Irak Racheakte nach IS-Rückzug aus Tikrit

  • Nach der Rückeroberung der irakischen Stadt Tikrit aus der Gewalt der Extremistenmiliz Islamischer Staat ist es den Behörden zufolge zu schweren Plünderungen, Brandstiftungen und wohl auch zu Hinrichtungen gekommen.
  • Amnesty International prüft Racheakt-Vorwürfe gegen die irakische Armee.
  • Iraks Ministerpräsident Abadi wirbt für Unterstützung im Kampf gegen den IS.

Tikrit: Beerdigung von irakischen Soldaten, die von Kämpfern der Terrormiliz Islamischer Staat ermordet sein sollen.

(Foto: dpa)

Tikrit ist Geburtsort des legendären Jerusalem-Eroberers Saladin - und des irakischen Diktators Saddam Hussein. Noch vor einem Jahrzehnt lebten hier am Ufer des Tigris eine Viertelmillion Menschen. Heute sind es kaum noch mehr als 100.000. Trotz zweier Kriege, einem Bürgerkrieg und der Eroberung durch den "Islamischen Staat" (IS) vor weniger als einem Jahr. Ende März wurde die sunnitische Stadt von irakischen Regierungssoldaten und schiitischen Milizen befreit, die US-geführte Militärallianz lieferte Luftunterstützung. Der bislang wohl größte Erfolg gegen die IS.

Erfolg? Befreiung? Die aktuellen Berichte aus dem etwa 160 Kilometer von Bagdad gelegenen Tikrit gleichen eher mittelalterlichen Berichten von Eroberungen und Zurückeroberungen: Erst die Pest, dann die Cholera.

Die Behörden der Stadt berichten nach der Rückeroberung von schweren Plünderungen und Brandstiftungen. Schiitische Milizen hätten in den vergangenen Tagen Hunderte Häuser und Läden angesteckt, nachdem sie diese ausgeraubt hätten, sagte der Chef der Stadt- und Provinzverwaltung, Ahmed al-Kraim. Die Lage sei außer Kontrolle geraten und chaotisch. Er sei deswegen in die Hauptstadt Bagdad geflohen. Ministerpräsident Haidar al-Abadi ordnete die Festnahme von Plünderern und anderen Gesetzesbrechern an.

Inzwischen prüft auch Amnesty International Vorwürfe von gewaltsamen Racheakten der irakischen Armee und ihren Verbündeten. "Die Berichte von vielfachen Menschenrechtsverletzungen machen uns große Sorgen", sagte Amnesty-Sprecherin Donatella Rovera. "Wir prüfen Berichte, nach denen zahlreiche Einwohner nach ihrer Festnahme Anfang vergangenen Monats nicht wieder aufgetaucht sind", sagte Rovera. Ebenso sei es möglicherweise zu standrechtlichen Hinrichtungen von Männern gekommen, ohne dass deren vorherige Beteiligung an den Kämpfen gesichert gewesen sei, beklagt Amnesty.

Die über einen Zeitraum von mehreren Wochen erfolgte Rückeroberung Tikrits sowie umliegender Orte vom IS galt als Härtetest dafür, ob die schiitisch dominierten Regierungstruppen bei der Einnahme sunnitisch geprägter Gebiete von Vergeltungsmaßnahmen Abstand nehmen würden. Die Regierung in Bagdad ebenso wie ihre Verbündeten, die UN und verschiedene Menschenrechtsorganisationen hatten mehrfach gewarnt, jeder von Rache begleitete Kampferfolg gegen den IS werde nur die Saat für neue Gewalt streuen.

Abadi: Kampf gegen "Islamistischen Staat" braucht Zeit

Die Kommandeure der regierungstreuen Truppen an der Front weisen Berichte von Plünderungen und Zerstörungen regelmäßig zurück. IS-Dschihadisten würden demnach vor ihrer Flucht oft Feuer legen und zudem Sprengfallen in den zurückeroberten Orten hinterlassen. Zudem war in Tikrit gleich nach der Rückeroberung ein Massengrab entdeckt worden. Dort sollen Hunderte Leichen eines im Juni vom IS gestürmten nahegelegenen Militärstützpunkts verscharrt worden sein. Die meisten Opfer waren Schiiten.

Die Tikrit-Offensive gegen den IS gilt als wichtige Etappe auf dem Weg zur Rückeroberung der weiter nördlich gelegenen Metropole Mossul. Allerdings könne der Kampf gegen den IS nach Ansicht von Regierungschef Abadi nicht von einer uniformierten Armee allein gewonnen werden. Nötig sei weiterhin Unterstützung aus dem Ausland, sagte er in einem Spiegel-Interview. Als Beispiel nannte er Minenräumgeräte aus Deutschland. "Der IS ist eine Terrororganisation, er ist bösartig und kriminell." Wo immer die Gruppe hinkomme, lege sie Minen und Sprengkörper. "Unsere Soldaten müssen diese mit bloßen Händen entfernen. Wir haben dadurch schwere Verluste; das verzögert unsere Fortschritte."

Eine weitere Herausforderung stellten die ausländischen IS-Kämpfer dar, "die ideologisch indoktriniert worden sind". Diese seien weitaus schwieriger zu bekämpfen als die irakischen Mitglieder der Terrormiliz, die einen Anteil von rund 57 Prozent ausmachten. "Wenn unsere Sicherheitskräfte in eine Stadt eindringen, machen die uns keine Probleme, sie rennen weg."