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Investorenparadies Zypern:Dame, König, As, Betrug

Verräterische Türschilder: Durch Nikosia zu gehen fühlt sich an, als laufe man durch einen Spionageroman von Le Carré. Warum Zypern zu einem Magneten für Investoren wurde, die vor allem die Herkunft ihres Geldes verschleiern wollen - und was die Republik mit Großbritannien und Russland verbindet.

Wen es nach Zypern verschlägt, spürt sogleich bei der Ankunft, dass diese kleine Insel im östlichen Mittelmeer anders ist als die gemeinhin bekannten europäischen Nachbarländer. Ungewöhnlich viele Anzugträger mit Aktenkoffern. Großflächige bunte Werbetafeln an den Ausfallstraßen des Flughafens - die vielen Mitteleuropäern unverständlich bleiben dürften.

Wegen der Sprachen. Russische Fonds werben um Kunden. Russische Banken preisen ihre Produkte. Natürlich in kyrillischen Buchstaben. Oder sie werben für Urlaub an den Sonnenstränden im Süden der Insel. Und zwischen den russischen Werbetafeln stehen immer öfters chinesische. China hat Zypern entdeckt, ein Unternehmen hat schon einige Hektar Land gekauft, es soll ein Ferienparadies entstehen.

Wer durch die Straßen der Hauptstadt Nikosia läuft und sich die Türschilder mancher Hauseingänge genauer anschaut, stellt gelegentlich fest, dass es offensichtlich mehr eingemietete Firmen als Büros gibt. Durch Nikosia zu gehen fühlt sich an, als laufe man durch einen Roman von John Le Carré.

Genau diesen Tatsachen haben es die Zyprer zu verdanken, dass einige Euro-Partner nun zögern, wenn es gilt, das Land mit Hilfskrediten vor der Pleite zu bewahren. Allen voran die SPD, deren Vorsitzender Sigmar Gabriel öffentlich erklärt, er könne es sich nicht vorstellen, "dass deutsche Steuerzahler zyprische Banken retten, deren Geschäftsmodell auf Beihilfe zum Steuerbetrug basiert". Ohne die Stimmen der SPD dürfte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Mehrheit im Bundestag verfehlen, der jeglichen Hilfen für Zypern zustimmen muss.

In der Euro-Gruppe hat Gabriels Ankündigung eher Kopfschütteln ausgelöst, und das gleich aus mehreren Gründen. Zum einen gibt es keine offiziellen Beweise dafür, dass zyprische Banken Steuerbetrug fördern, unabhängige Prüfinstitute und auch der Internationale Währungsfonds haben bisher ausreichende Leumundszeugnisse ausgestellt, auch ein Bericht des deutschen Geheimdienstes BND enthält keine darüber hinausgehenden Erkenntnisse.

Zum anderen wundern sich Diplomaten und Beamte über die Naivität des SPD-Chefs. Ein hoher EU-Diplomat erläutert, warum: Man müsse sich doch die Frage stellen, wer wirklich gerettet wird, wenn die Euro-Länder Zypern die benötigten 12 Milliarden Euro überweisen - die Anleger oder der Eigentümer?

Es droht ein Kollaps im Frühsommer

Die Antwort ist einfach: Es wird der Eigentümer gerettet und das zyprische Finanzsystem stabilisiert. Fließt kein Geld aus dem Euro-Rettungsfonds nach Zypern, dann kollabiert irgendwann im Frühsommer das zyprische Bankensystem. Theoretisch wären dann die Millionen-Einlagen der Anleger weg.

Aber eben nur theoretisch. Denn bis dahin, da sind sich die Euro-Experten einig, haben dubiose Anleger ihr Geld längst abgezogen. "Sobald sie Gefahr wittern, sind sie weg, das ist doch klar", sagt der Diplomat. "Wenn die Euro-Länder nicht helfen, schaden sie kaum russischen oder chinesischen oder anderen Millionären, sondern sie riskieren, dass Zypern komplett in die Krise rutscht."

Und, ganz nebenbei, weisen die Euro-Experten darauf hin, dass es völlig unmöglich sei, bei der Rettung von Banken zwischen guten und schlechten Anlegern, also zwischen schwarzen Schafen und Anlegern mit weißer Weste, zu unterscheiden.

Gleichwohl bestreitet kaum jemand, dass Zypern nicht ganz unschuldig ist an dem Dilemma. Zypern hat seit jeher Geschäftsleute aus aller Welt angezogen und selbstverständlich alles Mögliche getan, damit es viele werden. Dazu gehört auch der im Bezug auf die Landesgröße völlig überdimensionierte Bankensektor, der dem Land zum Verhängnis geworden ist. Die Zyprer und die Griechen hatten ihre Finanzinstitute eng verflochten, und als die Krise in Hellas zuschlug, verloren die Zyprer fast fünf Milliarden Euro, das ist rund ein Viertel ihres Bruttosozialprodukts.

Ungewöhnlich ist auch das zyprische Staatsbürgerrecht. Danach hat jeder Ausländer, der jährlich mindestens zehn Millionen Euro direkt auf Zypern investiert oder 15 Millionen über fünf Jahre anlegt oder dem Land ungewöhnlich hohe Einnahmen über Erfindungen beschert, das Recht, einen Pass zu beantragen.

Und dann ist da noch das britische Unternehmensrecht, das auf Zypern gilt. Das macht es Geschäftsleuten sehr leicht, Unternehmen zu gründen und Geschäfte zu machen, ohne angeben zu müssen, wer tatsächlich der profitierende Eigentümer des Unternehmens ist. Genau deshalb ist es wiederum vergleichsweise einfach, die wahre Herkunft des Geldes zu verschleiern.

Dennoch warnen Euro-Experten davor, Zypern als größten europäischen Geldwäsche-Platz zu kritisieren. Sie sagen, es lohne ein Blick nach London, wo natürlich auch britisches Unternehmensrecht gelte - und wo es eben auch einfach wäre, bestimmte Unternehmen zu gründen, ohne die profitierenden Eigentümer offenlegen zu müssen.

Geldfluss von London nach Zypern nach Russland

Ein hoher Beamter in Brüssel beschreibt das System so: Reiche russische Bürger investieren viel Geld auf Zypern, sie gründen Firmen, wohnen zeitweise dort, manche beantragen die zyprische Staatsbürgerschaft. Später gehen sie nach London, gründen dort eine weitere Firma, sie nehmen Kredite auf.

Und weil es manche dann doch wieder in die russische Heimat zieht oder auch nur, weil es noch einfacher sein soll, in Russlands korrupter Wirtschaft Gewinne zu machen, beschließen sie, in Russland zu investieren. Also transferieren sie das Geld von London nach Zypern - und von dort investieren sie es dann wieder in ihrer alten Heimat. Genau dieser Geldfluss erklärt, warum Zyprer die größten Direktinvestoren in Russland sind.

Es gibt eine schöne Anekdote, die gerade unter altgedienten EU-Diplomaten kursiert. Ausgerechnet unter dem früheren SPD-Finanzminister Hans Eichel soll es passiert sein, dass Großbritannien bei den Verhandlungen zur europäischen Zinsbesteuerungsrichtlinie durchsetzen konnte, Einnahmen aus genau diesen Gesellschaften ohne transparente Eigentümer nicht zu erfassen. Kurz: Die SPD selbst sei wohl "nicht unschuldig an diesem Dilemma" - über das sie sich heute so empört.

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SZ vom 10.01.2013/kat
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