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Irak:In Falludscha weht die irakische Flagge

Iraqi counterterrorism forces pose for a picture in Falluja

Selfie in Zeiten des Krieges: Ein Mitglied der irakischen Anti-Terror-Einheit fotografiert in Falludscha seine Mitkämpfer.

(Foto: Thaier Al-Sudani/Reuters)

Regierungstruppen erobern die "Stadt der Moscheen" von der Terrormiliz Islamischer Staat zurück.

Von Paul-Anton Krüger, Kairo

Irakische Regierungstruppen und schiitische Milizen haben am Wochenende die überwiegend von Sunniten bewohnte Stadt Falludscha vollständig von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zurückerobert. Das gab ein Sprecher der irakischen Armee bekannt, nachdem eine Spezialeinheit den Stadtteil Golan eingenommen hatte. 1800 Mann des IS seien bei der Offensive getötet worden, überwiegend durch Luftangriffe der von den USA angeführten Koalition gegen den IS. Vor Beginn des Sturms auf die Stadt hatte das irakische Militär selber die Zahl der IS- Kämpfer dort allerdings auf weniger als die Hälfte dieser Zahl geschätzt.

Der um sein politisches Überleben kämpfende Regierungschef Haidar al-Abadi besuchte Falludscha in der schwarzen Uniform, die Soldaten der Goldenen Division tragen. Er hisste symbolisch die irakische Flagge über der "Stadt der Moscheen", die er schon Mitte Juni für befreit erklärt hatte, und sprach von einem "Sieg für das gesamte irakische Volk". Nun werde auch bald über Mossul wieder die irakische Fahne wehen. Die Metropole im Norden des Landes ist die letzte größere Stadt, die sich noch in den Händen des IS befindet und die inoffizielle Hauptstadt der Miliz im Irak ist.

Abadi versuchte mit seinem Auftritt, die Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten zu besänftigen. Allerdings hielten sich entgegen den Zusagen seiner Regierung Angehörige der von Iran unterstützten und gesteuerten Badr-Miliz in der Stadt auf. Zuvor schon war bekannt geworden, dass sich Milizionäre in Uniformen der Bundespolizei an den Kämpfen beteiligt hatten. Gegen die schiitischen Milizen gibt es immer wieder Vorwürfe von Racheaktionen gegen Sunniten: Sie töten Männer, die sie verdächtigen, für den IS gekämpft zu haben, und brandschatzen Geschäfte und Wohnhäuser. Augenzeugen berichteten von brennenden Gebäuden. Milizionäre behaupteten allerdings, Sprengfallen oder Kurzschlüsse seien die Ursachen dafür. Abadi sprach von inakzeptablen "Einzelfällen" und machte "kranke Seelen" dafür verantwortlich.

Seit Beginn der Offensive auf Falludscha hat die irakische Armee nach eigenen Angaben etwa 20 000 überwiegend männliche Flüchtlinge aus der umkämpften Stadt auf Verbindungen zum IS überprüft. 2195 Verdächtige seien festgenommen worden, teilten die Streitkräfte am Samstag mit. Bei weiteren rund 7000 Jungen und Männern laufe die Überprüfung noch. Diese Überprüfungen, die oft mit Misshandlungen und Folter einhergehen, schüren Hass und Misstrauen unter den Sunniten. Dazu kommt, dass der Großteil der mehr als 85 000 aus Falludscha geflohenen Zivilisten unter menschenunwürdigen Bedingungen in Zeltlagern in der Wüste hausen muss.

Auch wenn laut dem irakischen Verteidigungsministers Khaled al-Obeidi 90 Prozent der Stadt noch bewohnbar sind, ist unklar, wann die Menschen zurückkehren können. Zuvor müssen Tausende Sprengfallen und Munitionsreste geräumt werden. Die UN warnten, durch die geplante Offensive auf Mossul könnten bis zu 2,3 Millionen Iraker aus ihrer Heimat vertrieben werden. Bereits heute zählt das Land 3,4 Millionen Binnenflüchtlinge, viele von ihnen sind Sunniten. Hilfsorganisationen schätzen, dass 7,3 Millionen Iraker auf ihre Unterstützung angewiesen sind. Geber haben bisher aber nur 312 Millionen Dollar bereitgestellt, etwas mehr als ein Drittel der nötigen Summe.

© SZ vom 28.06.2016
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