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Interviewbuch mit Guttenberg:Sehnsucht nach Publikum

Zurück auf die Bühne: Schon Guttenbergs Auftritt in Kanada zeigt, dass die Symbiose zwischen Politstar und Publikum noch funktioniert. Mit einem Interviewbuch legt der Ex-Minister nun nach. Sollte er tatsächlich ein politisches Comeback vorbereiten, ist dieser Schritt eine gute Idee.

Matthias Drobinski

Wie vieles im Leben von Karl-Theodor zu Guttenberg ging auch die Sache mit dem Buch ungewöhnlich schnell. Ende Oktober traf sich der ehemalige Verteidigungsminister in einem Londoner Hotel mit Giovanni di Lorenzo, dem Chefredakteur der Wochenzeitung Die Zeit. Über mehrere Tag hinweg redeten sie, danach hatten die Lektoren des katholischen Herder-Verlages viel zu tun.

Former German Minister of Defence Guttenberg waits for a debate to begin during the Halifax International Security Forum in Halifax

Der Auftakt von Karl-Theodor zu Guttenbergs Rückkehr in die Öffentlichkeit: sein Auftritt in einer kanadischen Talkshow.

(Foto: REUTERS)

An diesem Donnerstag wird die Zeit erste Passagen des Gesprächs veröffentlichen, am kommenden Dienstag erscheint das Werk, in dem sich der einstige Überflieger der CSU "in einem Schlagabtausch", so die Verlagsmitteilung, über seine Familie äußert, über seinen Aufstieg, über den "Umgang mit den eigenen Fehlern, über die Zeit nach dem Rücktritt - und über die Voraussetzungen für die Rückkehr eines immer noch enorm populären Politikers.

"Vorerst gescheitert" heißt das Werk, und manches lässt darauf schließen, dass Guttenberg das "Vorerst" stärker betont als das "Gescheitert". Mit di Lorenzo redet er, so der Verlag, über "die großen Themen der Zeit", den "schlechten Zustand der deutschen Politik und Parteien" sowie "notwendige Schritte in der Europa- und Außenpolitik". Kurz: Da weiß einer, wie es besser ginge.

Das war ja auch die Botschaft seines Auftritts am vergangenen Samstag im kanadischen Halifax. Guttenberg bürstete da seine Ex-Kollegen regelrecht ab: "Die Politiker erreichen die Öffentlichkeit nicht, sie erreichen die Menschen nicht", erklärte er und guckte, als ob er wüsste, wer das könnte. Die Öffentlichkeit war tatsächlich stark interessiert an diesem Auftritt und staunte, dass der Mann jetzt ohne Haargel und Brille auftritt. Die Symbiose zwischen Politstar und Publikum funktioniert also noch.

Sollte Guttenberg tatsächlich ein politisches Comeback vorbereiten, dann war das Interviewbuch im christlichen Herder-Verlag eine gute Idee. Sein Interviewpartner di Lorenzo kritisierte in den wilden Februartagen dieses Jahres zwar scharf, dass der Politiker weite Teile seiner Doktorarbeit abgeschrieben hatte, schrieb aber selbst, als es immer mehr Rücktrittsforderungen gab, dass Guttenberg trotzdem Minister bleiben solle. So dürfte es in dem Buch harte Fragen geben, die dem Ex-Minister Gelegenheit zu Reue und Selbstkritik bieten - aber es wird wohl kein Verhör stattfinden, an dessen Ende der einst so Selbstbewusste zerknirscht erklärt, dass er nie wieder die Bühne des Öffentlichen suchen werde.

Ob Guttenberg zur Vorstellung seines Buches nach Deutschland kommen wird, ob er sich in all die Talkshows setzt, die nun nach ihm fragen, das halte er sich offen, heißt es bei Herder. Auch dazu eignet sich so ein Buchprojekt: Man kann, ohne allzu großes Risiko einzugehen, mal schauen, wie die Leute so reagieren.

In knapp zwei Jahren wird der Bundestag neu gewählt. Guttenberg ist dann fast 42 Jahre alt, jung genug noch für die zweite politische Karriere. Strebt er sie an, muss er jetzt mit der Resozialisierung beginnen: Ich habe Fehler gemacht, ich habe gelernt, jetzt aber ist die Zeit der Buße vorbei, und einen wie mich findet ihr so schnell nicht in der Union. Weil politische Talente tatsächlich selten sind, könnte er damit nicht nur die Getreuen im Heimat-Wahlkreis Kulmbach überzeugen, wo man ohnehin glaubt, dass einem der Ihren Unrecht getan wurde. Dagegen stehen allerdings auch in der Union jene, die einem schon mal ins Ohr raunen, dass es zur Nachtseite solcher Talente gehört, die eigenen Grenzen zu vergessen.

© SZ vom 23.11.2011/cag

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