bedeckt München 17°

Interview am Morgen: Homeschooling:"Schulschließungen schränken die Entwicklung der Kinder ein"

Coronavirus - Berlin

Aufgrund der Corona-Pandemie sind die Schulen 2021 ein zweites Mal geschlossen, Kinder und Jugendliche lernern zu Hause statt im Klassenzimmer. Dem Homeschooling in Deutschland stellen Ifo-Forscher kein gutes Zeugnis aus.

(Foto: Annette Riedl/dpa)

Welche Auswirkungen hat das Homeschooling auf Schülerinnen und Schüler? Bildungsökonom Ludger Wößmann vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung erklärt, warum das Lernen auf Distanz bislang zu großen Lernverlusten führt.

Interview von Marc-Julien Heinsch

Die Ergebnisse ihrer Forschung nennen sie "durchaus ernüchternd". Wissenschaftler um Ludger Wößmann, Leiter des Zentrums für Bildungsökonomik am Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung, kurz Ifo-Institut, an der Universität München haben eine Studie zu den Auswirkungen der Schulschließungen während der Corona-Pandemie veröffentlicht. Der Bildungsökonom im Gespräch über verlorene Lernzeit und eine Politik, die die Verantwortung zu den Lehrkräften durchreicht.

SZ: In Ihrer aktuellen Studie stellen Sie dem Distanzunterricht auch 2021 ein schlechtes Zeugnis aus. Wer hat es seit den Schulschließungen 2020 verschlafen, etwas zu unternehmen?

Ludger Wößmann: Ich würde da vor allem die Politik in der Pflicht sehen. Wenn sie flächendeckenden gleichwertigen Distanzunterricht hätten haben wollen, dann hätten die Kultusministerinnen und Kultusminister das einfordern müssen. Dass es jeden Tag eine Einheit Onlineunterricht mit der ganzen Klasse geben muss, sobald die Schulen zu sind, beispielsweise. Dafür hätte man aber den Schulen unbedingt Rechtssicherheit geben müssen. Denn es ist natürlich ebenfalls eine politische Aufgabe zu sagen: Hier sind rechtssichere und datenschutzkonforme Lösungen für Videokonferenzen, die dürft ihr nutzen. Dann könnten sich die Schulen auf das konzentrieren, was sie wirklich können - Unterricht mit den Kindern und Jugendlichen.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Die Kultusministerkonferenz hat den Schulen im ersten Corona-Jahr die Teilnahme an Lernstandserhebungen freigestellt. Die Schüler mussten also keine Vergleichsarbeiten schreiben. Wie finden Sie diese Entscheidung?

Das ist aus verschiedenen Gründen sehr schade. Durch Vergleichsarbeiten können Lehrerinnen und Lehrer einschätzen, wo die Kinder gerade stehen, wo es hapert und wo sie Lücken auffüllen müssen. Nur so können sie sinnvoll unterrichten. Aber genau diese Einschätzung fehlt uns gerade in Deutschland. Als ganze Gesellschaft wissen wir nicht, wo wir in Sachen Bildung stehen. Wir können nicht überprüfen, ob es beispielsweise Schulen und Gegenden gibt, wo mehr Videounterricht gemacht wurde und wie sich das ausgewirkt hat.

Mit Ihrer Elternbefragung haben Sie versucht, etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Nehmen wir noch eine Studie aus den Niederlanden hinzu, die anhand der Ergebnisse eines nationalen Tests vor den Sommerferien die Auswirkungen von acht Wochen Schulschließungen erforscht hat: Was können Sie zum Lernverlust in Deutschland sagen?

Im Frühjahr 2020 hatten die Niederlande nur acht Wochen Schulschließungen, hier in Deutschland waren es vielerorts zwölf. Außerdem waren die niederländischen im Vergleich zu den deutschen Schulen für das digitale Lernen schon vor Corona besser ausgestattet. Trotzdem hat die Studie gezeigt, dass die Schülerinnen und Schüler dort nach acht Wochen geschlossener Schulen ein Fünftel eines normalen Schuljahres an Lernverlust hatten. Deshalb glaube ich, wir machen uns etwas vor, wenn wir in Deutschland so tun, als könnten wir die verlorene Zeit einfach wieder aufholen.

Insgesamt waren für einen durchschnittlichen Schüler hierzulande die Schulen für deutlich mehr als die Hälfte eines Schuljahres geschlossen. Und wenn es so weitergeht, können es gut zwei Drittel eines Schuljahres werden. Bringen wir die Ergebnisse aus den Niederlanden mit unserer Befragung zusammen, in der ein großer Teil der Eltern sagt, dass ihr Kind zu Hause weniger lernt als in der Schule, dann ist so ein Zeitraum sehr massiv. Trotzdem sehen wir in unserer Befragung, wie vielschichtig das Homeschooling erlebt wird. Über jedes fünfte Kind sagen die Eltern, dass es zu Hause besser lernt als in der Schule. Ich vermute: Wir werden insgesamt eine deutlich stärkere Spreizung sehen. Während einige Schüler sehr stark abgehängt wurden, haben andere vielleicht gar nicht so viel Lernzeit verloren.

