche ohne Wissen der Eltern und anonym bestattet worden. Dem Guardian-Korrespondenten gelang es nicht, die Familie zu kontaktieren.

Neda war am Sonntagabend während der Proteste gegen das offizielle Ergebnis der Präsidentschaftswahl in Iran erschossen worden. Ein per Handykamera aufgenommes Video ihres Todes ging um die Welt - für die Anhänger des unterlegenen Präsidentschaftskandidaten Mir Hussein Mussawi wurde sie zu einer Ikone des Protests.

Die Umstände ihres Todes sind weiterhin unklar. Ihr angeblicher Verlobter, ein 37-jähriger Fotojournalist aus Teheran, sagte, eine Kugel habe ihr Herz und ihre Lunge getroffen. Mehrere Augenzeugen nannten die Bassidschi-Milizen als mögliche Täter.

Verdächtige Anrufe

Regierungstreue Medien verbreiteten eine andere Version: Demnach sei Neda das Opfer des inzwischen des Landes verwiesenen BBC-Journalisten Jon Leyne geworden. Um Bilder für einen Dokumentarfilm zu bekommen, habe dieser "Verbrecher" dafür bezahlt, Neda zu erschießen

Auch die persönlichen Angaben zu Neda sind noch immer unbestätigt. Sie soll 26 Jahre alt und das zweite Kind der Teheraner Familia Agha-Soltan gewesen sein. Angeblich studierte sie an der Azad-Universität.

Mehrere Nachbarn sagten dem Guardian, sie seien von anonymen Anrufern davor gewarnt worden, um Neda zu trauern oder in der Öffentlichkeit über ihren Tod zu sprechen: "Wir zittern vor Angst. Seit Nedas Tod hatten wir keine ruhige Minute mehr."

© sueddeutsche.de/mikö/mati/gba

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