Interview mit Salomon Korn "Sarrazins Weltbild ist stark vereinfacht - und damit auch gefährlich"

sueddeutsche.de: Bei dieser Debatte schwingt stets die Frage mit: Kann man als Deutscher auf dieses Land stolz sein, darf man es lieben, nach allem, was geschehen ist?

"Von Sarrazin, den ich für einen intelligenten Mann halte, hätte ich solche unhaltbaren, biologistisch begründeten Äußerungen nicht erwartet", sagt Salomon Korn.

(Foto: dapd)

Korn: Wenn man die zwölf braunen Jahre und beide Weltkriege ausklammern könnte, dann hätten die Deutschen durchaus Grund, mit Freude und Genugtuung auf dieses Land und seine Errungenschaften zu blicken. Aber: Stolz ist angesichts der Ambivalenz deutscher Geschichte nicht der passende Begriff.

sueddeutsche.de: Weil er von Rechtsradikalen okkupiert ist?

Korn: Vor allem deswegen, weil die Bedeutung des Wortes missverständlich benutzt wird: Stolz kann man auf eine eigene Leistung sein, nicht aber auf etwas, das einem zum Beispiel durch Geburt nur zugefallen ist. Wir sollten bewusst Deutsche, Russen oder Amerikaner sein, dabei aber nicht vor lauter Nationalstolz jene kritikwürdigen Dinge ausblenden, die es überall gab und gibt. Die Sprache bietet trefflichere Bezeichnungen, um Gefühle auszudrücken, die sich auf nationale Identität beziehen.

sueddeutsche.de: Zu Deutschland gehören in dieser Zeit auch kontrovers ausgetragene Debatten wie die, die Thilo Sarrazin im vergangenen Sommer mit einem Buch und flankierenden Interviews losgetreten hat. Was halten Sie von den Thesen des Ex-Bundesbankers?

Korn: Tatsache ist: Es gibt Integrationsprobleme in Deutschland. Fakt ist aber auch, dass die Mehrheit der Migranten sich gut integriert hat. Ein kleiner Teil hat Probleme und macht auch Probleme, nur fällt dieser Teil überproportional auf und dringt über die mediale Wirklichkeit unverhältnismäßig ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Thilo Sarrazin hat einige zutreffende Probleme angesprochen, nur hat er dabei falsche Begriffe benutzt.

sueddeutsche.de: Unter anderem sprach er von einem "jüdischen Gen" und von erblicher Intelligenz.

Korn: Von Sarrazin, den ich für einen intelligenten Mann halte, hätte ich solche unhaltbaren, biologistisch begründeten Äußerungen nicht erwartet. Das Weltbild, das er zeichnet, ist stark vereinfacht - und damit auch gefährlich.

sueddeutsche.de: Können Sie erklären, warum Sarrazin quer durch politische Lager und Altersgruppen solch einen massiven Zuspruch erhalten hat?

Korn: Der Grund liegt vermutlich in der deutschen Identität, die vergleichsweise schwach ausgebildet ist. Sarrazin hat eine vorhandene Stimmung bei denjenigen getroffen, die sich kompensatorisch nach einem starken deutschen Nationalbewusstsein sehnen. Wer keine gefestigte Persönlichkeit besitzt, sucht Menschen, auf die er hinabschauen kann. Früher waren das vor allem die Juden. Heute greifen in der Causa Sarrazin ähnliche Mechanismen: Hier wir Deutsche, dort die Muslime. Es ist eine Abgrenzung vom "Fremden", durch die man die eigene Identität zu stärken versucht. Nur: Hierzulande wird das heute so nicht funktionieren. Die deutsche Geschichte der letzten 200 Jahre ist vor allem eine Geschichte der Niederlagen: Zuerst als Opfer Napoleons, dann in Gestalt der gescheiterten Revolution von 1848, die erfolgreichen "Einigungskriege" erwiesen sich als Pyrrhussiege angesichts des verlorenen Ersten Weltkriegs, es folgte das Scheitern der Weimarer Republik, darauf das Inferno des "Dritten Reichs" und schließlich der Fall der DDR. Angesichts all dieser Niederlagen ist eine ungebrochene nationale deutsche Identität heute kaum möglich.

sueddeutsche.de: Wenn also eine heile deutsche Welt nicht mehr möglich ist, was kann an ihre Stelle treten?

Korn: Eine kritische deutsche Identität, mit anderen Worten: eine partiell gebrochene Identität, ein Nationalbewusstsein, das sich der Brüche der deutschen Geschichte bewusst bleibt. Eine solch kritische Identität darf sich auch vor aller Welt über den kulturell-historischen Reichtum Deutschlands freuen. Das Problem ist: Die meisten Menschen können eine nationale Identität nur akzeptieren, wenn sie vermeintlich einfach, blütenweiß und fleckenfrei ist. Das aber ist nirgendwo der Fall und schon gar nicht in Deutschland. Der Mensch neigt dazu, das Einfache vorzuziehen, doch so kann Demokratie nicht dauerhaft bestehen: Sie erfordert fortwährende Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart und muss täglich neu erkämpft werden.

Sarrazins Sprüche

"Kalt duschen ist viel gesünder"