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Irak:Das Zweckbündnis zerfällt

Das Anti-IS-Bündnis hat die Dschihadisten aus Mossul vertrieben. Weil eine gemeinsame Zukunftsvision fehlt, könnten Schiiten, Sunniten und Kurden nun untereinander in Konflikt geraten.

Mossul ist vom IS befreit, aber in weiten Teilen zerstört. Ähnlich schwer wie der Wiederaufbau wird sein, eine tragfähige Nachkriegsordnung zu finden.

(Foto: Felipe Dana/AP)

Am Tag, nachdem der irakische Premier Haidar al-Abadi in Mossul den Sieg über die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verkündet hat, ist es in der Stadt weiter zu schweren Gefechten zwischen Regierungseinheiten und Dschihadisten gekommen. Am Montag verkündete Abadi dann, nun sei der IS endgültig besiegt. Der Sieg der Armee sei "der Zusammenbruch des Staates" der Dschihadisten. US-Präsident Donald Trump gratulierte Abadi zum "Sieg". Es wird aber wohl noch Tage oder Wochen dauern, bis die Soldaten die letzten verschanzten Kämpfer getötet haben; sie ergeben sich nicht, sie wollen sterben. Der Kampf gegen den IS im Irak ist damit nicht beendet, die Dschihadisten kontrollieren weitere Gebiete: Eines westlich von Mossul Richtung syrische Grenze bei Tal Afar, ein größeres um Hawija südwestlich der Ölstadt Kirkuk, sowie der irakische Teil des Euphrat-Tals westlich von Haditha in der sunnitisch dominierten Provinz Anbar.

Nun steigt das Risiko, dass die vom gemeinsamen Feind zusammengehaltene Zweckallianz von Regierungseinheiten, Schiiten-Milizen und kurdischen Peschmerga und ihren internationalen Unterstützern zerfällt. Die Gruppen könnten gar gegeneinander kämpfen, um ihre jeweiligen Interessen durchzusetzen.

Die Kurden haben in drei Jahren des Kampfes gegen den IS die größten Gebietsgewinne gemacht. Sie kontrollieren 70 Prozent der einst zwischen der Regionalregierung in Erbil und der Zentralregierung in Bagdad umstrittenen Gebiete, darunter Kirkuk. Teilweise haben Peschmerga die Bevölkerung aus mehrheitlich von Arabern bewohnten Orten verjagt oder hindern sie an der Rückkehr.

Die Kurden wollen nun über die Unabhängigkeit abstimmen - auch in umstrittenen Gebieten

Allerdings hatte der Diktator Saddam Hussein in den Achtzigerjahren systematisch Kurden aus den Provinzen Kirkuk und Diyala vertrieben und sunnitische Araber angesiedelt, um seine Kontrolle über die Ölfelder dort zu sichern. Aus Sicht vieler Kurden wird nun also historisches Unrecht ausgeglichen. Anders sehen das die betroffenen sunnitischen Araber und dort lebende Turkmenen, von denen viele keinesfalls unter kurdischer Hoheit leben wollen.

Die kurdische Regionalregierung von Präsident Masud Barzani aber hat angekündigt, ihr für den 25. September geplantes Unabhängigkeitsreferendum auch in diesen Gebieten abzuhalten, der Gouverneur von Kirkuk ließ die kurdische Flagge hissen. Schiitische Milizen, die von irakischen Schiitenparteien in Bagdad oder von Iran kontrolliert werden, drohen mit Krieg, sollten die Kurden versuchen, sich Kirkuk einzuverleiben. Die Türkei und Iran lehnen trotz aller Konkurrenz beide eine Unabhängigkeit der Kurden ab.

Mit großer Sorge sieht Ankara dagegen, dass Schiitenmilizen westlich von Mossul tief in arabisch-sunnitisches Stammesgebiet bis an Syriens Grenze vorgedrungen sind. Sie sollen als politische und militärische Machtbasis der iranischen Revolutionsgarden im Irak und in Syrien dienen, ähnlich wie die Hisbollah in Libanon - und zugleich eine Landbrücke schaffen, die Iran erlaubt, Waffen und Nachschub für die Miliz nach Libanon zu bringen. Auch gegen sie gibt es immer wieder Vorwürfe, sie würden die Demografie gewaltsam ändern und Rachemorde an Sunniten verüben.

Die Verbitterung der Sunniten über die systematische Diskriminierung und Drangsalierung durch die schiitisch dominierte Regierung von Ex-Premier Nuri al-Maliki in Bagdad war maßgeblich für den Aufstieg des IS 2014. Berücksichtigt man die Interessen dieser Volksgruppe bei noch zu findenden Regelungen für die Regierung in Mossul und der Provinz Niniveh wieder nicht, werden daraus die Wurzeln der nächsten sunnitischen Aufstandsbewegung wachsen - oder einer Rückkehr des IS.

Schon jetzt klagen viele Menschen in überwiegend sunnitischen Städten wie Falludschah, Ramadi oder dem seit Februar befreiten Ostens Mossuls, dass der Wiederaufbau schleppend vorangeht und Bagdad Geld internationaler Geber vorenthält. Selbst wenn das nicht stimmen würde - die Wahrnehmung befeuert das ohnehin tief sitzende Misstrauen.

Noch schwieriger ist die Lage für kleinere ethnische und religiöse Minderheiten: Für Jesiden, aramäische und chaldäische Christen oder Schabak, die im Singhal-Gebirge beziehungsweise der Niniveh-Ebene zwischen Mossul und Erbil vom IS vertrieben wurden.

Premier Abadi brachte eine "Dezentralisierung" als Lösung ins Spiel, um den Zerfall des Landes zu vermeiden. So könnten Kirkuk oder Mossul autonome Provinzen werden. Doch die Idee hat in Bagdad so viele Gegner wie in den Nachbarstaaten. Es gibt keine ausgearbeiteten Pläne zur Föderalisierung des Irak. Auch ist offen, ob der Erfolg in Mossul Abadi politisch so stärkt, dass er sich trotz fehlender Hausmacht in Bagdad durchsetzen kann.

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