Irak:IS legt improvisierte Bomben in Schränke, Uhren, Türen

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Campaign to regain Mosul

Durch Kämpfe in Brand gesetzte Ölfelder, 50 Kilometer von Mossul entfernt.

(Foto: dpa)

Selbst Spielzeug wird von Kämpfern der Terrormiliz mit Sprengstoff gefüllt. Derartige tödliche Fallen sind im Krieg nichts Neues, doch nie wurden sie systematischer eingesetzt als im Irak.

Von Paul-Anton Krüger

Wo immer Hussein Ali Kazam und seine Kameraden hinkommen, der Islamische Staat hat ihnen ein tückisches Erbe hinterlassen. Überall Sprengfallen, er vermint Häuser, sprengt Straßen. Hussein Ali Kazam ist Soldat der irakischen Armee, seine Einheit, die von Amerikanern ausgebildete 15. Infanterie-Division, soll Mossul befreien von den Dschihadisten. Die Soldaten kämpfen im Süden der Metropole, in der Abu Bakr al-Bagdadi im Juni 2014 das Kalifat ausgerufen hat. Hier treffen sie auf den bislang härtesten Widerstand.

Der Konvoi aus sandfarbenen Humvees stoppt in Mischraq. Nur einen Kilometer weiter brennt eine Schwefelfabrik, der Islamische Staat hat sie angezündet, ebenso wie die Ölquellen von Qayyarah. Den Dschihadisten ist jedes Mittel Recht, ihre Gegner aufzuhalten. Doch der beißende Qualm hält Generalmajor Najim al-Jabouri nicht ab, dort eine Lagebesprechung mit seinen Offizieren abzuhalten.

Bombenverstecke in Alltagsgegenständen

Der Generalmajor befehligt die Offensive im Süden von Mossul. Ein paar Dörfer, noch einmal 20 Kilometer nördlich, sollen die Soldaten an diesem Tag einnehmen. Von dort sind es dann nur noch 30 Kilometer bis zum Flughafen der Millionenstadt. Er soll das Sprungbrett für den Sturm auf die zweitgrößte Stadt in Irak werden, in der noch bis zu 1,5 Millionen Menschen leben, als Geiseln gehalten von ein paar Tausend Kämpfern des Kalifats.

Auf der anderen Seite der Straße liegt an der Mauer zum Nachbargrundstück eine Kuh, tot und aufgedunsen. Sie ist an den giftigen Schwefelgasen eingegangen, sagen die Leute, 1100 Menschen mussten ins Krankenhaus in Qayyarah, dem nächsten größeren Ort. Aber niemand traut sich, den Kadaver wegzuräumen. Denn auch er könnte mit einer tödlichen Sprengladung verbunden sein.

Die Soldaten finden improvisierte Bomben in Schränken, Uhren, Türen, Fensterläden. Ein hauchdünner Stolperdraht, gespannt durch einen Türrahmen. Bei Berührung löst er eine Ladung aus, die irgendwo versteckt sein kann. Wer eine Kühlschranktür öffnet, ein Fenster, einen Lichtschalter drückt, riskiert sein Leben. Die IS-Kämpfer wollen mit den Bomben verhindern, dass die irakische Armee die zivile Infrastruktur in den Gebieten nutzen kann, die sie zurückerobert.

Sprengfallen waren schon auf dem Balkan gefürchtet

Dass dabei auch Zivilisten ums Leben kommen, interessiert sie nicht. Im Gegenteil: Zivilisten zu töten, ist für den Islamischen Staat ein Mittel der Abschreckung. Er will verhindern, dass die Menschen in die befreiten Gebiete zurückkehren können. Selbst Teddybären und Spielzeug werden mit Sprengstoff gefüllt. Nach Angaben des UN-Nothilfebüros OCHA seien viele Orte stark mit improvisierten Sprengladungen und Minen belastet, das behindere die Rückkehr entscheidend.

Sprengfallen sind an sich nichts Neues, sie kamen im Vietnamkrieg zum Einsatz, waren auf dem Balkan gefürchtet und auch in Afghanistan eine Bedrohung für Zivilisten und westliche Truppen. Aber es hat wohl noch keinen Krieg gegeben, in dem solche Mengen derart systematisch gelegt worden sind, wie es der Islamische Staat in Irak getan hat - und vermutlich auch in Syrien.

Der Kampf im Süden von Mossul lässt erahnen, was die Truppen in der Stadt noch erwartet. Die engen Straßen am Westufer des Tigris sind das perfekte Terrain, um die Armee in einen Häuserkampf zu verwickeln. Luftunterstützung der US-Kampfjets würde ihr dort fehlen, will man nicht viele zivile Opfer riskieren. Jedes Haus, jede Tür dort, sagen Bewohner, sei mit Sprengfallen vermint. Wie stellt sich Generalmajor al-Jabouri die Eroberung von Mossul vor? Wie soll man eine Millionenstadt mit Hunderten Scharfschützen und Zehntausenden Sprengfallen erobern?

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