bedeckt München 14°

Interview am Morgen: Papst im Irak:"Es ist leichter, Kirchen wiederaufzubauen als Gemeinden"

Mosul: Ein Kreuz an einer Wand mit Spuren von Einschlägen.

Einschusslöcher in der Kirchenwand: Das christliche Leben in Mossul startet unter schwierigen Bedingungen neu.

(Foto: THAIER AL-SUDANI/Reuters)

Papst Franziskus besucht erstmals den Irak. Er verschafft den Christen im Land so die Aufmerksamkeit, die sie dringend benötigen, sagt Emanuel Youkhana, Pater der assyrischen Kirche des Ostens.

Interview von Moritz Baumstieger

Den Besuch des Papstes im Irak, der an diesem Freitag begonnen hat, hatte der Vatikan eigentlich als erste Post-Corona-Reise geplant - nun dauert die Pandemie noch an. Dennoch will Franziskus drei Tage im Land verbringen und neben dem schiitischen Würdenträger Großayatollah Ali al-Sistani vor allem die christlichen Gemeinden in der Gegend um die Stadt Mossul besuchen. Hier herrschte vor wenigen Jahren noch der IS, der Zehntausende in die Flucht zwang. Mit seinem Hilfswerk Capni versucht Pater Emanuel Youkhana, Archimandrit der Assyrischen Kirche des Ostens, von der Stadt Dohuk in den irakischen Kurdengebieten aus die Flüchtlinge und ihre Rückkehr zu unterstützen.

SZ: Pater Emanuel, Diskriminierung von Christen hat es schon vorher gegeben, doch als der IS 2014 die Gegend um Mossul überrannte, wurde es lebensgefährlich.

Emanuel Youkhana: Dass die Extremisten die Stadt überrannten und eroberten, ist ein Märchen. Sie wurden von vielen willkommen geheißen! Schon vor 2014 waren Christen systematisch zum Ziel geworden, Bürgern und Kirchengemeinden wurde Schutzgeld abgepresst. Doch nun nahm sich der IS Kirchen als Stützpunkte, Kathedralen wurden Lager für die Güter aus geplünderten christlichen Häusern, die an IS-Kämpfer verteilt werden sollten. In den ersten zwei Wochen ließen die Dschihadisten noch zu, dass Menschen die Stadt verlassen, fast alle Christen sind da in die Kurdengebiete geflohen. Wer blieb, wurde später zum Konvertieren gezwungen, einige Frauen wurden versklavt.

Pater Emanuel

Emanuel Youkhana, 62, ist Archimandrit der Assyrischen Kirche des Ostens - der ranghöchste verheiratete Priester unter einem Bischof. 1993 gründete er das Hilfswerk Capni.

(Foto: CAPNI)

Nach der Befreiung der Stadt 2017 sagten Sie, Mossul sei für Christen wohl für immer verloren. Wie sehen Sie das heute?

Das Wort "Befreiung" vermeide ich - die Stadt wurde ein weiteres Mal erobert. Und leider muss ich vier Jahre später sagen: Ich hatte damals recht. Die IS-Ideologie ist noch immer da, Täter laufen frei herum. Von vielen Hundert Familien sind deshalb nur 40 zurückgekehrt, und ich fürchte, sie werden nicht lange bleiben. Ihr Leben ist voller Angst.

Wo leben die Geflohenen heute?

Die meisten Christen aus Mossul und der nahen Ninive-Ebene werden wohl in den Kurdengebieten bleiben. In der Stadt Dohuk gab es nie syrisch-orthodoxe Gemeinden, jetzt halten hier 500 Familien regelmäßig Gottesdienste ab. Andere sind in alle Welt emigriert, die Zahl der chaldäischen Christen in San Diego und Detroit etwa wächst und wächst. Das Ausbluten der irakischen Gemeinden hingegen geht weiter.

Welche Anstrengungen werden unternommen, um Geflohene zur Rückkehr zu animieren?

Der Staat tut kaum etwas, die meiste Arbeit stemmen Hilfsorganisationen wie unsere. Und wir merken: Es ist leichter, Kirchen wiederaufzubauen als Gemeinden. In Mossul wurden Gotteshäuser restauriert, doch sie bleiben letztlich leere Hüllen, in denen keine Messen mehr gehalten werden. Dass so wenigstens unser kulturelles Erbe erhalten wird, freut uns; dass die Kirchen aber eher Museen sind, ist schmerzhaft. Wenn nun zum Papstbesuch das wieder erwachende christliche Leben in der Stadt präsentiert wird, ist das nichts als PR.

Irakische Christen in einer Kirche in Karakosch nach dem Rückzug des IS aus der Stadt Ende 2016.

