Interview:Tschernobyl - ein Zeichen, das wir nicht verstehen

Lesezeit: 5 min

Der neue Anblick des Bösen: Ein Gespräch mit der weißrussischen Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch über die Lehren aus der Reaktorkatastrophe.

Swetlana Alexijewitsch ist besessen von Tschernobyl. Jahrelang ist sie in die "Zone" gefahren, in das verstrahlte Gebiet, hat sie mit Feuerwehrmännern und Soldaten gesprochen, mit "Liquidatoren", die den verstrahlen Schutt aus der Kraftwerksruine räumten, mit Überlebenden und Rückkehrern.

Swetlana Alexijewitsch

Swetlana Alexijewitsch: "Ich staune immer wieder, dass Tschernobyl bis heute nicht als neue Weltsicht begriffen wird."

(Foto: Foto: dpa)

Die Protokolle hat sie zusammengefasst in ihrem Buch "Tschernobyl - Eine Chronik der Zukunft", das der Berliner Taschenbuch Verlag soeben neu aufgelegt hat, es ist ein Echolot der Katastrophe. Swetlana Alexijewitsch, die in der Ukraine geboren und in Weißrussland aufgewachsen ist, lebt derzeit in Schweden. Bis heute, sagt sie, haben wir Tschernobyl nicht verstanden. Es ist ein fremder Text.

SZ: Am 26. April 1986...

Swetlana Alexijewitsch: ... war ich in Minsk, im Krankenhaus. Meine Schwester lag im Sterben, sie hatte Krebs. Die Ärzte hatten uns gerade gesagt, dass es keine Hoffnung mehr gebe, da kamen die Wolken, der schwarze Regen. Am nächsten Tag rief eine Journalistin aus Schweden an und sagte: Weißt du eigentlich, was bei euch passiert ist? Eine weißrussische Freundin saß neben mir und wiegelte ab: Ach, das ist doch nur eine Provokation des Westens.

Ich bin dann bald in die Zone gefahren, in den Bezirk Gomel, um meine Schwester zu beerdigen. Da wurden die Männer schon zur Arbeit zusammengeholt, die ersten Evakuierungen liefen. Alle wussten schon Bescheid.

SZ: Michail Gorbatschow trat erst neun Tage nach dem Unfall an die Öffentlichkeit. Hat Sie das erbittert?

Alexijewitsch: Ach, Journalisten fragen doch immer dasselbe. Hat man Sie belogen? Die Sowjetmacht hat nie die Wahrheit gesagt. Das war doch nichts Neues! Mich interessierte etwas anderes. Mich interessierte die Pause.

SZ: Die Pause?

Alexijewitsch: In der Zone stiegen Hubschrauber auf, Techniker liefen zu Tausenden herum, aber niemand hatte eine Erklärung. Es war eine neue Wirklichkeit. Es war verboten, sich auf den Boden zu setzen. Es war verboten, länger unter einem Baum zu stehen. Angler sagten, dass sie keine Regenwürmer mehr fanden, dass sich die Würmer eineinhalb Meter tief in den Boden gebohrt hatten.

Offenbar hatte die Natur Signale empfangen. Das faszinierte mich. Menschen erzählten, sie hätten nicht nur ein Feuer gesehen, sondern ein himbeerfarbenes Leuchten, sie hätten niemals gedacht, dass der Tod so schön sein kann. Ehemalige Afghanistan-Kämpfer wurden eingeflogen mit Kampfhubschraubern und Maschinengewehren und sagten: Was sollen wir hier mit unseren Hubschraubern? Eine ganze Kultur brach da zusammen, die vertraute Kultur des Krieges.

SZ: Und doch: Die Informationsblockade, die Hybris einer grenzenlosen Technikeuphorie - war Tschernobyl nicht doch eine sowjetische Katastrophe?

Alexijewitsch: Aber in Frankreich und Deutschland hat man doch auch nicht alles gesagt. Niemand konnte sich vorstellen, dass das friedliche und das militärische Atom ein und dasselbe sind. Sicher, Tschernobyl hat die Sowjetunion zum Einsturz gebracht - zusammen mit dem Afghanistan-Krieg. Die Menschen in der Zone warfen die Parteibücher und Komsomol-Abzeichen weg. Man hatte ihnen gesagt: Entweder du bleibst oder du trittst aus. Sollten sie ihre Kinder retten oder der Partei treu bleiben? Was für eine Entscheidung!

SZ: Nach Tschernobyl gab es keine Grenzen mehr, Räume lösten sich auf.

Alexijewitsch: Ich staune immer wieder, dass Tschernobyl bis heute nicht als neue Weltsicht begriffen wird. Tschernobyl hat den Raum verändert, aber bis heute reden Politiker über das Hiesige, Dortige, Nahestehende, Fremde. Das ist seltsam! Was heißt nah oder fern, wenn die Wolke am zweiten Tag über Europa lag, und am vierten über China? Selbst ein Land, das keine Reaktoren baut, wird doch vom Fallout in einem anderen Land getroffen.

SZ: Die Katastrophe als negative Globalisierung...

Alexijewitsch: Tschernobyl hat auch die Zeit verändert. Radionuklide zerfallen in Hunderttausenden von Jahren. Das übersteigt jede menschliche Vorstellungskraft. Und doch rechnen die Politiker die Opferzahlen herunter. Allein in Weißrussland sterben jeden Tag zwei Liquidatoren. Sie haben Dutzende von Krankheiten: Nierenversagen, Infarkte. Kinder haben Strahlenwerte, die um ein Vielfaches über der Norm liegen. Tschernobyl hat gerade erst begonnen.

