Irak und Syrien Strategie statt göttlicher Mission

Eine Analyse zeigt, wie der "Islamische Staat" entstand, wer ihn lenkt - und wer ihn stark machte. Doch die Prognose über die Zukunft der "Schwarzen Macht" fällt zu optimistisch aus.

Von Igal Avidan

Vor 15 Monaten rief Abu Bakr al-Bagdadi den "Islamischen Staat" (IS) als "Kalifat" aus. Inzwischen kontrolliert die IS-Terrormiliz jeweils ein Drittel Syriens und des Irak und herrscht über ein Gebiet von der Fläche Großbritanniens und etwa fünf Millionen Menschen. Das gelang noch keiner Terrorgruppe zuvor. In anderen islamischen Staaten haben radikale Islamisten einen Treueeid zu Bagdadi abgelegt. Wie war das alles möglich?

Diese spannende Frage beantwortet der Spiegel-Korrespondent Christoph Reuter auf der Grundlage Hunderter Interviews mit Rebellen und Einheimischen, die in Kontakt zum IS standen, sowie brisanter Dokumente aus der Führungsriege des IS. Er stellt bei seinen Recherchen fest, dass hinter den fanatischen Dschihadisten, die im Namen des Islams vor allem Muslime ermorden, ausgerechnet säkulare Geheimdienstler, Armeeoffiziere und Parteifunktionäre des früheren irakischen Diktators Saddam Hussein stecken. Sie setzten auf den Islam, weil dieser ihnen eine Legitimität verschafft, die die nationalistische Baath-Partei niemals haben kann. "Der IS glaubt nicht und hofft schon gar nicht, sondern er verfolgt mit strategischer Planung und nüchterner Berechnung seine Ziele", schreibt Reuter. Der Islamische Staat ernannte übrigens Bagdadi zum Anführer, weil er der einzige in der inneren Führung war, der als islamischer Prediger ausgebildet wurde.

Das islamistische Joint Venture verdankt seinen Erfolg nicht den zahlreichen ausländischen Islamisten, diesen vor allem jungen Männern aus Saudi-Arabien und Tunesien, die einen brutalen Eroberungszug in Syrien und im Irak ausführen. Vielmehr schreibt Reuter den Erfolg des IS dessen nüchternen Strategen und deren genialen Plänen zu, die detailgetreu durchgesetzt wurden. Der IS gewinnt die Herzen dieser Extremisten mit der Behauptung, dass er eine islamische Utopie verwirkliche, das Kalifat wiedererrichte und ein authentisches islamisches Leben ermögliche. Wer sich dem IS anschließt, ist von der "göttlichen Mission" überzeugt, mit dem Schwert in der Hand die Größe des zuletzt gedemütigten sunnitischen Islams wiederherzustellen: im Kampf gegen die Schiiten und gegen alle "Ungläubigen".

Immer vorwärts: Die IS-Kämpfer sind bestens organisiert, soll diese Propaganda-Bild beweisen.

(Foto: AFP)

Kinder kreuzigen Vögel im Spiel - und hängen ihnen ein Schild "Ungläubiger" um den Hals

Die IS-Strategen nutzten das Chaos des Aufstandes gegen das Assad-Regime im Nordsyrien diskret für die Unterwanderung und Ausspionierung der Rebellengruppen, durch harmlose islamische Missionsbüros, aber auch mit viel Geld, das man vorher im Irak als Schutzgeld erpresst hatte. Ihre stillschweigende Kooperation mit dem syrischen Regime, das sie später bekämpften, gehört zum erfolgreichen und dennoch überraschenden Opportunismus des IS, der sich in seiner effektiven Propaganda gern als Retter der Sunniten vor den Schiiten darstellt. Assads Regime besteht bekanntlich aus Alawiten, einer kleinen schiitischen Splittergruppe. Eine ähnliche Allianz geht der IS mit der Türkei ein, die die Feinde der kurdischen Rebellen entlang der Grenze zu Syrien gern unterstützt. Nach der Eroberung der irakischen Millionenstadt Mossul und dem Erbeuten enormer Waffenbestände der irakischen Armee griff der IS Assads Armee an.

Der Westen ist am Aufstieg des IS mitschuldig, so Reuter. So lernte sich die spätere IS-Führung erst im Gefangenenlager der US-Armee im Südirak kennen. Der damalige US-Verwalter Paul Bremer löste 2003 die gesamte irakische Armee und weite Teile des Staates auf. Sehr viele Offiziere, die nicht unbedingt treue Saddam-Anhänger waren, wurden entlassen. Um sich für ihre Entmachtung zu rächen, gingen sie daraufhin in den gewaltsamen Widerstand gegen die US-Truppen mithilfe der von der schiitischen irakischen Regierung diskriminierten sunnitischen Stämme. Die irakische Armee, von den USA ausgebildet und bewaffnet, ist nicht motiviert und konnte nur dank Irans Hilfe den Fall Bagdads an den IS verhindern.

Christoph Reuter, Die schwarze Macht. Der "Islamische Staat" und die Strategen des Terrors, DVA 2015, 352 Seiten, 19,99 Euro. Als E-Book: 15,99 Euro.

(Foto: )

Reuter recherchiert nicht nur hervorragend, er analysiert klar und profund, und schreibt flott und lebendig. Im Kapitel "Nordkorea auf Arabisch" schildert er durch Informationen mehrerer einheimischer Rechercheure (für unabhängige Journalisten ist die Einreise lebensgefährlich) detailreich den Alltag im Islamischen Staat. So werden lokale Anführer gelegentlich hingerichtet, um Angst und Schrecken zu verbreiten oder junge Frauen zur Heirat mit einem eingereisten Dschihadisten gedrängt, Zehnjährige an Schusswaffen trainiert - andere Kinder kreuzigen Vögel im Spiel und hängen ihnen ein Schild "Ungläubiger" um den Hals. Rauchern werden die Finger gebrochen, und auf dem Viehmarkt bedeckt man die Euter der Kühe. Sogar Ersatzreifen sind verboten, denn man müsse ja auf Gott vertrauen!

Reuters Prognose, dass der IS von innen kollabieren werde, fällt momentan zu optimistisch aus. Die Terrorallianz kämpfe zwar an mehreren Fronten gleichzeitig, leide durch die Tötung mehrerer Anführer, die schwer ersetzbar seien, und könne ihre heraufbeschworenen Utopien nicht erfüllen. Dennoch erwartet zurzeit niemand die Rückeroberung Mossuls, der "Hauptstadt" des IS. Dieses wichtige Buch kann aber dabei helfen, diese Dschihadisten ernst zu nehmen, um sie in Allianz mit den sunnitischen Irakern besiegen zu können.

Igal Avidan ist israelischer Journalist und Buchautor. Er lebt in Berlin.