Irak 1,5 Millionen Menschen drohen in Mossul zwischen die Fronten zu geraten

  • Seit Monaten bereiten sich Hilfsorganisationen darauf vor, die Auswirkungen der Offensive gegen die IS-Hochburg Mossul auf die Zivilbevölkerung zu bewältigen.
  • Experten befürchten eine humanitäre Katastrophe: Bis zu 1,5 Millionen Menschen drohen, zwischen die Fronten zu geraten.
  • Da wohl nicht alle Vertriebenen in Lagern unterkommen werden, stehen Zehntausende Notfallpakete bereit.
Von Moritz Baumstieger

Die Szenarien, die eher pessimistisch veranlagte Beobachter als Folgen der Schlacht um Mossul zeichnen, sind äußerst düster: "Wenn die Dinge falsch laufen, droht uns die schlimmste humanitäre Katastrophe, die die Welt seit Ruanda gesehen hat", meint etwa Alex Milutinovic, Direktor des International Rescue Committee im Irak. Zur Erinnerung: Mitte der Neunzigerjahre flohen zwei Millionen Menschen aus Ruanda in Nachbarstaaten wie den Kongo, in den improvisierten Lagern breiteten sich Seuchen aus, die hohe Zahl der Flüchtlinge destabilisierte die ganze Region und führte zu Folgekriegen.

Dass all dies auch im Nordirak droht, bestreiten selbst optimistischere Menschen nicht: Mit dem nun begonnenen Sturm der irakischen Armee und ihrer Verbündeten auf das noch von der Terrormiliz IS gehaltene Mossul drohen bis zu 1,5 Millionen Menschen zwischen die Fronten zu geraten. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) rechnet damit, dass bis zu einer Million Menschen ihre Häuser verlassen werden, um andernorts Schutz vor den Kämpfen zu suchen, 700 000 von ihnen werden auf Hilfe angewiesen sein. "Das ist eine enorme Zahl, die uns an die Grenzen unserer Kapazitäten und wahrscheinlich auch darüber hinaus bringen wird", sagt Caroline Gluck, Sprecherin des UNHCR in Bagdad.

Genau wie die Militärstrategen bereiten sich die Helfer seit Monaten auf die Offensive vor. Und wie die Männer in Uniform haben sie ihre Lehren aus den letzten Schlachten der irakischen Armee gegen die Terrormiliz gezogen: "Der Kampf um Falludscha hat gezeigt, dass sich die Gegebenheiten deutlich rascher ändern können, als wir dachten", erzählt Caroline Gluck. Als irakische Kräfte die Stadt in der Provinz Anbar im Juni eroberten, brach der Widerstand der Terrormiliz überraschend schnell zusammen - zuvor aber hatten die heftigen Kämpfe zu unvorhergesehenen Fluchtbewegungen geführt. Auf bis zu 50 000 Flüchtende war das UNHCR eingestellt, "tatsächlich flohen mehr als 60 000 Menschen allein in den ersten drei Tagen der Offensive", so Gluck. Die Helfer waren überfordert, die vorbereiteten Lager schnell überfüllt. Tausende schliefen ohne jede Hilfe unter freiem Himmel, die Lage drohte außer Kontrolle zu geraten.

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Für die Fliehenden steht eine Art Campingausrüstung für Krisengebiete bereit

Eine Lehre aus dem Chaos von Falludscha sei nun, dass das UNHCR und seine Partner vor Ort - verschiedene NGOs, Iraks Zentralregierung sowie die Verwaltung der kurdischen Autonomiegebiete östlich von Mossul - flexiblere Ansätze suchen: "Wir schätzen, dass höchstens die Hälfte der Menschen in Lagern unterkommen kann", sagt Gluck, "und müssen versuchen, den restlichen Flüchtlingen anderweitig zu helfen."

Dafür sollen zu Beginn der Offensive 80 000 Pakete mit Ausrüstung in den vier Korridoren bereitstehen, die von den Helfern als Hauptfluchtrouten prognostiziert werden. Mit den Paketen sollen sich die Fliehenden für einige Zeit selbst helfen können - sie enthalten quasi eine Art Campingausrüstung für Krisengebiete: Kocher, leichte Zelte, Decken, Planen zum Abdichten von Räumen in Ruinen. "Wir hoffen, die Menschen so in sicherer Entfernung von den Frontlinien, aber nahe an ihrer Heimat halten zu können", sagt die UNHCR-Sprecherin. "Das würde auch die Rückkehr erleichtern, wenn die Kämpfe vorüber sind, und nicht zu dauerhaften Flüchtlingslagern führen." Eine längerfristige Lösung sei das aber nicht: Besonders im Nordirak kann der Winter sehr hart werden, "aus humanitärer Sicht wird die Offensive leider zum ungünstigsten Zeitpunkt stattfinden", so Gluck.

Dieser neue Ansatz des geplanten Improvisierens ist jedoch auch der Tatsache geschuldet, dass sich im Irak mit bereits heute 3,3 Millionen Binnenflüchtlingen nur schwer Orte finden lassen, an denen sich größere Menschenmengen problemlos ansiedeln ließen. Zum einen muss auf ethnische und religiöse Faktoren Rücksicht genommen werden, Mossuls sunnitische Bewohner etwa können nur schwer im schiitischen Süden untergebracht werden, und auch in den Kurdengebieten kennt die Bereitschaft Grenzen, noch mehr arabische Iraker aufzunehmen.

Zum anderen tun sich UNHCR und NGOs schwer, geeignetes Land zu finden: "Das bereitet uns wirklich Kopfschmerzen", berichtet Caroline Gluck. "Die meisten Grundstücke, die uns die Regierung anbietet, sind entweder topografisch völlig ungeeignet, mit Kampfmitteln kontaminiert oder liegen zu nah an den erwarteten Frontlinien."

15 Lager sollen es insgesamt werden, die meisten befinden sich erst im Bau oder in der Planung. Ob sie rechtzeitig fertig werden, bis die ersten Flüchtlinge ankommen, ist fraglich. Drei Wochen dauert es laut UNHCR etwa, um ein Camp mit einfachsten Unterbringungen und Gemeinschaftküchen zu bauen. Vorausgesetzt, ausreichend Mittel stehen bereit: Um der sich seit Monaten ankündigenden humanitären Krise in Mossul angemessen begegnen zu können, hat das UNHCR einen Finanzbedarf von 196 Millionen Dollar berechnet und in der internationalen Gemeinschaft lange um Unterstützung geworben. Eingegangen sind bisher lediglich 63 Millionen, gerade mal ein Drittel.

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