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Interview mit Murat Kurnaz:"Ich würde gerne Menschen in Not helfen"

sueddeutsche.de: Politiker wie Schily haben sich vermutlich auch deshalb so geäußert, weil sie Frank-Walter Steinmeier schützen wollten. Der Außenminister schickt sich immerhin an, Bundeskanzler zu werden.

Kurnaz: Wenn er zum Bundeskanzler gewählt wird, dann kann ich ihn nicht stoppen. Nur: Es ist schon erstaunlich, dass Politiker gewählt werden, die indirekt Folter unterstützen. Dass viele Menschen solchen Politikern noch trauen, ist auch ein bisschen gefährlich. Aber als Einzelner kann ich da nichts ausrichten.

Murat Kurnaz  AP

Murat Kurnaz vor seiner Aussage im Untersuchungsausschuss Anfang 2007

(Foto: Foto: AP)

sueddeutsche.de: In einem Jahr werden Sie Deutscher sein. Dann können Sie sich doch einbringen - indem Sie wählen gehen. Werden Sie an der Bundestagswahl teilnehmen?

Kurnaz: Ja, auf jeden Fall.

sueddeutsche.de: Vor Ihrer Gefangennahme haben Sie sich wenig für Politik interessiert. Hat sich das inzwischen geändert?

Kurnaz: Mein Leben ist ja jetzt auch ein Stück Politik geworden. Aber eigentlich interessiere ich mich immer noch nicht so sehr dafür. Sie gefällt mir nicht so ganz. Ich würde auch niemals Politiker sein können. Denn auch wenn ich ein ehrlicher Politiker wäre, müsste ich mit Politikern arbeiten, die andauernd Lügen erzählen.

sueddeutsche.de: Gerade die rot-grüne Koalition hatte sich die Stärkung der Menschenrechte in der Außenpolitik als Leitbild genommen.

Kurnaz: Das hat mich Herr Steinmeier nicht spüren lassen.

sueddeutsche.de: Herr Kurnaz, mit Geld kann man schlimme Erinnerungen nicht wettmachen, aber es wäre eine symbolische Geste. Erwarten Sie, dass der Staat, der Sie auf Guantanamo hat versauern lassen, Sie nun entschädigt?

Kurnaz: Ich würde eine Entschädigung nicht ablehnen. Wichtiger wäre mir aber eine Entschuldigung gewesen.

sueddeutsche.de: Haben Sie erwartet, dass die deutsche Politik nach Ihrer Rückkehr sagt: Es tut uns leid, wie das gelaufen ist, wir haben einen Fehler gemacht?

Kurnaz: Ja, eigentlich schon. Wobei mir auch klar war, dass sie sich so arrogant verhalten könnten, wie sie es dann auch getan haben.

sueddeutsche.de: Was wollen Sie in Zukunft beruflich machen?

Kurnaz: Ich habe nichts Konkretes vor, aber ich würde gerne mit Jugendlichen arbeiten und Menschen in Not helfen.

sueddeutsche.de: Sie sprechen mit Ihren Eltern nicht über Ihre Zeit in Guantanamo. Warum nicht?

Kurnaz: Das liegt nicht an mir. Ich tue das gerne. Wenn ich mich mit Journalisten darüber unterhalte, warum sollte ich das nicht auch mit meinen Eltern? Sie fragen mich einfach nicht. Das verstehe ich auch. Als Vater und Mutter wollen sie einfach keine Details wissen, wie ich gefoltert worden bin. Sie wollen nicht wissen, wie es sich anfühlt, wenn man aufs Auge geschlagen wird.

sueddeutsche.de: Ihre Mutter sagte nach Ihrer Rückkehr: "Er braucht Hilfe, ich weiß das." Hat sie Recht?

Kurnaz: Ich habe Hilfe gebraucht, als ich in Guantanamo saß. Damals hätten mir solche Leute wie Steinmeier helfen können. Heute brauche ich keine Hilfe, ich bin ein freier Mensch.

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