Schule kann die Bedingungen dafür, etwas zu lernen, für Schüler verschiedenster Hintergründe und Eigenschaften zumindest annähern. Gelingt das im Homeschooling schlechter als sowieso schon?

Ja, das sieht man auch in unserer Studie recht deutlich. Wobei: Viel stärker als ein neuer Computer im Zuhause der Kinder und Jugendlichen wiegen die Unterstützung beim Lernen durch Familienmitglieder und die Lerneigenschaften des einzelnen Schülers.

Ist die vielgeäußerte Vermutung, dass die Pandemie auch in der Bildung bestehende Ungleichheiten noch verstärken wird, also mittlerweile bestätigt?

Unsere Daten, die niederländische Studie - alles deutet darauf hin. Wenn etwa leistungsschwächere Schüler zu Hause nicht weiterkommen, dann schlägt das Homeschooling so richtig rein, denn dann fehlt die Lehrkraft im Raum, die etwas nochmal anders erklärt und bei den Kindern nachfragt. Das ist es ja, was Schule ausmacht: Lehrkräfte und Pädagogen, die Dinge vermitteln. Das fehlt im Homeschooling. Und deshalb ist besonders beängstigend, dass wir festgestellt haben, dass Maßnahmen wie Förderunterricht, Nachhilfe oder Ferienkurse gerade nicht bei den Kindern und Jugendlichen angekommen sind, die es im Homeschooling besonders schwer hatten. Diese Maßnahmen müssen unbedingt stärker bei Kindern und Jugendlichen ankommen, die aus sozial benachteiligten oder aus bildungsfernen Haushalten stammen. Und bei leistungsschwächeren Schülern.

Schauen wir auf das Gesamtbild. Welche Konsequenzen werden die Schulschließungen aus Ihrer Sicht noch haben?

Für viele Kinder hat die Pandemie erhebliche langfristige Auswirkungen aufs Lernen, aber auch auf die emotionale und soziale Entwicklung. Gerade im Vergleich zum ersten Lockdown haben deutlich mehr Eltern die erneuten Schulschließungen als starke psychische Belastung bewertet. Die Frage ist, wie stark so etwas Narben hinterlässt. Forschung hat gezeigt: längere Schulschließungen - etwa aufgrund von Lehrerstreiks - schränken die Schülerinnen und Schüler langfristig in der Entwicklung von Kompetenzen ein. Und das hat natürlich Konsequenzen darauf, welche Chancen die Kinder später am Arbeitsmarkt haben - und damit auch Auswirkungen auf die Gesellschaft insgesamt. Wenn wir jetzt nicht sehr, sehr stark gegensteuern, werden die Lernverluste langfristig erheblich einschlagen.

Und wie steuern wir schnell gegen?

Die Schulen sollten möglichst bald zu üblichen Test- und Prüfungsverfahren zurückkommen und sie auf den Distanzunterricht anpassen. Es macht einen Unterschied, ob der Lehrer etwas nächste Stunde abfragt oder im nächsten Herbst. Dann müssen wir alle verfügbaren Fördermaßnahmen einsetzen und nachholen, was an Lernstoff verloren gegangen ist. Also Förderunterricht in den Schulen und Ferienprogramme.

Wir können aber auch nicht alles auf die Schulen abladen. Deshalb muss man verstärkt auf außerschulische Angebote setzen und möglicherweise Nachhilfe staatlich fördern. Ein studentisches Mentorenprogramm könnte außerdem sehr hilfreich sein. Dazu haben wir vor kurzem eine Studie aufgelegt und konnten zeigen, dass Eins-zu-Eins-Betreuung durch Mentoren gerade Kinder und Jugendliche aus extrem benachteiligten Familien sehr gut helfen konnte, sich wieder für die Schule zu motivieren.

Prof. Dr. Ludger Wößmann ist Leiter des Zentrums für Bildungsökonomik des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung, kurz Ifo-Institut, an der Universität München.

(Foto: ifo/Romy Vinogradova)

Ideen sind da. Woran hapert es denn dann?

Wie eingangs gesagt, es ist Aufgabe der Politik all das einzufordern und dort zu helfen, wo die Mittel vielleicht noch fehlen. Es braucht klare Führung - die Verantwortung muss durch die Kultusministerinnen und -minister übernommen werden, statt sie wie bisher an einzelne Schulen und Lehrkräfte abzugeben. Denn das kann man natürlich nicht machen, wenn man allen Schülerinnen und Schülern eine gleichwertige und angemessene Bildung bieten will.

© SZ
Zur SZ-Startseite

Corona-Lage in Kitas
:"Es geht nicht darum, dass so wenig Kinder wie möglich kommen"

Für berufstätige Eltern wird es auf Dauer noch schwieriger, Kinder zuhause zu umsorgen. Deshalb herrscht in vielen Kitas Regelbetrieb. Die Mitarbeiterinnen hoffen nun auf mehr Sicherheit durch Impfungen und Tests - letztere auch für Kinder.

Von Kathrin Aldenhoff

Lesen Sie mehr zum Thema