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Iran:Das Rätsel um Flug PS 752

Wurde die ukrainische Maschine bei Teheran abgeschossen? Präsident Selenskij und Iran fordern von den USA, Kanada und Großbritannien Beweise für diese These.

Die USA haben der Ukraine offenbar Belege dafür übergeben, dass die iranische Flugabwehr Flug PS752 von Ukraine International Airways irrtümlich abgeschossen hat. US-Offizielle übergaben Präsident Wolodimir Selenskij und Außenminister Wadim Prystaiko bei einem Treffen in der US-Botschaft in Kiew Daten über den Absturz; diese enthielten "wichtige Informationen, um bei der Untersuchung zu helfen", teilte Selenskij auf Twitter mit. Außenminister Prystaiko zufolge wollen ukrainische Ermittler die sichergestellten Flugschreiber und Cockpitrekorder in Kiew auswerten, Teheran dagegen vor Ort. Die Ukrainer haben in einem Hangar begonnen, das Flugzeug aus ersten Wrackteilen zu rekonstruieren. Ukraines Geheimdienstchef zufolge wird ein Terroranschlag oder Raketenangriff als mögliche Absturzursache untersucht. Im Falle eines Abschuss werde Kiew "nicht nur fordern, alle Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen, sondern auch Entschädigung" verlangen, so Außenminister Prystaiko. Nach Kanadas Ministerpräsident Justin Trudeau bestätigte auch US-Außenminister Mike Pompeo: "Wir glauben, es ist wahrscheinlich, dass das Flugzeug von einer iranischen Rakete abgeschossen wurde." Sobald genauere Ergebnisse vorlägen, so Pompeo, sei er "zuversichtlich, dass wir und der Rest der Welt passende Handlungen ergreifen." US-Medien zufolge sollen amerikanische Spionagesatelliten registriert haben, wie sich ein mit vier Raketen ausgerüstetes Flugabwehrsystem SA-15 russischer Herstellung (russische Bezeichnung: Tor-M1) auf Flug PS 572 per Radar eingeloggt habe. Danach sei der Start von zwei Raketen registriert worden. Unabhängig von den nicht öffentlichen Geheimdienstinformationen zeigt ein von dem Iraner Nariman Gharib vorgelegtes Video, das unter anderem von der britischen Investigativgruppe Bellingcat überprüft wurde, den Moment, in dem Flug PS 752 offenbar von einer Rakete getroffen wurde und brennend weiterflog. Andere Videos zeigen vor dem Aufprall des Flugzeugs eine weitere Explosion. Das könnte ein Auseinanderbrechen der Maschine noch in der Luft erklären und das relativ große Trümmerfeld, das nicht für den Aufschlag einer intakten Maschine am Boden spricht. Fotos von Trümmerteilen zeigen zudem Löcher, wie sie vom Gefechtskopf einer Luftabwehrrakete stammen könnten. Solche Raketen zünden ihren Gefechtskopf radargesteuert bei Annäherung an das Ziel. Die Ladung zerlegt dann einen Metallmantel: Die Fragmente sollen die Struktur des Flugzeugs und wichtige Aggregate und Leitungen zerstören. Dies würde erklären, warum PS 752 schnell abstürzte. Der Chef der iranischen Luftfahrtbehörde Ali Abedzadeh beharrte darauf, dass Flug PS 752 "von keiner Rakete getroffen worden" sei. Die USA und Kanada sollten Beweise öffentlich präsentieren. Bisher verbreitet Iran die These, ein Triebwerk sei in Brand geraten, die Piloten hätten die Kontrolle verloren. Doch der Ausfall eines Triebwerkes hätte die Boeing 737-800 angesichts ihres zweiten Triebwerkes "nicht flugunfähig gemacht; Piloten werden auf einen solchen Fall vorbereitet", sagt der Flugkapitän Janis Georg Schmitt. Gegen ein technisches Problem spricht auch, dass die Piloten keinen Notruf absetzten. Der Transponder der Maschine fiel vier Minuten vor dem Aufprall aus - dies spricht für weit größere Probleme als einen Triebwerksbrand. Der New York Times zufolge fingen die Amerikaner zudem iranische Mitteilungen ab, denen zufolge ein iranisches Luftabwehrsystem die Maschine abgeschossen habe. Auf einem iranischen Video ist zudem ein Mann zu hören, der angesichts der brennenden Trümmer schockiert feststellt, dass es sich um ein Passagierflugzeug handelt. Russland lieferte Iran von November 2006 bis Januar 2007 insgesamt 29 jeweils mit vier Raketen bestückte Tor-M-1-Luftabwehrsysteme. Die von Irans Revolutionsgarden gestellten Mannschaften dieser Systeme dürften in höchster Alarmbereitschaft gewesen sein, da die Garden selbst nur Stunden zuvor 22 Raketen auf US-Stützpunkte im Irak abgeschossen hatten. Möglicherweise identifizierten die Iraner Flug PS 752 irrtümlich als amerikanischen Marschflugkörper oder Drohne. Dies wäre ein ähnlicher Fehler wie bei Flug MH-17, als am 17. Juli 2014 ein Kommando der 53. Luftabwehrbrigade aus dem russischen Kursk in der Ostukraine ein Passagierflugzeug von Malaysia Airlines abschoss, das es für ein Flugzeug der ukrainischen Luftwaffe gehalten hatte. Moskau bestreitet bis heute jede Verantwortung. Auch Teheran leugnet bislang selbst die Möglichkeit eines irrtümlichen Abschusses. Zuzugeben, dass die Luftabwehr ein Flugzeug abgeschossen haben könnte, das fast ausschließlich Iraner oder aus dem Iran stammende Kanadier, Engländer oder Schweden an Bord hatte, würde die Glaubwürdigkeit des Regimes schwer beschädigen.

Boeing Co. 737 Bound for Ukraine Crashes In Iran

Wrackteile der Boeing 737-800 bei Shahedshahr in Iran. Die ukrainische Maschine zerschellte kurz nach dem Start am Mittwoch.

(Foto: Ali Mohammadi/Bloomberg)

Unterdessen bestätigten die kanadische Flugaufsichtsbehörde TSB und die französische BEA, sie hätten eine Einladung Teherans akzeptiert, an der Untersuchung teilzunehmen. Teheran lud auch die US-Luftaufsicht NTSB und Flugzeughersteller Boeing ein. Boeing-Experten sollen entgegen ersten Ankündigungen aus Teheran nun doch Flugschreiber und Cockpitrekorder auswerten dürfen. Regierungssprecher Ali Rabiei sagte, Boeing könne einen Vertreter schicken, "um an der Prozedur der Untersuchung der Black Box teilzunehmen".

Regierungssprecher Steffen Seibert:

"Die Bundesregierung erwartet, dass es eine genaue Untersuchung der zuständigen Stellen im Iran - und zwar in enger Zusammenarbeit mit den in der Hauptsache betroffenen Nationen - gibt."

Zugleich erschwert Iran offenbar eine gründliche Untersuchung des Absturzortes durch internationale Experten: Bellingcat und anderen Beobachtern zufolge haben Bulldozer Trümmerteile des abgestürzten Passagierflugzeuges zusammengeschoben - ein offenkundiger Verstoß gegen den internationalen Grundsatz, Absturzorte bis zum Abschluss aller Untersuchungen unberührt zu lassen.