Iran-Abkommen Die Bombe tickt weiter

Mitglieder der US-Delegation um Außenminister John Kerry feiern den Durchbruch in den Verhandlungen mit Iran.

(Foto: AFP)

Die Einigung von Wien bringt zwar einen Zeitgewinn, löst den Nuklearkonflikt mit Teheran aber nicht. Es beginnt eine Reise ins Ungewisse.

Kommentar von Hubert Wetzel

Der Streit über das iranische Nuklearprogramm hat etwa dreizehn Jahre gedauert. Der Flug der Raumsonde New Horizons von der Erde zum Pluto hat etwa neuneinhalb Jahre gedauert. Dieser Vergleich gibt eine Ahnung davon, wie viel Zeit und wie viel Energie die beteiligten Politiker und Diplomaten in die Suche nach einer Lösung für den Atomstreit investiert haben - mindestens so viel wie die Ingenieure und Wissenschaftler darauf verwendeten, bis ans Ende des Sonnensystems zu fliegen.

Hat es sich gelohnt? Die ehrliche Antwort ist: Man weiß es nicht, jedenfalls noch nicht. Man kann das nun in Wien geschlossene Abkommen auf drei Arten bewerten - optimistisch, realistisch oder pessimistisch. Welche dieser Sichtweisen die richtige ist, oder ob vielleicht (zu jeweils unterschiedlichen Zeitpunkten) alle drei stimmen, wird sich vermutlich erst in ein, zwei Jahrzehnten zeigen.

Die Optimisten sagen: Dieses Abkommen ist historisch. Es hat durch geduldige Diplomatie eine jahrelange Krise beendet, die oft genug in einen Krieg hätte ausufern können. Es ist ein Triumph für US-Präsident Barack Obama, seinen Außenminister John Kerry und die Europäer, die dem Kriegsgetrommel der Falken in Washington und Jerusalem widerstanden haben. Es öffnet die Tür für eine neue Ära der Zusammenarbeit zweier bitterer Feinde - Amerika und Iran -, zum Wohle des ganzen geplagten Nahen Ostens.

Die Realisten sagen: Mehr war nicht zu holen. Die einzige Möglichkeit, Irans Nuklearprogramm zu stoppen, wäre ein massiver Militärschlag gewesen. Und selbst der hätte keine dauerhafte Sicherheit garantiert, sehr wohl aber zu einer Explosion der Gewalt in der gesamten Region geführt. Weil kein Land dieses Risiko und diese Verantwortung tragen wollte - auch nicht Israel, schon gar nicht die kriegsmüden USA -, musste man mit Teheran verhandeln. Verhandlungen aber bedeuten Zugeständnisse. Und wer weiß, ob nicht in einigen Jahren in Iran ein milderes Regime regiert als heute?

Viel mehr als eine Absichtserklärung ist die Vereinbarung nicht

Die Pessimisten schließlich sagen: Egal wie rosig man sich das Abkommen jetzt malt, egal wie groß im Moment die Erleichterung über einen vermiedenen Waffengang und der Stolz auf den gelungenen diplomatischen Kraftakt auch sind - viel mehr als eine Absichtserklärung ist die Vereinbarung nicht. Denn wer weiß, in einigen Jahren könnte in Teheran auch ein aggressiveres Regime herrschen. Iran kann (wie ja in früheren Fällen geschehen) die roten Linien, die das Abkommen zieht, ausreizen oder gar übertreten, und ob dann die nun fallenden Sanktionen tatsächlich in der alten Schärfe wieder verhängt werden, ist nicht sicher.

Zudem wird das Abkommen nach Ansicht der Pessimisten genau das befördern, was es verhindern soll - einen atomaren Rüstungswettlauf im Nahen Osten. Denn das Kernproblem löst diese Vereinbarung nicht: Iran bleibt eine nukleare Schwellenmacht. Das Abkommen legt Teherans Atomprogramm für zehn bis fünfzehn Jahre Fesseln an. Aber es verhindert nicht, dass Iran in absehbarer Zukunft Atombomben baut, sondern verschiebt nur den Zeitpunkt, an dem Teheran dazu fähig sein wird. Irans Rivalen - allen voran Saudi-Arabien und die Golfstaaten, vielleicht aber auch Ägypten oder die Türkei - werden sich daher in den nächsten Jahren sehr genau und kaltblütig mit der Frage befassen, ob nicht auch sie sich um Atomwaffen bemühen sollen, bevor Teheran diese alleine bekommt.

Atomstreit mit Iran Joschka Fischer lobt Abkommen mit Iran
Einigung im Atomstreit

Joschka Fischer lobt Abkommen mit Iran

Der frühere deutsche Außenminister widerspricht Israels scharfer Kritik - und warnt zugleich vor Illusionen: Die Situation im Nahen Osten bleibe vorerst furchtbar.   Von Stefan Braun

Wie einzelne Länder diese Frage beantworten werden, weiß heute niemand. Doch die Zeiten geben zu wenig Anlass für Hoffnung: Noch nie seit dem Ende des Kalten Krieges war es für Staaten so attraktiv wie heute, Nuklearwaffen zu besitzen. Die Zeit, in der die Abrüstung möglichst vieler Atombomben das erklärte Ziel der Nuklearwaffenstaaten war, ist vorbei. Russland hat vorgemacht, dass man als Atommacht seinen Nachbarn filetieren kann und kaum mehr zu befürchten hat als einige Wirtschaftssanktionen und Kontensperrungen.

Mit Chuzpe und Hartnäckigkeit an den Besitz von Atomwaffen heranrobben

Iran wiederum hat vorgemacht, wie man sich gegen den Widerstand eines Großteils der Welt und trotz harter Strafen mit Chuzpe und Hartnäckigkeit an den Besitz von Atomwaffen heranrobben kann - und am Ende sogar den Segen der erschöpften Weltgemeinschaft erhält. Wenn andere Staaten das Beispiel Russland sehen und das Modell Iran nachmachen, so sagen die Pessimisten, dann ist das Wiener Abkommen kein Dokument des Friedens, sondern Stoff für atomare Albträume.

So muss es nicht kommen. Ob das Abkommen ein Erfolg wird, wird auch davon abhängen, wie scharf es umgesetzt und überwacht wird. Aber man soll sich nichts vormachen: Mit der Einigung von Wien beginnt eine Reise ins Ungewisse.