bedeckt München 18°

Irak:Tödliche Warnung

Er galt jungen Irakern als Symbolfigur, die monatelang gegen die korrupte Regierung und den konfessionellen Proporz demonstriert hatten: Der ermordete Terrorexperte Hisham al-Hashemi.

(Foto: Ahmad Al-Rubaye/AFP)

Wer schoss auf den Terrorexperten Hisham al-Hashemi? Motive hätten der IS oder schiitische Milizen.

Von Paul-Anton Krüger

Mehrere Sicherheitskameras haben den Mord aufgezeichnet, der den Irak aufwühlt. Montagabend war der bekannte Analytiker und Terrorismusexperte Hisham al-Hashemi in einem weißen Geländewagen vor seinem Haus im wohlhabenden Bagdader Stadtviertel Zayouna vorgefahren. Die Attentäter hatten sich kurz zuvor in Stellung gebracht. Einer wartete auf einem Motorrad, der andere feuerte vier Schüsse durch die Scheibe der Fahrertür. Die Kinder mussten mit ansehen, wie der Körper ihres Vaters aus dem Auto geborgen wurde. Hashimi starb wenig später in einem Krankenhaus.

Bislang hat sich keine Gruppe zu dem Mord bekannt, aber der Verdacht richtet sich gleichermaßen gegen Schläfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) als auch gegen von Iran gesteuerte Schiiten-Milizen, vor allem Kata'ib Hisbollah. Bedroht hatten Hashemi in den vergangenen Monaten nach seinen eigenen Worten beide Extremistengruppen - trotzdem blieb er in Bagdad, wo er 1973 geboren worden war, obwohl er nach Angaben von Freunden zeitweise erwogen hatte, aus dem Irak zu fliehen. Er ließ sich nicht einschüchtern, war schon von den Schergen Saddam Husseins für mehrere Jahre ins Gefängnis geworfen worden - damals war er selbst noch ein salafistischer Prediger.

Hashemi hatte großen politischen Einfluss

Hashemi galt als einer der kenntnisreichsten Experten für sunnitischen Extremismus und die Ideologie der Fundamentalisten - Phänomene, die auch schon vor dem Aufstieg des IS den Irak prägten. Das Terrornetzwerk al-Qaida hatte hier nach der Invasion der USA im Jahr 2003 eine seiner Hochburgen. Er beriet die irakische Regierung, hatte beste Verbindungen zum US-Militär und den dem Premierminister unterstellten Anti-Terror-Einheiten sowie dem irakischen Geheimdienst. Deren früherer Chef, Mustafa al-Kadhimi, stieg im Mai zum Regierungschef auf - was Hashemi noch zu erheblich größerem politischen Einfluss als bisher verhalf.

Hashimi war zugleich ein gefragter Gesprächspartner westlicher Nachrichtendienstler, Diplomaten und Journalisten. Oft konnte man ihn in der Lobby des Palestine-Hotels antreffen, wo er geduldig Hintergründe zu bewaffneten Gruppen in seinem Heimatland erläuterte.

Zuletzt rückten immer stärker die mächtigen schiitischen Milizen in den Vordergrund, von denen sich manche der Kontrolle der Regierung entziehen und einen Staat im Staate bilden, den die iranischen Revolutionsgarden steuern. Sie sind derzeit eine weit größere Bedrohung des staatlichen Gewaltmonopols als die wieder erstarkenden Überreste des IS, auch wenn beide weitgehend ungestraft politische Gegner bedrohen und ermorden.

Premier al-Kadhimi hatte jüngst das Hauptquartier von Kata'ib Hisbollah von einer Spezialeinheit stürmen lassen. Mitglieder der Miliz belagerten daraufhin ein Regierungsgebäude in der Grünen Zone; alle Festgenommen kamen daraufhin wieder frei. Die Aktion galt in Irak aber als Warnung an Iran und seine irakischen Handlanger - und Hashimi hatte sie öffentlich gut geheißen.

Kata'ib Hisbollah gilt als diejenige Miliz, die für die meisten Angriffe auf US-Stützpunkte im Irak verantwortlich ist und hinter der Belagerung der US-Botschaft zum Jahreswechsel stand. Ihren damaligen Anführer, Abu Mahdi al-Muhandis, brachten die USA wenige Tage spätere zusammen mit dem Chef der für Auslandseinsätze zuständigen Quds-Brigaden der Revolutionsgarden, Qassem Soleimani, mit einem Drohnenangriff am internationalen Flughafen von Bagdad um. Kata'ib Hisbollah und andere Teheran nahestehende Gruppen haben geschworen, die USA aus dem Irak zu vertreiben.

Premier Kadhimi verhandelt mit Washington über einen Truppen-Abzug, de facto aber wurden die Einheiten nur auf gut gesicherten Stützpunkten zusammengezogen - und Kadhimi hat versprochen, die Angriffe gegen sie zu stoppen. Der Mord an Hashemi gilt in Irak als Warnung an den Premier, nicht zu forsch gegen Irans Einfluss und Interessen vorzugehen.

Hashemi galt auch jungen Irakern als Symbolfigur, die monatelang gegen die korrupte Regierung und den konfessionellen Proporz protestiert hatten, nach dem bislang Regierungsämter und Pfründen in Bagdad verteilt wurden. Ein Fanal, wie verrottet der Staat ist, sehen sie darin, dass sich die Attentäter ungehindert Hashemis Haus nähern und unerkannt fliehen konnten. Auch nun gingen sie wieder auf die Straße, eskortierten Hashemis schlichten Holzsarg durch Bagdads Straßen, der zur Beisetzung in die heilige Stadt Najaf gefahren wurde. Sie hoffen, dass Premier Kadhimi sein Versprechen einlöst, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen - schon weil der Ermordete auch ein enger Freund des Regierungschefs war.

© SZ vom 11.07.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite