Roger Willemsen:"Wesentliche Teile unserer Kultur basieren auf Lügen"

SZ: Basiert nicht das ganze Leben auf einer Vielzahl von Lügen, bei denen man - laut Augustinus - zwar schwerere und leichtere Lügen unterscheiden kann, die allerdings immer Sünde bleiben ?

Willemsen: Bei Augustinus - wie auch bei Kant - ist das Heil der Seele wichtiger als das Heil des Körpers. Mit dieser Einstellung wäre im Dritten Reich kein einziger Jude gerettet worden.

SZ: Heute sind Lügen, durch die ein größeres Übel abgewendet werden kann, gemeinhin akzeptiert. Wie kam es dazu?

Willemsen: Nietzsche war sicher der Radikalste in dieser Hinsicht. Er unterschied zwischen: "Wie ist Wahrheit möglich?" und "Wozu ist Wahrheit nötig?" Eine Person, die zu jedem Zeitpunkt aufrichtig ist, und sagt: "Es interessiert mich nicht, wie es dir geht." Oder: "Schlecht siehst du aus", wird zum asozialen Individuum. So gesehen ist die Lüge die Schmiere des gesellschaftlichen Lebens. "Ich bin gerne bald bei Ihnen!" "Ich kann mich genau an Sie erinnern!"

SZ: Oft sind schon "Ja" und "Nein" Lügen. Nämlich dann, wenn die Wahrheit lautet: "Ich weiß es nicht".

Willemsen: Richtig. Eine Gesellschaft, die allein auf die Wahrheit bauen würde, wäre kaum denkbar. Wesentliche Teile unserer Kultur basieren auf Lügen. In der Oper singt der Sterbende noch mit dem Dolch im Herzen.

SZ: Beim Pop-Konzert singt der Künstler manchmal gar nicht .. .

Willemsen: ... nämlich dann, wenn sein Gesang vom Band kommt. Der RTL-Nachrichtenmann muss jeden Abend so tun, als sei er tief betroffen, von dem was da und dort passiert.

SZ: Andere - nicht nur Journalisten - verkörpern den Alleswisser, der vorgibt, wirklich jeden Lebensbereich bis ins letzte Detail erforschen zu können.

Willemsen: Es gibt Untersuchungen, die behaupten: Jeder von uns lügt 200 Mal am Tag. Eingeschlossen sind natürlich auch die mimischen Lügen.

SZ: Tiefe Stimme? Weite Gesten?

Willemsen: Da geht es doch schon los. Das Chanel-Kostümchen kaschiert die innere Verwahrlosung.

SZ: Ein Minister-Satz wie: "Wir sind tief betroffen über ..." Steckt dahinter auch eine Lüge?

Willemsen: Eine kosmetische Lüge. Der Bürger kann sagen: Ich habe eine Filial-Existenz, die im Zweifelsfall für mich auftritt und so etwas sagen kann, meine Kanzlerin, mein Abgeordneter, mein Präsident.

SZ: Berlusconi antwortet gerne mit Scherzen auf Vorwürfe. Das ist doch besser als jede Lüge!

Willemsen: Angesichts der Masse an Botox in seinem Gesicht ist in seinem Fall zumindest der Nachweis einer mimischen Lüge quasi unmöglich. Man kann ihn ja nicht mehr von seiner eigenen Wachsfigur unterscheiden, und seine Witze sind die eines Schiffsschaukelbremsers. Bei seinen Wählern kommt das an.

SZ: Hat denn die Wahrheit in einer solchen Welt überhaupt noch eine Chance? Und: Wem werden die Amerikaner nun glauben: Bush oder Schröder?

Willemsen: Jemand, der schon im Fall der eigenen Haarfarbe nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit duldet, wird doch bei der Verwicklung in einen Krieg nicht lügen! Bei Bush glaube ich allerdings, dass er es mit seiner Sicht der Dinge selbst im eigenen Land schwer haben wird. Das Vertrauen ist zerstört. Noch ein Gedanke: Nichts beschreibt das Jetzt doch besser als das dieser Tage häufig verwendete Wort "Echt". In einer Zeit, in der so viel über Gefühle, Mimik und das Alter der Körperteile gelogen wird, hört man ständig das Wort "echt". Vor geraumer Zeit las ich auf der Verpackung einer gefrorenen Geflügelbrust im Supermarkt: "Mit natürlichem Knochen". Echt. Die Knochen wurden also nicht erst später hineingetan. Das Hühnchen war echt. Dieses permanente Beharren darauf, dass man die Wahrheit sagt, zeigt nur, wie verbreitet die Lüge ist.

SZ: Trotzdem fühlen sich manche Menschen von Moralaposteln, zu denen auch Sie gerne gezählt werden, genervt.

Willemsen: Ganz recht! Der permanente Aufdecker, der stets mit dem Nimbus des Wahrheitsvermittlers daherkommt, ist eine Nervensäge. Viele wollen nicht wissen, was sie kaufen und woher es kommt. Der Kritiker tut das Nötigste, aber manchmal eben auch das Überflüssigste, weil sich am Ende doch niemand nach ihm richtet.

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