Neustart nach totaler Zerstörung: Irakische Christen in einer Kirche in Karakosch nach dem Rückzug des IS aus der Stadt Ende 2016.

(Foto: Felipe Dana/AP)

Bevor Menschen zurückkehren, müssten sie erst mal Vertrauen fassen, dass sie unter den alten Nachbarn wieder sicher sind.

Wenn Sie in Deutschland ein Problem haben - etwa die Silvesternacht in Köln 2015 - wird sofort in den Medien diskutiert, kurz darauf im Bundestag: Was ist geschehen? Was sind die Gründe, wie lässt sich so etwas künftig vermeiden? Im Irak fehlen diese nationalen Debatten vollkommen. Der IS hat Frauen in sexuelle Sklaverei gezwungen - aber niemand denkt darüber nach, wie es dazu kommen konnte. Die Wahrheit ist: Dem Staat ist derzeit mehr daran gelegen, die sunnitische Bevölkerung aus Ex-IS-Gebieten für sich zu gewinnen, als zu fragen, wieso diese Menschen einem Terrorregime den Weg bereitet haben. Die Aufarbeitung der IS-Zeit hat keine Priorität für die Regierung.

Wäre nicht auch eine Bestrafung der Täter wichtig?

Natürlich sollte jedes IS-Mitglied angeklagt werden. Mindestens so wichtig wäre es aber, die Ursachen anzugehen - und wenn Sie mich fragen, ist es nicht schwer, die Gründe zu finden. Im Irak gibt es vier Minderheiten, die vor der Islamisierung im Land präsent waren: Christen, Jesiden, Juden, Mandäer. Aber bis heute kann man in diesem Land Abitur machen, ohne je etwas über diese Gemeinschaften erfahren zu haben. Wir existieren einfach nicht für diesen Staat, das hat es dem IS leicht gemacht: Wem 2000 Jahre christliche Geschichte im Irak nicht bewusst sind, der wird auch wenig Skrupel haben, eine Kirche zu entweihen.

Eine Nonne in Karakosch hübscht ein Kreuz mit etwas Farbe auf.

Seit Wochen bereiten die sich die Gemeinden auf den Besuch des Papstes vor: Eine Nonne in Karakosch hübscht ein Kreuz mit etwas Farbe auf.

(Foto: ZAID AL-OBEIDI/AFP)

Warum verschaffen sich die Christen nicht selbst Gehör?

Dafür müssten sich die vielen Konfessionen und ihre Führer erst mal einig sein. Viele bekämpfen sich jedoch lieber gegenseitig, paktieren mit anderen Gruppen, um sich gegenseitig auszustechen. In Deutschland haben Sie, glaube ich, so acht bis zehn relevante Parteien - bei 82 Millionen Einwohnern. Wissen Sie, wie viele Parteien um die Stimmen der verbliebenen 300 000 Christen hier kämpfen? Ebenfalls zehn. Wir sprechen nicht mit einer Stimme, das ist wirklich unerfreulich.

Den Besuch des Papstes werden auch die nicht katholischen Christen begrüßen, 0der?

Ja - denn Franziskus zwingt die Welt, auf uns zu schauen, gleich welcher Konfession wir angehören. Doch selbst wenn die internationale Aufmerksamkeit nach drei Tagen nachlässt, sollten wir versuchen, das Momentum hier weiter zu nutzen. Dass der Papst seine erste Reise nach langer Corona-Pause uns widmet, zeigt unseren Mitbürgern, dass die christlichen Gemeinschaften hier wertvoll sind. Franziskus bringt unsere Anliegen aufs nationale Tableau, ins Fernsehen, zu den Spitzenpolitikern. Und ich bin mir sicher, dass er hinter verschlossenen Türen deutlichere Worte an sie richten wird, als sie in den glattgebügelten diplomatischen Statements zu lesen sein werden.

Welchen Satz würden Sie an Franziskus richten, wenn er Ihnen über den Weg laufen würde?

Das wird nicht passieren, wegen der Pandemie werde ich seine Reise am Fernseher verfolgen. Aber ich würde ihm sagen, dass die Kirche des Ostens das Nest ist, aus dem unser Glaube geschlüpft ist. Wenn sie untergeht, verliert das Christentum seine Wurzeln. Über 2000 Jahre haben wir diese Region bereichert, heute können wir Brücken bauen, wo andere Mauern errichten. Man braucht uns mehr denn je.

© SZ
Zur SZ-Startseite
Bischofssynode

SZ PlusMeinungKatholische Kirche
:Heiliger Rebell

Papst Franziskus ist nun so lange im Amt, wie es sein Vorgänger Benedikt war. Warum sein Wirken wirklich atemberaubend ist.

Kolumne von Heribert Prantl

Lesen Sie mehr zum Thema