Iran:Ein Haus in Flammen

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Iran: Protestierende sollen das Haus von Ayatollah Chomeini angezündet haben.

Protestierende sollen das Haus von Ayatollah Chomeini angezündet haben.

(Foto: ESN/AFP)

Haben Demonstranten in Iran die frühere Wohnstätte des Republikgründers Ayatollah Chomeini angesteckt? Es sieht danach aus.

Von Tomas Avenarius, Istanbul

Die Unruhen in Iran haben offenbar einen neuen Höhepunkt erreicht. In sozialen Medien waren am Freitagnachmittag Videos zusehen, die angeblich einen Brand im früheren Haus des Gründers der Islamischen Republik Iran, Ayatollah Ruhollah Chomeini, zeigen. Den Aufnahmen und Meldungen zufolge hätten regimekritische Demonstranten das als Museum dienende Gebäude in Chomeinis Geburtsort Chomein angezündet, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtete. Sie schrieb, dass sie das Haus anhand seiner Architektur und Lage identifiziert habe. Unabhängig zu verifizieren war dies für die Süddeutsche Zeitung bisher aber nicht.

Die von Reuters und anderen Medien genannten Videos zeigten Dutzende Menschen vor dem Gebäude. Sie jubelten, als dort Flammen aufschienen. Wann die Videos aufgenommen wurden, ließ sich ebenfalls nicht unabhängig überprüfen. Sollte das historische Gebäude wirklich in Brand gesetzt worden sein, müsste dies in den Augen des Regimes ein Sakrileg sein: Ayatollah Ruhollah Chomeini wird als schiitischer Imam von Regierungsanhängern und dem frommen Teil der iranischen Bevölkerung wie ein Heiliger verehrt.

Die offizielle Quelle sagt: "Der Bericht ist eine Lüge."

Die iranische Nachrichtenagentur Tasnim, eines der Sprachrohre des Teheraner Mullah-Regimes, bestritt am Freitag allerdings, dass das als Museum genutzte Gebäude brenne: "Der Bericht ist eine Lüge." Weiter hieß es bei Tasnim: "Die Türen des Hauses des verstorbenen Gründers der großen Revolution stehen der Öffentlichkeit offen."

Unklar war auch, wann das Feuer ausgebrochen sein soll. Das regierungskritische Netzwerk 1500Tasvir teilte mit, der Vorfall habe sich schon am Donnerstagabend ereignet. Chomeini, der Führer der sogenannten Islamischen Revolution von 1978, war 1989 in Teheran gestorben. Sein früheres Haus in dem südlich der Hauptstadt gelegenen Ort Chomein war dann in ein Museum umgestaltet worden.

Brennt Chomeinis Haus wirklich, dürfte dies das Regime zu noch härteren Reaktionen auf die seit dem 16. September anhaltenden Proteste provozieren. Die Unruhen waren ausgebrochen, nachdem in Teheran die Kurdin Mahsa Amini von der Sittenpolizei festgenommen worden war, weil ihr Kopftuch angeblich falsch saß. Die 22-Jährige war dabei von den sogenannten Sittenwächtern offenbar schwer geschlagen worden. Sie brach in der Polizeistation zusammen und verstarb drei Tage später im Krankenhaus. Die Behörden sprachen von einem Herzversagen, aber vieles deutet auf einen Tod durch Kopf- und Hirnverletzungen in Folge von Polizeigewalt hin. Auch die Familie der Toten bestritt mehrfach, dass Mahsa Amini an einer Krankheit gelitten habe.

Die nach dem Tod der jungen Frau ausgebrochenen landesweiten Unruhen, die in den Augen vieler iranischer Oppositioneller im In- und Ausland schon so etwas wie eine echte Revolution gegen das islamistische Mullah-Regime darstellen, verbreiteten sich schnell landesweit. Angeführt wurden sie von jungen Frauen, die ihr Kopftuch öffentlich herunterrissen als Symbol des Rufs nach individueller Freiheit. Den jungen Frauen haben sich gesellschaftsübergreifend und landesweit andere Teile der Bevölkerung angeschlossen.

350 Menschen sollen bereits getötet worden sein

Auf diese Weise wurden neben der Unterdrückung der Frauen und dem Fehlen vieler persönlicher Freiheiten auch die schlechte Wirtschaftslage, die allgegenwärtige Korruption und andere Missstände in Iran zum Thema der Proteste. Ob diese Unruhen wirklich schon die Wucht haben, das seit 40 Jahren herrschende theokratische System zu stürzen, wird von vielen Beobachtern aber bezweifelt.

Die Sicherheitskräfte gehen auf Anweisung von Chomeinis Nachfolger als Geistlicher Führer, Ayatollah Ali Chamenei, mit großer Gewalt vor. Polizei und Milizionäre schießen dabei auch scharf, mehrere Menschen wurden zu Tode geprügelt, unter ihnen sehr junge Frauen. 350 Menschen sollen bereits getötet worden sein, darunter auch einige Sicherheitskräfte. Die Justiz hat ein hartes Vorgehen angekündigt, und Gerichte haben bereits erste Todesurteile gegen Demonstranten verhängt.

Besonders heftig sind die Unruhen in den Provinzen Irans, in denen ethnische und religiöse Minderheiten leben. Die jüngsten Videos zeigen den Angaben des Netzwerkes Tasvir zufolge Demonstrantinnen und Demonstranten in mehreren Städten in der Provinz Sistan und Belutschistan, in der Sunniten leben. In deren Hauptstadt Sahedan skandierten Menschen den Ruf "Tod Chamenei". In Chabahar entfernten Protestierende das Straßenschild einer nach Chomeini benannten Allee und traten es mit Füßen. Die Agentur Reuters konnte die Echtheit auch dieser Aufnahmen aber nicht unabhängig prüfen.

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