Interview mit Salomon Korn "Geschichte wird im sozialen Erbgang weitergegeben"

sueddeutsche.de: Dieter Graumann, der neue Präsident des Zentralrats der Juden, sagte mit Blick auf das Identitätsbewusstsein der Juden in Deutschland, man wolle weniger "holocaustzentriert", dafür "holocaustbewusst" in die Zukunft gehen. Was meint er damit?

"Das Trauma eines nie da gewesenen Geschehens wie das der nationalsozialistischen Judenvernichtung ist nicht schneller zu bewältigen" - Nazi-Verbrecher Adolf Hitler und Heinrich Himmler im Jahre 1940.

(Foto: REUTERS)

Korn: Er beschreibt einen Teil des erwähnten Prozesses. Aber machen wir uns nichts vor: Normalität entsteht nicht unter vier Generationen.

sueddeutsche.de: Warum gerade vier Generationen?

Korn: Die erste Generation war unmittelbar am Geschehen beteiligt, die zweite wurde von den traumatischen Erfahrungen der ersten unmittelbar beeinflusst, die dritte ist von der zweiten noch mittelbar beeinflusst. Und erst in der vierten Generation beginnen diese transgenerationell nachwirkenden Traumata sich aufzulösen.

sueddeutsche.de: Das klingt fast nach einem Naturgesetz.

Korn: Einflüsse der Geschichte werden im sozialen Erbgang untergründig weitergegeben. Konkret: Die seelischen Wunden der ersten Generation überdauern in ihren Ausläufern meist unbemerkt viele Jahrzehnte, ob wir das wollen oder nicht.

sueddeutsche.de: Geht es nicht schneller, nun, da bald die letzten Opfer und Täter nicht mehr am Leben sind?

Korn: Nein, es geht nicht, wenn man die dahinter wirkende Dimension begreift: Noch nie gab es in der Menschheitsgeschichte eine Partei, die sich zum Programm gemacht hatte, ein ganzes Volk nicht nur zu besiegen, zu entrechten und zu versklaven, sondern von diesem Planeten zu tilgen. Das Trauma eines nie da gewesenen Geschehens wie das der nationalsozialistischen Judenvernichtung ist nicht schneller zu bewältigen. Das Ereignis war radikal, und so sind auch dessen Folgen. Bemerkenswerterweise ist dieses Trauma in der zweiten Generation mitunter intensiver ausgeprägt als in der ersten.

sueddeutsche.de: Wie das?

Korn: Viele Überlebende sprachen mit ihren Kindern nicht über das, was sie erlitten hatten. Das nicht ausgesprochene Leiden konnte somit nicht rational gebannt werden und wirkte daher destruktiv nach. Ein vergleichbares Phänomen gibt es übrigens auch bei den Nachkommen von NS-Verbrechern, die mehrheitlich über ihre Taten geschwiegen haben. Der Nachwuchs ahnte zwar in beiden Fällen, dass etwas Monströses vorgefallen sein musste, aber das Verbrechen blieb unbewältigt, weil es weder Gestalt noch Namen erhalten hatte und damit seinen Schrecken im Unterbewusstsein der zweiten Generation ungehindert entfalten konnte.

sueddeutsche.de: Sie sind 1943 in der Nähe von Lublin in Polen zur Welt gekommen. Haben Ihre Eltern Ihnen von dieser Zeit erzählt?

Korn: Manches, anderes haben sie vermutlich ausgespart.

sueddeutsche.de: Zählen Sie sich also auch zu dieser verstärkt traumatisierten Gruppe der zweiten Generation?

Korn: Nein. Wir haben uns mit unserer Familiengeschichte beschäftigt. Ich hatte ohnehin das Glück im Unglück, dass meine Eltern den Krieg auf russischer Seite überlebt haben. Sie wurden auch in Arbeitslager gesperrt, aber ihr Schicksal war nicht so schwer wie beispielsweise das der Eltern von Dieter Graumann, die mehrere Konzentrationslager durchlitten haben.

sueddeutsche.de: Sie haben vorhin über die gebrochene nationale Identität der Deutschen gesprochen, über deutsche Geschichte und deutsche Kultur, über den Prozess vom Juden in Deutschland zum jüdischen Deutschen. Mitunter klang viel Nähe durch. Herr Korn, sind Sie gerne Deutscher?

Korn: Deutscher ... das ist ein großes Wort, da steckt so viel drin. Als Deutschen würde ich mich noch nicht betrachten, aufgrund der leidvollen Geschichte meiner Familie halte ich das für schwierig. Ich liebe die deutsche Kultur, ich liebe dieses Land, ich liebe viele seiner historischen Städte, seine Architekturen und ich habe viele deutsche Freunde. Ich fühle mich mit Deutschland sehr verbunden - aber eben nicht identisch.

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