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Doppelanschlag im Irak:Mörderischer Willkommensgruß

Irak: Terroranschläge in Bagdad im Januar 2021

Tod auf dem Kleidermarkt: Attentäter ließen hier im Zentrum Bagdads kurz hintereinander Bomben explodieren. Mindestens 32 Menschen kamen ums Leben.

(Foto: Hadi Mizban/dpa)

Dutzende Menschen sterben bei den ersten Anschlägen in Bagdad seit drei Jahren. Es wird vermutet, dass die Taten eine Botschaft des IS an die neue US-Regierung sein sollten.

Von Moritz Baumstieger

Am Mittwoch noch hatte eine arabische Satirezeitung einen Beitrag veröffentlicht, in dem sich Iraks Hauptstädter über die vielen Checkpoints beschweren. "Ich fühle mich hier wie in Washington", wurde ein Bagdader zitiert. Was als Retourkutsche auf viele amerikanische Medien gedacht war, die den derzeitigen Belagerungszustand der US-Hauptstadt ausgiebig mit irakischen Verhältnissen verglichen hatten, bekam nur eine Nacht später einen schrecklichen Beigeschmack: Am Donnerstagvormittag erschütterte ein Doppelanschlag die Stadt, der erste seit Langem. Drei Jahre lang hatten die Sicherheitskräfte des Irak eben auch mit vielen Checkpoints Attentate verhindern können. Der bis dahin letzte Selbstmordanschlag in Bagdad am 18. Januar 2018 kostete 35 Menschen das Leben.

Die endgültige Bilanz der Taten von Donnerstag wird erst in einigen Tagen gezogen werden können, wenn klar ist, wie viele der 110 Verletzten überleben. Bisher gehen Rettungskräfte von 32 Toten aus. Keine der im Land aktiven extremistischen Gruppen bekannte sich zunächst, aber Beobachter vermuten hinter der Tat einen zynischen Willkommensgruß an die neue US-Regierung durch den sogenannten Islamischen Staat.

Auf einem belebten Kleiderbasar am Tayaran-Platz - just jenem Ort, an dem 2018 der letzte Anschlag passierte - spielte Augenzeugen zufolge ein Mann Kreislaufprobleme vor. Als Passanten zusammenliefen, um zu helfen, brachte er einen Sprengsatz zur Detonation. Ein zweiter Mann tat dasselbe, als Helfer wiederum die Opfer der ersten Explosion versorgen wollten, wie im Netz kursierende Videos zeigen. Die Bilder widersprechen dem, was ein Armeesprecher schilderte: Beide Attentäter hätten sich während einer Verfolgungsjagd mit Sicherheitskräften in die Luft gesprengt, sagte er.

Der Irak war mehr beschäftigt mit Folgen des Kriegs gegen die Terrormiliz als mit dessen Ursachen

Ende 2017 hatte die irakische Regierung ihren Sieg über den IS erklärt, nachdem es ihrer Armee mit Unterstützung der USA und von Iran gelenkter Milizen gelungen war, das Territorium im Norden und Westen des Landes zurückzuerobern, das die Dschihadisten 2014 überrannt hatten. Dass die Gefahr durch den IS damit gebannt sei, glaubte auch damals niemand, Schläferzellen werden weiter im ganzen Land vermutet. Doch zuletzt schien der Irak eher mit den Folgen des Kriegs gegen die Terrormiliz beschäftigt zu sein denn mit dessen Ursache.

Denn die schiitischen Milizen blieben nach 2017 bestehen. Schon seit der US-Invasion 2003 baut Iran seinen Einfluss im Nachbarland aus. Doch mit dem Krieg gegen den IS gelang es der Islamischen Republik, dort eine Schattenarmee zu etablieren - vergleichbar mit dem bewaffneten Arm der Hisbollah in Libanon, der ebenfalls von Irans Revolutionsgarden aufgebaut wurde und einen teheranfreundlichen Staat im Staat garantiert.

Diese Entwicklung versuchten die USA aufzuhalten, deren Stützpunkte im Irak häufig von den Milizen beschossen wurden, selbst auf das Botschaftsgelände in der Grünen Zone in Bagdad regnen immer wieder Raketen. Vor einem Jahr schrammte die Region haarscharf an einem Krieg vorbei, nachdem eine US-Drohne am Bagdader Flughafen einen wichtigen irakischen Milizenführer und dessen iranischen Gast ausschaltete - General Qassem Soleimani, den Chefplaner aller verdeckten wie offenen Operationen Irans im Ausland.

US-Freundliche und Iran-Nahe bleiben kaum versöhnbare Lager

Den Einfluss Irans wollte aber auch eine Protestbewegung zurückdrängen, die seit Oktober 2019 in Bagdad und anderen Städten auf die Straßen geht. Ihre Forderung nach einer Neuordnung der politischen Landschaft bezahlten Hunderte mit ihrem Leben, als unbekannte Waffenträger in die Masse schossen - wie auch bei vielen gezielten Hinrichtungen von Aktivisten wurden irantreue Milizen hinter diesen Taten vermutet. Nach einer coronabedingten Pause wurden die Demonstrationen zuletzt wieder größer, so wie nach Ausgangssperren das Leben an Orte wie den nun angegriffenen Tayaran-Platz zurückkehrte.

Ob der Ruf nach Veränderung auch in den Institutionen ankommt, wird sich erst im Oktober zeigen. Anfang der Woche beschloss die Regierung, die für Juni angesetzte Parlamentswahl um vier Monate zu verschieben. Nach jeder Abstimmung setzte bislang in den Hinterzimmern ein Ringen zwischen den US-freundlichen und den irannahen Gruppen ein - ein Dualismus, der sich auch mit der offenbar wieder steigenden Bedrohung durch den IS nicht leicht überbrücken lassen wird.

© SZ/gal
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