Interview zu Russlands Energiegiganten "Gazprom ist eine Waffe"

Der Journalist Waleri Panjuschkin erklärt, wie Putin mit dem Gaskonzern Politik macht, worüber Altkanzler Schröder nicht sprechen will und wieso die Russen Gazprom zugleich lieben und hassen.

Interview: Matthias Kolb

sueddeutsche.de: Herr Panjuschkin, hatten Sie Angst während Ihrer Recherchen? Der frühere russische Finanzminister Jegor Gaidar warnte Sie ja persönlich, das Thema Gazprom sei lebensgefährlich.

Der Journalist Waleri Panjuschkin schreibt für die Moskauer Tageszeitung "Wedomosti"

(Foto: Foto: Droemer Verlag)

Waleri Panjuschkin: Während unserer Arbeit bekamen wir nie Anrufe aus der Gazprom-Zentrale oder von den Behörden. Offene Drohungen gab es auch nicht. Aber die letzten Jahre haben gezeigt, dass Journalisten und Menschen mit einer eigenen Meinung in Russland gefährlich leben. Viele Journalisten trauen sich gar nicht, kritisch über Gazprom zu berichten, weil sie Einschüchterungen befürchten. Das ist die für Russland typische Selbstzensur. Vielleicht hat sich Herr Gaidar aber auch Sorgen gemacht, weil er viel mehr über die Verflechtungen zwischen Gazprom und der politischen Elite weiß.

sueddeutsche.de: Wurden Sie bei Ihrer Arbeit tatsächlich nicht behindert?

Panjuschkin: Nein. Ich war selbst überrascht, wie professionell und offen Gazprom reagiert hat. Mein Mitautor Michail Sygar und ich konnten mit vielen Managern sprechen, Förderanlagen besuchen und in die Welt von Gazprom eintauchen. Das Unternehmen möchte so transparent wie möglich erscheinen. Das eigentliche Problem sind die Kreml-Beamten.

sueddeutsche.de: Sie schreiben, Gazprom sei eine Waffe in den Händen des Kremls. Was macht den Gasmonopolisten zu einer Waffe?

Panjuschkin: Lassen Sie mich mit ein paar Zahlen antworten: Finnland ist wie Estland vollständig vom Import russischen Gases abhängig. Deutschland bezieht etwa 40 Prozent seiner Energie aus Russland, Österreich 75 Prozent. In Italien und Frankreich sind es immer noch 25 Prozent. Die Steuerzahlungen von Gazprom bilden ein Viertel des russischen Staatshaushalts. Die Konflikte mit der Ukraine und Weißrussland wegen der Pipelines haben auch in Westeuropa für Aufsehen gesorgt, weil man gesehen hat, wie massiv der Kreml seine Interessen durchsetzt.

Die Beispiele Venezuela oder Saudi-Arabien zeigen, dass alle großen Energiekonzerne benutzt werden können, um Politik zu machen. Das Problem ist aber nicht so sehr, dass Gazprom als Waffe eingesetzt wird - es kommt nur drauf an, wer sie in der Hand hält. Ein Polizist benutzt die Pistole, um andere zu beschützen, ein Verbrecher verwendet sie für seine Zwecke.

sueddeutsche.de: Als Wladimir Putin Präsident wurde, setzte er seinen Freund Alexei Miller als Gazprom-Chef ein. Sein Vertrauter Dimitrij Medwedjew ist dort Vorsitzender des Aufsichtsrates und soll am 2. März russischer Präsident werden. Offenbar hat Putin bei Gazprom alles im Griff.

Panjuschkin: Ich glaube nicht, dass Putin alles unter Kontrolle hat. Viele Topmanager wurden zwar persönlich von ihm eingesetzt, doch sie werden mit der Zeit selbstbewusster. Sie fühlen sich für ihren Konzern verantwortlich und wollen respektiert werden. Es ist schwer zu sagen, ob Putin von Gazprom abhängig ist - oder doch Gazprom von Putin.

sueddeutsche.de: Aber das Management ist doch ein gehorsamer Erfüllungsgehilfe der Wünsche aus dem Kreml.

Panjuschkin: Alle Gazprom-Manager stehen vor einem kaum lösbaren Problem: Sie wollen ihr Gas so teuer wie möglich verkaufen. Zugleich muss Gazprom aber auf Wunsch des Kremls auch in Bereichen investieren, die nichts mit dem Kerngeschäft zu tun haben. Das Management tut dies, um Präsident Putin nicht zu verärgern. Der Konzern besitzt zum Beispiel wichtige Fernsehsender und Zeitungen. Trotz dieser Einflussnahme erzielt Gazprom große Gewinne - aber diese könnten noch höher sein.

sueddeutsche.de: Ihr Buch schließt mit den Worten: "Eine Waffe ist ein seelenloses Ding. Sie kennt keine Angst, keine Liebe und kein Erbarmen. Sie hält ihrem Besitzer nicht die Treue, wenn sich die Zeiten ändern." Könnte Medwedjew nach seiner Wahl zum Präsidenten eigene Leute in Führungspositionen einsetzen?

Panjuschkin: Das wäre denkbar. Medwedjew hat enge Kontakte zu Alisher Usmanow, dem Chef der Investmentsparte von Gazprom, und könnte diesen befördern. Aber das sind Spekulationen, ernsthafte Prognosen sind kaum möglich. Ich bin mir sicher, dass Medwedjew nicht zum Putin-Nachfolger wurde, weil er Vorsitzender des Gazprom-Aufsichtsrates ist, sondern weil er ein enger Vertrauter ist. Putin hat ihn 2002 dorthin gesetzt, weil es einer der prominentesten Posten im Land ist. Heute hat Putin deutlich mehr Einfluss auf Gazprom als Medwedjew, aber auch er kontrolliert dieses riesige Geflecht nicht vollständig.

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Der angeblich mächtigste Konzern der Welt

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