IS im Irak:Um die Stadt wieder bewohnbar zu machen, sind 700 Millionen Dollar nötig

Die Straßen der Altstadt sind leer, zumindest jene, wo der Schutt schon geräumt ist. Gespenstisch still ist es, nur ein paar Vögel fliegen über die Trümmerwüste. Hin und wieder zerreißen Schüsse die Ruhe; Soldaten feuern auf Sprengfallen, um sie zur Explosion zu bringen. Manchmal folgt dann der dumpfe Knall einer Detonation. In vielen der Ruinen liegen noch Minen, unter manchen noch Leichen. Der süßliche Gestank der Verwesung dringt aus den Trümmerhaufen hervor. Auch deshalb lässt die Regierung noch niemanden zurück.

Mehr als 2600 Leichen hat der irakische Zivilschutz im Westen der Stadt geborgen, seit die Regierung am 10. Juli die Befreiung Mossuls erklärt hatte, die meisten von ihnen in der Altstadt. Und die meisten von ihnen mutmaßlich Zivilisten. Diese Zahl dürfte noch weiter steigen, bis zu 3500 zivile Opfer vermuten die Behörden unter dem Schutt. Die Regierung hatte den Bewohnern der Stadt geraten, sich in ihren Häusern zu verstecken und die Befreiung abzuwarten. Was im Osten Mossuls noch gut funktionierte, erwies sich im Westen der Stadt als tödliche Falle.

Nach Schätzungen der UN, die auf Satellitenbildern beruhen, wurden 32 000 Gebäude in Mossul beschädigt oder zerstört, die meisten davon im Westen der Stadt - und mehr als 5500 alleine in der Altstadt, dazu Hunderte Kilometer Straßen, Wasser- und Stromleitungen, Abwasserkanäle. Welchen Anteil an der Zerstörung im einzelnen Luftangriffe der US-geführten Koalition haben, die massiven Autobomben des IS, Artillerie und Mörsergranaten beider Seiten, lässt sich kaum sagen.

Im syrischen Aleppo, vor dem Fall Ende 2016 monatelang von der syrischen und russischen Luftwaffe bombardiert, sind laut den UN mehr als 33 500 Gebäude beschädigt oder zerstört worden - allerdings ohne den monatelangen Häuserkampf, bei dem die irakischen Einheiten nach US-Angaben 1400 Mann verloren und weitere 7000 Soldaten verletzt wurden. Während im Osten der Stadt die meisten Bewohner zurückgekehrt sind, leben noch etwa 800 000 Menschen aus dem Westen in Flüchtlingslagern, wie die Internationale Organisation für Migration (IOM) meldet.

Kaum eine Stadt im Irak war so vielfältig, so reich an kulturellem Erbe

Um die Stadt nur einigermaßen wieder bewohnbar zu machen, sind nach ersten Schätzungen 700 Millionen Dollar nötig, doch liegen in Mossul nicht nur Gebäude in Trümmern. Eine einmalige Stadtgesellschaft ist zerstört, in der früher Muslime und Christen zusammenlebten, Sunniten und Schiiten, Araber und Kurden und Turkmenen. Kaum eine Stadt im Irak war so vielfältig, so reich an kulturellem Erbe. Auch davon hat der IS viel zerstört.

Nicht zuletzt die Große Nuri-Moschee in der Altstadt mit ihrem berühmten schiefen Minarett. Der IS hat sie gesprengt, damit sie nicht den Befreiern in die Hände fällt. Um zu ihr zu gelangen, muss man durch Löcher in Häuserwänden steigen, die der IS geschlagen hat, damit sich seine Kämpfer unbemerkt von den Drohnen bewegen konnten. Das Eingangstor zu dem 1170 erbauten Gotteshaus steht noch, die schwarze Metallgittertür ist verbogen. Die grüne Hauptkuppel hält sich auf drei Säulen.

Von der Kanzel darunter hatte sich Abu Bakr al-Bagdadi zum Kalifen deklariert, den "Islamischen Staat" ausgerufen. "Fuck IS!", haben Soldaten mit schwarzer Farbe neben die Gebetsnische gesprüht. Jemand hat die Reste der Korane aufgesammelt, behutsam in einen Sack gelegt. Der Stumpf des Al-Habda-Minaretts ragt auf hinter dem Schutthaufen, der einmal der Gebetsraum war. Ein Mahnmal in einer apokalyptischen Ruinenlandschaft.

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