Manchmal werden nicht nur Bücher, sondern auch Rezensionen von aktuellen Ereignissen überrollt. Der Bedarf an Informationen über Iran, über die Verfasstheit der Islamischen Republik und das iranische Nuklearprogramm dürfte angesichts des jüngsten israelischen Angriffs jedenfalls stark gewachsen sein. Dieses Hintergrundwissen liefert umfassend das bereits im Januar erschienene Buch von Ali Fathollah-Nejad.
Anders als der etwas reißerische Untertitel vom „Verrat des Westens“ an seinen Werten und Interessen vermuten lässt, verbirgt sich hinter den fast 400 Seiten vor allem eines: eine geballte, faktenreiche Analyse des Systems der Islamischen Republik. Dabei seziert Fathollah-Nejad die innenpolitische „Vierfachkrise“ mit sozio-ökonomischen, ökologischen, politisch und frauenrechtlichen Dimensionen und analysiert ausführlich die Proteste seit der Ermordung von Jina Mahsa Amini 2022, in denen er eine regelrechte „Kulturrevolution“ erkennt.
Werben für Sanktionen und ein Ölembargo
Fathollah-Nejad selbst wirbt für eine „Zeitenwende“ in der Iran-Politik, die statt „Passivität und Zurückhaltung“ auf „Stärke und Entschlossenheit“ beruhen solle. Dafür empfiehlt er unter anderem ein verbessertes Sanktionsregime, die Terrorlistung der Revolutionsgarden und ein Ölembargo. Vor allem aber wirbt er engagiert für eine viel stärkere Unterstützung des Freiheitskampfes der iranischen Zivilgesellschaft.

Etwas kurios wirkt in Anbetracht der jüngsten Ereignisse Fathollah-Nejads Appell, sich von der westlichen „Obsession“ für das Nuklearthema zu lösen, das Iran immer wieder als Druckmittel für sich nutze. Europas Diplomatie wirft er vor, über Nukleardeals vor allem eine Normalisierung der Beziehungen angestrebt zu haben. Dabei sieht er dieselben wirtschaftlichen Interessen am Werk, die in der Vergangenheit auch zu einer Verharmlosung russischer Aggressionen geführt haben. So richtig der Autor mit seiner Kritik des „Paradigmas der autoritären Stabilität“ auch liegt – im Rückblick stellt sich doch die Frage, ob nicht mancher als „Appeasement“ von „Mullah-Verstehern“ gebrandmarkter Appell für Diplomatie, auch und gerade in der Nuklearfrage, seine Berechtigung hatte.
Im Kapitel zur Außenpolitik zeigt der Autor ausführlich, wie Irans „Achse des Widerstands“ in der Folge des 7. Oktobers zerfiel. Israel habe die Islamische Republik zu einem „Kaiser ohne Kleider“ gemacht, die Machtverschiebung ordnet er zu Recht als historische Zäsur ein – die unmittelbar in den jüngsten Krieg führte. Dessen Folgen sind noch ungewiss. Auch den Fall eines geschwächten Regimes kann niemand mehr ausschließen. Auf zwei Seiten geht der Autor der Frage nach, was ein „Iran nach der Islamischen Republik“ für die Welt bedeute. Kann sein, dass er dieses Kapitel bald zu einem Folgebuch ausbauen muss.
René Wildangel ist Historiker und schreibt zum Schwerpunkt Naher/Mittlerer Osten.

