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Iranischer Geheimdienst:Die rätselhaften Reisen des Herrn A. 

An der Autobahnraststätte Spessart Süd wurde der iranische Diplomat festgenommen

(Foto: Sz-Grafik)

Ein iranischer Diplomat soll einen Bombenanschlag auf Exil-Oppositionelle in Frankreich organisiert haben. Er steht in Belgien vor Gericht, die Ermittler verfolgen weiter auch Spuren nach Deutschland. 

Von Florian Flade und Georg Mascolo, Berlin

Auf einer Autobahnraststätte zwischen Würzburg und Aschaffenburg war Schluss. Am 1. Juli 2018, um kurz nach 13 Uhr, wurde Assadollah A. festgenommen. Er war gerade mit seinen beiden Söhnen in einem Mietwagen nach Wien unterwegs, wo er als Dritter Botschaftsrat an der iranischen Botschaft akkreditiert war. Die bayerischen Polizisten stellten bei einer Kontrolle fest, dass der Diplomat mit europäischem Haftbefehl gesucht wurde. Tags zuvor war ein iranischstämmiges Paar in Belgien festgenommen worden - mit einer hochexplosiven Bombe im Gepäck. Assadollah A. soll sie kurz zuvor übergeben haben.

Assadollah A. steht inzwischen im belgischen Antwerpen vor Gericht. Die Anklage wirft ihm vor, einen Anschlag auf eine Veranstaltung der iranischen Exil-Opposition in Villepinte bei Paris geplant zu haben. Er soll in Wahrheit kein Diplomat sein, sondern ein Offizier des iranischen Geheimdienstes MOIS. Das belgische Paar soll er schon vor Jahren als Spitzel angeworben und ihm dann bei einem konspirativen Treffen in Luxemburg den Sprengsatz samt Fernsteuerung ausgehändigt haben.

Am 4. Februar soll das Urteil gegen Assadollah A. und seine mutmaßlichen Helfer gesprochen werden. 20 Jahre Gefängnis hat die Staatsanwaltschaft jüngst für ihn gefordert. Sie ist überzeugt, dass er im Auftrag des Teheraner Regimes gehandelt hat. Die iranische Exil-Opposition geht davon aus, dass A. kein einfacher Spion ist, sondern vielmehr ein ranghoher Agentenführer. Vielleicht sogar der wichtigste Strippenzieher des iranischen Geheimdienstes in Europa, der ein Netz aus Spitzeln und Informanten in mehreren Ländern führte - auch in Deutschland?

In elf Ländern war A. wohl unterwegs - auch in Deutschland

Bei seiner Festnahme entdeckte die deutsche Polizei nicht nur ein schwarzes Notizbuch mit kryptischen Einträgen, Codewörtern offenbar, bei denen es sich um Anweisungen für die Bombenleger handeln soll. Gefunden wurde im Auto auch ein grüner Notizblock, 200 Seiten dick. Insgesamt 289 handschriftliche Einträge finden sich darin, viele in lateinischer Schrift und in Farsi. Es sind vor allem Adressangaben von Sehenswürdigkeiten, Läden, Restaurants und Hotels sowie Daten und Uhrzeiten.

Offensichtlich war Assadollah A. sehr viel unterwegs. Und zwar nicht nur in Österreich, wo er als Diplomat stationiert war. Die Notizen beziehen sich auf elf Länder, darunter Frankreich, Tschechien, Ungarn, Italien, Belgien und die Niederlande. Der größte Teil aber, 144 Einträge, hat einen Bezug zu Deutschland.

Auf Seite fünf im Notizblock etwa steht die Adresse des Islamischen Zentrums Hamburg (IHZ). Der schiitische Moscheeverein wird vom Verfassungsschutz beobachtet, er strebe den "Export der islamischen Revolution" an, heißt es. Auch Adressen in Köln, Bonn, Heidelberg, Regensburg, München, Bergisch Gladbach oder Cochem finden sich in den Notizen. Hotels, Moscheen, Schlösser, Türme, aber auch Einkaufszentren und Cafés sind dabei.

Was hat Assadollah A. an all diesen Orten gemacht? Urlaub, sagte er kurz nach seiner Festnahme, er sei mit seiner Familie viel unterwegs gewesen. Seine Söhne gaben an, sie hätten viele Burgen besichtigt, Bilder einer Überwachungskamera zeigen sie mit ihrem Vater beim Besuch des Kölner Zoos.

Einige Angaben konnte das BKA auch anhand von Daten aus dem Navigationsgerät, Tankquittungen und Hotelbuchungen überprüfen. Dabei stellten die Ermittler fest, dass A. wohl stets in bar bezahlte, offenbar mehr als 10 000 Euro bei seinen Ausflügen dabeihatte. Die meisten Eintragungen, so lautete das erste Fazit der Ermittler, hätten keinen direkten Bezug zum Tatvorwurf, dem geplanten Bombenanschlag in Frankreich.

Auch der Generalbundesanwalt in Karlsruhe ermittelt

Mittlerweile aber interessieren sich deutsche Sicherheitsbehörden wieder für den grünen Notizblock und die vielen Reisen von Assadollah A. Sie gehen der Frage nach, ob A. auch über Helfer in Deutschland verfügte. Ein Verdacht, den auch der Generalbundesanwalt in Karlsruhe aufklären will, der ein eigenes Ermittlungsverfahren gegen den Iraner führt.

Bei der Festnahme vor mehr als zwei Jahren auf der bayerischen Autobahn waren verdächtige Quittungen im Fahrzeug gefunden worden, die auf Bargeldauszahlungen hindeuten. Mal sollen 2500 Euro ausgehändigt worden sein, mal 2700 Euro, mal 5000 Euro, einmal soll jemand einen Laptop bekommen haben. Die Empfänger haben sehr geläufige iranische Namen und sind bislang nicht identifiziert worden.

Es könnte sich um Agentenlohn handeln, auch das Paar in Belgien soll für seine Tätigkeit für den iranischen Geheimdienst im Laufe der Jahre mehrere Hunderttausend Euro bekommen haben. Die Tatsache, dass Assadollah A. detaillierte, handschriftliche Notizen über seine Reisen und Geldzahlungen anlegte, erscheint für einen erfahrenen Geheimdienstler geradezu unfassbar unvorsichtig.

Andererseits fühlte sich der Iraner durch seinen Diplomatenstatus offensichtlich unantastbar. Bis heute verweist er darauf, dass man ihn aufgrund der diplomatischen Immunität nicht hätte festnehmen und nach Belgien überstellen dürfen, wie sein Anwalt betont. Der Schutz vor Strafverfolgung aber gilt nur in dem Land, in dem ein Diplomat akkreditiert ist. Im Fall von Assadollah A. war dies Österreich.

© SZ/stad/gal
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