bedeckt München

Irak:IS sprengt Moschee in der Baghdadi das Kalifat ausgerufen hatte

Nur Trümmer blieben von der al-Nuri-Moschee in Mossul, die der IS Mittwochnacht zerstört haben soll. Die Islamisten wiederum beschuldigten die Amerikaner, für die Explosion verantwortlich zu sein.

(Foto: AFP)

Es war das Symbol des Triumphes: Die Eroberung Mossuls und die Ausrufung des Kalifats in der Al-Nuri-Moschee. Die irakische Armee hält die Sprengung der Moschee für ein Zeichen der Kapitulation.

Von Dunja Ramadan

Ein Knall, dann Rauch. Das schiefe Minarett, das die Iraker "al-Hadba" nannten, "die Bucklige", fällt in sich zusammen. Die Videoaufnahmen des irakischen Militärs zeigen den Moment, in dem Sprengladungen die Al-Nuri-Moschee in der Altstadt von Mossul in Schutt und Asche legen. Normalerweise werden in der 27. Nacht des Fastenmonats Ramadan Minarette von Kairo bis Bagdad mit bunten Lichterketten geschmückt, Bittgebete hallen per Lautsprecher durch die Straßen, die Moscheen sind brechend voll. Die Nacht gilt Muslimen als heiligste im ganzen Jahr. Es ist die Nacht der Bestimmung, in welcher der Erzengel Gabriel dem Propheten Mohammed die ersten Koranverse überliefert haben soll.

Nun hat offenbar die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) am Mittwochabend jene Moschee in die Luft gesprengt, in der sich der selbsternannte IS-Kalif Abu Bakr al-Baghdadi Anfang Juli 2014 bei einer Freitagspredigt erstmals öffentlich gezeigt hatte, um das Kalifat auszurufen. Als die Terrormiliz im Sommer 2014 die zweitgrößte Stadt im Irak überrannt hatte, hissten die Islamisten ihre schwarze Fahne am Minarett der Al-Nuri-Moschee. Der türkische Herrscher Nur ad-Din Zengi, der gegen die Kreuzritter siegte, hatte sie im 12. Jahrhundert gegründet.

Die irakischen Soldaten waren bis auf weniger als 50 Meter an das Gotteshaus herangerückt

Ein Befehlshaber der irakischen Anti-Terroreinheiten hatte bereits Anfang der Woche gewarnt, dass die IS-Miliz die Moschee zerstören könnte. Aus "psychologischen Gründen" würden die Dschihadisten nicht etwas stehen lassen, das einmal von al-Baghdadi in Beschlag genommen worden sei. Zum Zeitpunkt der Sprengung seien die irakischen Soldaten nur noch weniger als 50 Meter von der Moschee entfernt gewesen, sagte der Befehlshaber der Offensive in Mossul, Abdulamir Jarallah. Der irakische Regierungschef Haider al-Abadi wertete die Sprengung der Moschee als "formale Erklärung ihrer Niederlage", wie er auf Twitter schrieb.

Die irakische Armee hatte im Oktober 2016 eine Offensive begonnen, um Mossul vom IS zu befreien. Seit Anfang des Jahres rückt sie auf den Westen der Stadt vor, die vom Tigris in zwei Teile getrennt wird. Zuletzt hatten sich die IS-Kämpfer nur noch auf den wenigen Quadratkilometern der Altstadt verschanzt. Am vergangenen Wochenende begannen die irakischen Soldaten, auch in diese Viertel mit ihren engen Gassen vorzurücken.

Der IS machte über seine Propaganda-Agentur Amaq die USA für die Zerstörung der Moschee verantwortlich; ein Luftangriff habe sie getroffen. Die US-geführte Militärkoalition wies dies zurück. Ihr Sprecher Ryan Dillon sagte, Luftaufnahmen der Koalition belegten zwar die Zerstörung der Moschee, doch "zu dieser Zeit haben wir in dem Gebiet keine Angriffe geflogen".

Das Minarett soll mit Sprengstoff präpariert gewesen sein. Auf den Videoaufnahmen sieht man, wie die Ladungen kleine Rauchwolken aus den Ziegelmauern treiben. Die Bilder ähneln jenen der Sprengung der antiken Ruinen von Nimrud. Bis zuletzt hatte die Bevölkerung die Dschihadisten gehindert, das berühmte Minarett zu sprengen. Bereits im Juli 2014 hatten IS-Kämpfer versucht, es zu zerstören, da die Bauweise ihrer extremistischen Auslegung nach unislamisch ist. Damals bildeten die Bewohner Mossuls eine Menschenkette, um die Moschee zu schützen. Bislang zerstörten IS-Kämpfer vor allem schiitische Moscheen, Mausoleen und Schreine. Sie brandmarken Schiiten als Abtrünnige und begründen die Zerstörung von religiösen und historischen Bauwerken damit, die Verehrung von Verstorbenen sei Götzendienerei. Sie unterstellen den Gläubigen Ketzerei. Die Terrormiliz hat aus diesen Gründen Dutzende historische und architektonisch wertvolle Stätten in und rund um Mossul zerstört.

In den sozialen Netzwerken ist die Empörung groß. "Fast 900 Jahre unserer Geschichte wurde heute ausgelöscht, sie wollen unser kulturelles Erbe für immer zerstören", schreibt ein irakischer Nutzer auf Facebook. Mehrfach hatten IS-Dschihadisten auf ihren Kanälen erklärt, Muslime bräuchten keine Moschee, sondern lediglich einen sauberen Platz zum Beten - ohne aufwendige Verzierungen, denn die würden nur vom Gebet ablenken.

Dabei gilt die Errichtung einer Moschee im Islam als verdienstvolles Werk, das einem im Jenseits zugutekommt. Ein islamisches Gebetshaus im Ramadan in die Luft zu sprengen, stößt viele Muslime extrem hart vor den Kopf. Sie sehen sich darin bestätigt, dass der IS nur an seine eigene Machtposition denkt und um jeden Preis verhindern wollte, dass die irakische Armee ihre Flagge am buckligen Minarett der Al-Nuri-Moschee aufgezogen hätte.

Die irakischen Truppen hatten am Sonntag mit dem Sturm auf die Altstadt von Mossul begonnen. Die Offensive ist die letzte Phase bei der Rückeroberung der Stadt. Die IS-Kämpfer, deren Zahl noch auf mehrere Hundert geschätzt wird, leisten in den engen Straßen der Altstadt allerdings erbitterten Widerstand. Nach UN-Angaben sind dort noch 100 000 Zivilisten eingeschlossen. Sie leiden unter Luftangriffen, mehr noch aber unter dem IS, der wahllos auf alle Menschen schießt, die vor den Kämpfen fliehen wollen.

© SZ vom 23.06.2017/bemo

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite