Irak: Terror und Verhaftungen Mit Lügendetektoren gegen den Putsch

In der Grünen Zone in Bagdad sitzt ein US-Soldat, an dessen Körper mehrere Sensoren befestigt sind. Sie registrieren seinen Herzschlag, seine Atmung, seinen Blutdruck und den Schweiß an seinen Fingerspitzen. Der Soldat wird dazu aufgefordert, sich eine Zahl zwischen eins und zehn auszudenken. Er wählt die Sieben.

Ein böses Geschäft mit Lügendetektoren

"Ist es die Eins?", fragt ihn jemand. "Nein", antwortet er. Der Laptop, der mit den Sensoren an seinem Körper verbunden ist, reagiert nicht. Das gleiche passiert bei der Zwei, der Drei, der Vier. Als der Soldat schließlich auch die Frage nach der Sieben verneint, schlägt eine der Kurven auf dem Bildschirm des Laptops aus. Die falsche Antwort hat zu einem plötzlichen Schweißausstoß an den Fingerspitzen des Soldaten geführt.

Der Lügendetektor, der zwischen die Sensoren am Körper der befragten Person und einen normalen Laptop geschaltet ist, hat die körperliche Veränderung registriert. "Die menschliche Physiologie ist sehr einfach", erklärt Daniel Sosnowski. "Man kann seinen Puls oder den Schweiß an den Fingerspitzen nicht kontrollieren", sagt er. "Die Sensoren sind äußerst empfindlich, sie lassen sich nicht überlisten."

Manche der Befragten sind speziell darauf trainiert, sich nichts anmerken zu lassen. Doch auch die hätten wenig Chancen, mit falschen Antworten durchzukommen, meint Sosnowski. "Wir sind darauf trainiert, deren Gegenmaßnahmen zu finden. Die gibt es immer irgendwo", sagt der Polygraphist. "Wir suchen nach Unregelmäßigkeiten, und es ist äußerst schwierig, etwas zu verschleiern."

"Sei nett zu deinem Polygraphisten"

In Deutschland, und auch unter US-Wissenschaftlern, ist die Verlässlichkeit von Polygraphen dagegen höchst umstritten. Die deutsche Bundesanwaltschaft widersetzt sich einer Zulassung des Polygraphen im Strafverfahren vehement, denn in den USA ist der Umgang mit den Geräten ausgeufert zu einem bösen Geschäft. Spektakuläre Fehldiagnosen auf Basis von Lügendetektortests sind weithin bekannt. Etwa der Fall des Doppelagenten Aldrich Ames, der zwei Tests absolvierte ohne in Verdacht zu geraten, während er für die Sowjetunion spionierte. Er befolgte einfach die Anweisungen seines Führungsoffiziers aus Moskau: "Schlaf dich gut aus und geh entspannt und ruhig in den Test. Sei nett zu dem Polygraphisten, bau ein harmonisches Verhältnis zu ihm auf, sei kooperativ und versuche, ruhig zu bleiben." Entweder dieses Rezept oder die Einnahme von Beruhigungsmitteln ließen Ames die Tests mit Bravour bestehen.

Weitere Beispiele sind der Fall des ehemaligen Football-Stars O. J. Simpson, der des Mordes an seiner Ex-Frau und deren Freund angeklagt wurde. Simpson ließ sich vom Polygraphen testen. Er wurde als Lügner entlarvt und dennoch freigesprochen. Ähnlich dramatisch war der Fall des Nuklearforschers Wen Ho Lee: Er wurde der Spionage beschuldigt. Drei unabhängige Tests sprachen für Lees Unschuld. Doch das FBI glaubte den Ergebnissen nicht. Man schickte einen eigenen Polygraphisten. Ergebnis diesmal: Lee habe gelogen. Das Verfahren endete schließlich mit einem Freispruch.

Windige Methoden aus den USA

In einer Studie für die Stiftung Kriminalprävention zeigte Kriminalrat Klaus Stüllenberg aus Münster - selbst ein ausgebildeter Polygraphist - dass sich sehr wohl bewusst Schwankungen in den Messergebnissen herbeiführen lassen. "Die Messung selbst lässt sich nicht beeinflussen", sagt er, "was sich aber beeinflussen lässt, ist die Reaktion auf die Fragen. Wenn ich mir bei einer nicht relevanten Frage beispielsweise eine angsteinflößende Situation vorstelle, löst das auch eine körperliche Reaktion aus."

