Interview:Tschernobyl – ein Zeichen, das wir nicht verstehen

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SZ: Hilft Tschernobyl dem Regime?

Alexijewitsch: Ich weiß nicht. Andererseits: Nach außen schreit Lukaschenko: Wir brauchen humanitäre Hilfe! Geld! Technik! Und den eigenen Leuten sagt er: Alles in Ordnung. Die Menschen in der Zone kriegen Kopeken, mehr nicht.

SZ: Man hat Dörfer, Straßen, Wälder begraben - als könnte sich der Mensch von einer feindlich gewordenen Erde selbst befreien...

Alexijewitsch: Wir sind es gewohnt, dass Erde, Wasser, Luft ungefährlich sind. Die Menschen in der Zone sind meist Bauern, haben Milch aufbewahrt, Tomaten eingemacht, es war Wahnsinn. Sie sagten: Aber ein Apfel ist ein Apfel, ein Ei ist ein Ei, das Wasser ist so sauber, die Milch so weiß. Es war ein neuer Anblick des Bösen. In einem Dorf fragte mich eine Alte: Das soll Krieg sein? Die Sonne scheint, die Vögel singen. - Plötzlich zeigte sich, dass unsere gesamte Kultur des Schreckens eine Kultur des Krieges war. Bomben, Granaten, das kannten wir. Aber dies war anders.

SZ: Und doch stammten die Rhetorik, die Analogien, der Heroismus aus dem Krieg. Die Roboter fielen aus, aber die Liquidatoren schippten Strahlenmüll vom Reaktor, und später hissten sie die Sowjetflagge darauf - wie vierzig Jahre zuvor auf dem Reichstag.

Alexijewitsch: In gewisser Hinsicht waren sie Selbstmörder. Sie haben ihr Leben gegeben, um Europa zu retten. Ich habe sie später gefragt: Würdet ihr nochmal gehen? Fast alle haben gesagt: Ja, wir mussten es doch tun. Es gab 800000 Liquidatoren. In Frankreich sagte jemand, er bezweifle, ob man im Westen so viele opferbereite Menschen gefunden hätte. Die Leute wussten ja nicht, was auf sie zukam, dieser entsetzliche Tod, dass kräftige Männer in ein, zwei Jahren zerfallen würden.

Sie haben sogar den Mundschutz weggeworfen - zu heiß. Und doch, sie haben die Welt gerettet. Als ich allerdings Frauen gesehen habe, die die kontaminierte Kleidung der Liquidatoren mit der Hand wuschen - das war ein Verbrechen. Man hatte ihnen keine Waschmaschinen gegeben. Man hatte ihnen nichts gesagt.

Verstehen Sie, es waren sowjetische Menschen. Ich bin nicht sicher, ob man heute in Weißrussland so viele Freiwillige finden würde. Heute wissen die Menschen, dass ihr Leben einzigartig ist, dass es ihnen allein gehört.

SZ: Hat der Mensch aus Tschernobyl gelernt?

Alexijewitsch: Insgesamt? Primo Levi hat gesagt, der Mensch nach Auschwitz sei derselbe wie vor Auschwitz. So betrachtet muss man sagen: Der Mensch nach Tschernobyl ist derselbe wie vor Tschernobyl.

Wir verwandeln uns - von einer Zivilisation der Angst in eine Zivilisation der Katastrophen. Der Fortschritt ist gefährlich geworden, für den Menschen und für die Natur. Hurrikane, Fluten ziehen heute fast so hohe Verluste nach sich wie Kriege. Weißrussland hat im Zweiten Weltkrieg ein Viertel seiner Bevölkerung verloren. Unter den Folgen von Tschernobyl aber leidet heute jeder fünfte Weißrusse, ein Drittel des Landes ist verseucht.

Wir können das Zeichen Tschernobyl nicht lesen, es ist ein fremder Text. Kein großer Schriftsteller hat sich des Themas angenommen, kein Philosoph. Tschernobyl liegt außerhalb der Kultur.

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