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Investitionen:Es grünt so grün

Viele Konzerne versprechen, klimaneutral werden. Doch das ist gar nicht so einfach. Das fängt schon damit an, dass die Erfolge nicht leicht zu messen sind. Zudem wird der Wandel viele Milliarden kosten - und er muss finanziert werden.

Es gibt mittlerweile kaum einen Konzern, der es nicht will: CO₂-neutral werden, und zwar bald. Nur die Jahreszahlen unterscheiden sich. Bis 2030, bis 2040 oder 2050 wollen die Firmen unter dem Strich nicht mehr CO₂ ausstoßen, als sie wieder einsammeln. Microsoft-Chef Satya Nadella hat kurz vor seiner Abreise zum Weltwirtschaftsforum in Davos sogar angekündigt, der IT-Konzern werde bis 2030 CO₂-negativ arbeiten, also der Atmosphäre im laufenden Geschäftsbetrieb Kohlenstoffdioxid entziehen.

Das alles sind schöne Ziele, die aber drei Probleme mit sich bringen: Sie sind nicht leicht zu überprüfen, sie setzen technische Innovationen voraus, von denen natürlich jetzt noch nicht zu 100 Prozent sicher ist, dass es sie geben wird. Und sie werden viele Milliarden Euro kosten. Fabriken müssen umgebaut, Wälder gepflanzt werden.

Der Markt für Klimaprojekte wächst in zweistelligen Raten

Auch die kleinen Dinge werden sich summieren, die Firmenkantine braucht zum Beispiel mehr Spülmaschinen, wenn Kaffee-to-go-Becher gestrichen werden. Wenn die Klimakrise gelöst werden soll, braucht es also viel Kapital, um all diese Investitionen zu finanzieren. Da trifft es sich, dass in Davos die Finanzbranche stets die größte Teilnehmergruppe bildet. Der Klimawandel ist in Davos also nicht nur etwas, das dem ein oder anderen Manager Sorgen macht, weil es sein Geschäftsmodell bedroht, und dem anderen als Smalltalk-Thema dient (in Davos liegt dieses Jahr weniger Schnee als voriges). Die Klimakrise ist vor allem eine Chance zum Investieren, wie man hier sagt.

Der Markt für grünes Kapital wird stark wachsen. In den Jahren 2015/2016 sind laut der Schweizer Großbank UBS 460 Milliarden Dollar in Klimaprojekte investiert worden, 2017/2018 waren es rund 580 Milliarden - eine Wachstumsrate von 25 Prozent. Um alle erforderlichen Klimaprojekte zu finanzieren, müsste das eingesetzte Kapital laut UBS aber noch fünf Mal größer sein.

Die meisten Geschäfte könnten in den USA gemacht werden, doch der größte Kapitalmarkt der Welt zieht nicht mit. "Vor allem die fehlende Regulierung in den USA schwächt das Netz der klimafinanzrelevanten Regulierung", konstatiert UBS, deren vermögende Kunden ihr Geld gerne weltweit anlegen wollen. Aber auch die Schnelllebigkeit der Finanzmärkte selbst ist ein Problem. Manche Vermögensverwalter bleiben bei Investitionsprojekten nur rund anderthalb Jahre dabei, schätzt die Denkfabrik "2° Investing Initiative". Das ist viel zu wenig Zeit, um einen Konzern klimaneutral umzubauen. Dass die Finanzmärkte zu hektisch sein können, um erforderliche Klima-Investitionen durchzuhalten, hat der Chef der britischen Notenbank, Mark Carney, mal die "Tragik des Zeithorizonts" genannt. Die langfristigen Risiken des Klimawandels passen nicht zum kurzfristigen Gewinndenken.

Gut möglich auch, dass immer noch recht viel Marketing mitschwingt, wenn große Investoren wie der US-Fonds Blackrock erklären, den Klimaschutz der Unternehmen strenger zu begleiten. "Ich spüre in der Beziehung noch keinen Druck vom Kapitalmarkt", sagt der Chef eines Dax-Konzerns, der nicht namentlich genannt werden möchte. "Es gibt da eine große Diskrepanz zwischen dem, was öffentlich gesagt wird, und was tatsächlich gemacht wird". So wie es immer ist in Davos.

© SZ vom 22.01.2020
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