SZ: Wenn Tschernobyl die Zukunft ist, wie sollen wir damit leben?

Alexijewitsch: In Weißrussland haben sich zwei Katastrophen ereignet: die Katastrophe des Kapitalismus und die kosmische Katastrophe. Erstere können die Menschen begreifen, Armut, Elend, das neue Leben, aber die kosmische Katastrophe nicht. Die Ukraine und Weißrussland sind eine Art Laboratorium, man könnte die Erkenntnisse sammeln, auswerten und an die Menschheit weitergeben.

Aber die weißrussische Regierung vergeht sich am eigenen Volk und an der Menschheit. Ein Wissenschaftler, der nachgewiesen hat, dass schon geringe Strahlungsdosen zu Krankheiten führen können, wurde ins Gefängnis geworfen und erst nach internationalen Protesten freigelassen. Dafür wird viel über Optimismus geredet. Weißrussland ist ein geschlossenes, erbärmliches Land. Mein Buch ist in 21 Staaten erschienen, aber in Weißrussisch verboten. Sonst würden die Menschen fragen: Wo sind die Medikamente? Wo ist der Mess-Service? Wo sind saubere Lebensmittel? Ein totalitäres Regime rettet zuerst sich selbst.

Tschernobyl – ein Zeichen, das wir nicht verstehen

SZ: Hilft Tschernobyl dem Regime?

Alexijewitsch: Ich weiß nicht. Andererseits: Nach außen schreit Lukaschenko: Wir brauchen humanitäre Hilfe! Geld! Technik! Und den eigenen Leuten sagt er: Alles in Ordnung. Die Menschen in der Zone kriegen Kopeken, mehr nicht.

SZ: Man hat Dörfer, Straßen, Wälder begraben - als könnte sich der Mensch von einer feindlich gewordenen Erde selbst befreien...

Alexijewitsch: Wir sind es gewohnt, dass Erde, Wasser, Luft ungefährlich sind. Die Menschen in der Zone sind meist Bauern, haben Milch aufbewahrt, Tomaten eingemacht, es war Wahnsinn. Sie sagten: Aber ein Apfel ist ein Apfel, ein Ei ist ein Ei, das Wasser ist so sauber, die Milch so weiß. Es war ein neuer Anblick des Bösen. In einem Dorf fragte mich eine Alte: Das soll Krieg sein? Die Sonne scheint, die Vögel singen. - Plötzlich zeigte sich, dass unsere gesamte Kultur des Schreckens eine Kultur des Krieges war. Bomben, Granaten, das kannten wir. Aber dies war anders.

SZ: Und doch stammten die Rhetorik, die Analogien, der Heroismus aus dem Krieg. Die Roboter fielen aus, aber die Liquidatoren schippten Strahlenmüll vom Reaktor, und später hissten sie die Sowjetflagge darauf - wie vierzig Jahre zuvor auf dem Reichstag.

Alexijewitsch: In gewisser Hinsicht waren sie Selbstmörder. Sie haben ihr Leben gegeben, um Europa zu retten. Ich habe sie später gefragt: Würdet ihr nochmal gehen? Fast alle haben gesagt: Ja, wir mussten es doch tun. Es gab 800000 Liquidatoren. In Frankreich sagte jemand, er bezweifle, ob man im Westen so viele opferbereite Menschen gefunden hätte. Die Leute wussten ja nicht, was auf sie zukam, dieser entsetzliche Tod, dass kräftige Männer in ein, zwei Jahren zerfallen würden.

Sie haben sogar den Mundschutz weggeworfen - zu heiß. Und doch, sie haben die Welt gerettet. Als ich allerdings Frauen gesehen habe, die die kontaminierte Kleidung der Liquidatoren mit der Hand wuschen - das war ein Verbrechen. Man hatte ihnen keine Waschmaschinen gegeben. Man hatte ihnen nichts gesagt.

Verstehen Sie, es waren sowjetische Menschen. Ich bin nicht sicher, ob man heute in Weißrussland so viele Freiwillige finden würde. Heute wissen die Menschen, dass ihr Leben einzigartig ist, dass es ihnen allein gehört.

SZ: Hat der Mensch aus Tschernobyl gelernt?

Alexijewitsch: Insgesamt? Primo Levi hat gesagt, der Mensch nach Auschwitz sei derselbe wie vor Auschwitz. So betrachtet muss man sagen: Der Mensch nach Tschernobyl ist derselbe wie vor Tschernobyl.

Wir verwandeln uns - von einer Zivilisation der Angst in eine Zivilisation der Katastrophen. Der Fortschritt ist gefährlich geworden, für den Menschen und für die Natur. Hurrikane, Fluten ziehen heute fast so hohe Verluste nach sich wie Kriege. Weißrussland hat im Zweiten Weltkrieg ein Viertel seiner Bevölkerung verloren. Unter den Folgen von Tschernobyl aber leidet heute jeder fünfte Weißrusse, ein Drittel des Landes ist verseucht.

Wir können das Zeichen Tschernobyl nicht lesen, es ist ein fremder Text. Kein großer Schriftsteller hat sich des Themas angenommen, kein Philosoph. Tschernobyl liegt außerhalb der Kultur.

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB