Irak Der schmutzige Sieg von Mossul

Ein schiitischer Kämpfer in einem Trainingscamp in Nadschaf. Entscheidend wird sein, welche Rolle künftig die Milizen im Irak spielen werden.

(Foto: Ali Abdul Hassan/AP)
  • Bei der Rückeroberung Mossuls sollen Armee und Milizen schwere Verbrechen an Zivilisten verübt haben.
  • Etwa 840 000 Flüchtlinge warten auf ihre Rückkehr in die Stadt, doch das wird dauern.
Von Dunja Ramadan

Mohamed will den Namen seines Vaters, eines IS-Kämpfers, nicht aussprechen. Er schämt sich für ihn, sagt er. Doch er will etwas loswerden: "Wer sich für die Barbarei des IS entschieden hat, der ist kein Mensch, sondern ein Tier", sagt der irakische Junge in einem Video, welches das US-Zentralkommando Centcom im Irak in den sozialen Netzwerken verbreitet. Wie mit Angehörigen von Dschihadisten nach der Rückeroberung Mossuls verfahren wurde und wird, beschäftigt mittlerweile auch die Vereinten Nationen. Kaum hatte der irakische Premierminister Haidar al-Abadi am 9. Juli den Sieg über die Terrormiliz Islamischer Staat verkündet, wurde Kritik am Vorgehen der irakischen Streitkräfte laut.

Wer verdächtigt wird, mit dem IS kollaboriert zu haben, wird vertrieben

Mehr als 170 Familien sollen in sogenannte Rehabilitations Camps gebracht worden sein, berichtet Human Rights Watch (HRW). In Bartella, 20 Kilometer östlich von Mossul, soll das erste Lager eröffnet worden sein. Mindestens zehn Frauen und Kinder seien auf dem Weg zum Camp oder dort gestorben - vor allem wegen Dehydrierung. Die UN forderten den irakischen Regierungschef al-Abadi auf, "dringende Maßnahmen" zur Unterbindung der "Kollektivbestrafung" ganzer Familien zu ergreifen. Mittlerweile wurden die meisten Camps geschlossen, berichtet Belkis Wille, die Irak-Expertin von HRW, der SZ.

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Doch die Berichte über unrechtmäßiges Verhalten der irakischen Armee und der schiitischen Milizen reißen auch drei Wochen nach dem Sieg in Mossul nicht ab. Amnesty International spricht mittlerweile von "mutmaßlichen Kriegsverbrechen". So hätten irakische Streitkräfte und die US-geführten Koalitionstruppen Waffen eingesetzt, "die in bevölkerungsreichen Gegenden niemals eingesetzt werden dürfen". Die Anti-IS-Koalition habe "versagt, angemessene Maßnahmen zum Schutz von Zivilisten zu ergreifen". Im Stadtgebiet seien "unpräzise, explosive Waffen" und unverhältnismäßige Gewalt eingesetzt worden. Die Tatsache, dass die Terrormiliz IS Bewohner als Schutzschilde missbrauche, entbinde die Gegenseite nicht von der Pflicht, Zivilisten zu schonen, so die Aktivisten. Auch mehren sich Nachweise über Racheakte der irakischen Armee an IS-Kämpfern. Der UN-Sondergesandte für den Irak, Jan Kubis, sagte Mitte Juli vor dem UN-Sicherheitsrat, im ganzen Land häuften sich die Übergriffe. Auch als IS-Kollaborateure verdächtigte Menschen würden vertrieben, ihre Häuser würden beschlagnahmt, sagte Kubis.

Dabei sollte der Sieg über den IS schnell und sauber errungen werden, hatten die Befehlshaber in Washington und Bagdad ihren Truppen aufgetragen. Mit dem unbarmherzigen Bombenkrieg, mit dem Russland und das syrische Regime zu jener Zeit Aleppo zu erobern versuchten, wollte man nicht verglichen werden. Dass die Befreiung der Stadt aber so sauber ablief wie versprochen, bezweifeln Anti-Kriegs-Aktivisten mittlerweile. Bilder aus manchen Vierteln Mossuls zeigen Trümmerwüsten wie in Dresden oder Stalingrad.

Zahlen zu den zivilen Opfern bei der Offensive auf Mossul hat die Anti-IS-Koalition noch nicht veröffentlicht. Die letzte Angabe stammt von Anfang Juni, damals sprach das Militärbündnis von 484 Toten - und zwar seit Beginn der Offensive vor drei Jahren und in ganz Syrien und Irak. Amnesty hingegen spricht von bis zu 5805 Zivilisten, die bei Luftangriffen des Bündnisses auf den Westen Mossuls getötet worden sein könnten. Die US-geführten Koalition wies den Bericht scharf zurück und nannte ihn "unverantwortlich". Am vergangenen Freitag sprachen jedoch auch Experten der Vereinten Nationen von Tausenden Toten, die unter den Trümmern der einstigen Millionen-Metropole begraben seien. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) beruft sich auf eigene Mitarbeiter und andere Zeugen.

Rund 840 000 Flüchtlinge warten derzeit auf ihre Rückkehr nach Mossul. Ein Großteil ist in der Region geblieben und will in die Stadt zurückkehren. Doch die flächendeckenden Zerstörungen machen eine schnelle Rückführung nahezu unmöglich. Die IOM rief die internationale Gemeinschaft zu mehr Unterstützung auf. Die Bundesregierung investiert rund 150 Millionen Euro in den Wiederaufbau.

Eine entscheidende Frage ist auch, welche Rolle die schiitischen Milizen künftig im Irak spielen werden. Laut offiziellen Zahlen umfassen die sogenannten Volksmobilisierungskräfte etwa 122 000 Kämpfer mit engen Verbindungen zu Iran. Einige Vertreter der Führungselite, wie der irakische Schiitenführer Muqtada al-Sadr, wollen die Milizen nun auflösen. Sadr lebte von 2007 bis 2011 im iranischen Exil, seit einiger Zeit inszeniert er sich jedoch als patriotischer Iraker, der den Sunniten in Mossul entgegenkommt. Sicher ein Grund, warum das sunnitische Saudi-Arabien sich mit einer Einladung revanchiert hat. Am Sonntag besuchte al-Sadr nach elf Jahren das wahabitische Königreich. Dort traf er auf den Kronprinzen Mohammed bin Salman, der sich wegen des iranischen Einflusses im Irak zunehmend sorgt und nach Verbündeten sucht.

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