Auch Klaus-Peter Dahle vom Institut für Forensische Psychiatrie in Berlin sagt zu dem Projekt im Irak: "Ich kann mir Konstellationen vorstellen, in denen solche Maßnahmen Sinn machen. Aber ich fürchte, wenn das Ganze von der APA initiiert worden ist, dann bin ich skeptisch, dass dort brauchbare Ergebnisse zustande kommen." Denn mit dem Geschenk der Lügendetektoren sei es nicht getan. "Der Apparat kann im Prinzip nichts, der misst lediglich physiologische Reaktionen. Es gibt keine spezifische Reaktion auf Lügen. Alles andere ist Fragetechnik", sagt der Wissenschaftler, der sich mit psychophysiologischen Methoden der Täterschaftsbeurteilung, also der Lügendetektion, befasst hat.

Ob man eine geeignete Fragetechnik in einem halbjährigen Kurs erlernen kann, bezweifelt der Wissenschaftler. "Wenn die Leute eine entsprechende Vorbildung haben, also etwa Psychologen sind, dann ist das möglich - sonst wohl kaum."

"Haben Sie Steuern hinterzogen?"

Und auch im Punkt der Fragetechnik gibt es noch Tücken. In den seltenen Fällen, in denen auch in Deutschland Lügendetektor-Tests vor Gericht zugelassen sind, wird nach einer Methode vorgegangen, in der Täterwissen ähnlich wie bei Multiple-Choice-Fragen abgeprüft wird. Man fragt also etwa, ob gestern ein roter VW, ein grüner Audi oder ein blauer BMW gestohlen wurde. Der Täter wüsste, dass es sich um einen roten VW handelt, und würde dies durch physiologische Reaktionen verraten. "Nach etwa zehn solcher Fragen, bei denen immer eindeutige Reaktionen erfolgen, hat man ein recht verlässliches Ergebnis", sagt Dahle.

Doch die APA propagiert in der Regel eine etwas windigere Fragetechnik. Sie konfrontiert den Befragten mit dem konkreten Verdacht ("Du bist eingebrochen!"). Die meisten Menschen reagieren ob solcher Anschuldigungen natürlich erschreckt. Deshalb wird versucht, durch Vergleichsfragen, bei denen man annimmt, dass die Antwort positiv ist, ("Sie haben doch sicher schon einmal Steuern hinterzogen"), ihre "normalen" Reaktionen bei einer "kleinen Lüge" herauszufinden. Ein Unschuldiger müsste also auf diese Vergleichsfrage stärker reagieren, der Täter dagegen auf die viel konkreter formulierte relevante Frage.

Bittere Konsequenzen für die Testpersonen

Der deutlichste Unterschied zwischen den Methoden besteht darin, dass bei der Täterwissen-Abfrage entweder ein sehr klares oder ein Null-Ergebnis vorliegt. Laut Professor Max Steller vom Institut für Forensische Psychiatrie Berlin zeigten verschiedene Laborstudien, "dass Probanden ohne Tatwissen bei fast allen Untersuchungen mit dem Tatwissentest zu 100 Prozent richtig identifiziert werden konnten, das heißt, dass keine falsch-positiven Zuordnungen erfolgten. Bei Personen mit Tatwissen erfolgten in 80 bis 95 Prozent richtige Klassifikationen."

Die APA-Fragetechnik dagegen führt zu fragwürdigen Ergebnissen. "Wenn der Hauptzweck ist, ein bisschen mehr Sicherheit zu erreichen, koste es was es wolle, dann hat selbst die APA-Methode natürlich einen gewissen Effekt", sagt Dahle. Der hat jedoch bittere Konsequenzen für viele Testpersonen: Denn selbst mit einer angenommenen Detektor-Genauigkeit von ungefähr 80 Prozent würden bei einem Screening von 10.000 Beschäftigten, unter denen sich zehn Schläfer befinden, zwar acht der Eingeschleusten entdeckt werden. Doch dafür würden auch 1598 völlig Unschuldige den Test nicht bestehen und zu Unrecht als Terroristen oder Verschwörer identifiziert werden. Auch das Abschiedsgeschenk der USA an den Irak wird dem Land also mehr Unglück bringen als Nutzen.