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Iran:Hausarrest statt Gefängnis

Wegen der Corona-Krise kommen 85 000 Häftlinge frei. Darunter eine politische Gefangene aus Großbritannien, für die schon lange gekämpft wird.

Nazanin Zaghari-Ratcliffe ist eine der berühmtesten Gefangenen Großbritanniens. Dabei sitzt sie nicht auf der britischen Insel im Gefängnis, sondern war - bis Dienstag zumindest - im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran eingesperrt. Jetzt wurde sie entlassen, vorerst für zwei Wochen, und muss eine Fußfessel tragen. Zaghari-Ratcliffe stammt aus Iran, ist mit einem Briten verheiratet, hat die doppelte Staatsbürgerschaft und eine kleine Tochter. 2016 war sie zu fünf Jahren wegen Spionage verurteilt worden - ein Vorwurf, den sie verzweifelt zurückweist. Sie hatte für die Thomson-Reuters-Stiftung gearbeitet und war bei einem Besuch in Teheran mit der Begründung verhaftet worden, sie paktiere mit Kräften, die den Umsturz planten. Ihr Mann Richard Ratcliffe und sie argumentieren, sie sei eine politische Gefangene und werde als Faustpfand festgehalten, um eine Schuld von 400 Millionen Pfund vom Königreich einzutreiben.

A Vigil Is Held For British-Iranian Mother Imprisoned In Tehran

Mahnwache für Nazanin Zaghari-Ratcliffe im Januar 2017 in London.

(Foto: Chris J Ratcliffe/Getty)

Sie sei überwältigt vor Freude, ließ die 42-Jährige nun wissen, auch wenn ihre Entlassung einem Hausarrest gleiche. Nachdem sie zuletzt an Panikattacken und Depressionen litt, sei ihr die Zeit bei ihren Eltern gleichwohl hochwillkommen. Zaghari-Ratcliffe kam mit etwa 85 000 Häftlingen frei, weil das Regime die Corona-Krise nicht in den Griff bekommt und Masseninfektionen in den überfüllten Gefängnissen befürchtet. Im Gespräch mit ihrem Mann in Großbritannien sagte Zaghari-Ratcliff, sie hoffe, dies sei der Beginn einer längeren Phase der Freiheit.

Ihr Fall ist in vieler Hinsicht ungewöhnlich. Die britische Regierung verhandelte schon Jahre vergeblich über ihre Freilassung, als ihr Schicksal eine dramatische Wende nahm: Der damalige Außenminister Boris Johnson erweckte mit einer unbedachten Bemerkung den Eindruck, an den Spionagevorwürfen des iranischen Regimes könne etwas dran sein. Zaghari-Ratcliffe habe, so Johnson, in Iran "Journalismus unterrichtet" - was sie immer dementiert hatte. Vor einem iranischen Gericht wurde dies als Schuldbeweis gewertet, eine frühzeitige Entlassung ausgeschlossen.

Wissenschaftler rechnen mit 110 000 Corona-Toten

Und so wird Zaghari-Ratcliffe nach jetzigem Stand ins Gefängnis zurückkehren müssen, wenn Iran in Sachen Virus Entwarnung gibt. Wie bald das der Fall sein wird, hängt von der weiteren Ausbreitung des Erregers ab - und darüber gehen die Ansichten extrem auseinander. Offiziell hat Iran derzeit 17 361 Erkrankte und 1135 Tote gemeldet - nach Ansicht der Weltgesundheitsorganisation könnten die tatsächlichen Zahlen aber fünfmal höher liegen. Und Anlass zur Sorge geben Projektionen der angesehenen Scharif-Universität in Teheran, deren Wissenschaftler mögliche Szenarien für den weiteren Verlauf der Pandemie errechnet haben. In der bestmöglichen Variante wäre der Höhepunkt der Krise schon kommende Woche erreicht, die Zahl der Toten würde in diesem Fall bei 12 000 Menschen liegen.

British-Iranian aid worker Nazanin Zaghari-Ratcliffe is seen at her parent's home

Nazanin Zaghari-Ratcliffe im Haus ihrer Eltern in Teheran im März 2020.

(Foto: Free Nazanin Campaign/Reuters)

Dieses Szenario setzt aber eine gut funktionierende medizinische Versorgung und strikte Ausgangssperren voraus - und ist somit absolut unrealistisch. Irans Gesundheitssektor lag wegen der US-Sanktionen und Korruption schon vor der Pandemie am Boden, seither hat sich vieles verschlechtert. Auch, weil die Regierung in einem Kompetenzstreit verstrickt ist: Am Wochenende übertrug der Oberste Führer Ali Chamenei die Bekämpfung des Virus der Armee, die nicht der Regierung, sondern ihm unterstellt ist. Dann änderte er seine Meinung und sagte, die Streitkräfte sollten die Weisungen von Präsident Hassan Rohani befolgen. Rohani weigert sich, Quarantäne-Regelungen zu erlassen. Zum einen, weil sie kaum durchzusetzen wären, zum anderen, weil der sanktionsgeschwächten Wirtschaft die Versorgung zusammenbrechen würde.

Daher ist wohl das mittlere Szenario der Teheraner Wissenschaftler wahrscheinlicher, das von 300 000 Infizierten und 110 000 Toten ausgeht - oder gar das pessimistische, nachdem der Höhepunkt der Infektionswelle erst Ende Mai erreicht wird. Die Zahl der möglichen Opfer wäre dann apokalyptisch: Die Teheraner Wissenschaftler nennen eine Zahl von 3,5 Millionen Toten

© SZ vom 19.03.2020

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