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Interview mit Michael Naumann:"Von Beust ist politikmüde"

Klartext von Michael Naumann: Der Spitzenkandidat der Hamburger SPD rechnet mit der Linkspartei ab, hält Bürgermeister von Beust für politikmüde und wirft ihm Opportunismus in der Debatte um Jugendgewalt vor.

Hamburg, Kurt-Schumacher-Haus: Die Parteizentrale der Hamburger Genossen im Stadtteil St. Georg versprüht den gewerkschaftslastigen Charme der Sechziger-Jahre-SPD. Michael Naumann scheint es nicht zu stören. Der beurlaubte Herausgeber der Zeit, nun Spitzenkandidat seiner Partei für die Bürgerschaftswahl am 24. Februar, hat zum Interview in sein Büro geladen. Es gibt Kaffee aus roten Kannen und Minieralwasser der Marke Fürst Bismarck; an der Wand hängen Fotos von Marion Gräfin Dönhof, Willy Brandt und, am Steuer eines Schiffes, Helmut Schmidt.

Michael Naumann vor dem Hamburger Rathaus

Da will er rein: Michael Naumann vor dem Hamburger Rathaus

(Foto: Foto: ddp)

sueddeutsche.de: Herr Naumann, die Linkspartei steht auch in Hamburg vor dem Sprung ins Landesparlament. Haben Sie schon ein Mittel gegen die neue Konkurrenz gefunden?

Michael Naumann: Es gibt nur ein argumentatives Rezept. Und im Falle von Hamburg bedeutet das, den Wählern zuzurufen: Ein Erfolg für die Linkspartei ist identisch mit der Verhinderung eines Regierungswechsels in dieser Stadt. Wer Linkspartei wählt, auch aus den edelsten Motiven heraus, bekommt unweigerlich Ole von Beust. Das zeigt der Wahlausgang in Hessen.

sueddeutsche.de: Der Erste Bürgermeister Ole von Beust sagt, die SPD dämonisiere die Linke. Tun Sie das?

Naumann: Nein, ich weise lediglich darauf hin, dass die hiesige Linkspartei vor wenigen Jahren als PDS ein Personaltableau besaß, das ausgerechnet für Gregor Gysi unwählbar war. Die Altkader sind noch da.

sueddeutsche.de: Inzwischen wird Gysi das nicht mehr so sehen, schließlich haben sich WASG und PDS zur Linkspartei vereinigt.

Naumann: An führender Stelle sitzen ehemalige K-Gruppen-Mitglieder (bestimmte unabhängige kommunistische Organisationen in der Bundesrepublik; Anm. d. Red.), von denen einige noch von Verhältnissen wie in der DDR träumen. Sie wollen eine "Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien" und die Einstellung aller Arbeitslosen in Deutschland durch den Staat. Finanzierungsfragen interessieren sie nicht.

sueddeutsche.de: Wenn man Ihnen so zuhört, könnten manche denken, Naumann dämonisiere auch.

Naumann: Ich dämonisiere nicht, ich erkläre nur, was die Linkspartei zusammenhält: Utopische Träume. In Hamburg hat deren Spitzenkandidatin klipp und klar gesagt: "Wir wollen nur opponieren", und: "Wir müssen uns erst einmal selbst finden". Ihr "Hauptgegner", sagt sie, "ist die SPD". Und ich dachte immer, es sei der Wirtschaftskurs der CDU. Ich halte jede Stimme für verschenkt, die einem persönlich interessanten Selbstfindungstrip zugutekommt. Die SPD kann für die Verbesserung der sozialen Verhältnisse, der Bildung und auch im Kampf für einen flächendeckenden Mindestlohn wesentlich mehr durchsetzen als die Linke.

sueddeutsche.de: Eine Umfrage sieht die Linkspartei in Hamburg bei sieben Prozent, obwohl das Thema soziale Gerechtigkeit nur weniger als zehn Prozent der Menschen interessiert. Mit welchem Argument kann die SPD die potentiellen Linksparteiwähler von sich überzeugen?

Naumann: Wir werden dafür sorgen, dass Beusts exzessive Politik der Ein-Euro-Jobs beendet wird - und ein Arbeitsmarktprogramm auflegen. Das wird Erfahrungen der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen nutzen; immerhin waren einst 40 Prozent der ABM-Jobber wieder zu sozialversicherten Arbeitsplätzen gekommen. Zum Zweiten: Hamburg ist leider eine Hochburg des Lohndumpings - und wir werden darauf dringen, dass Subunternehmer mit dem von der CDU verwässerten Vergabegesetz kein Schindluder mehr treiben können. Der dritte Punkt ist mein Kernthema - Bildung. Es ist äußerst relevant, dass wir die Klassenselektion unterbinden, die an den Schulen stattfindet.

sueddeutsche.de: Wie schlimm ist hier die Lage?

Naumann: Ein Arbeiterkind hat in Hamburg eine 3,5fach niedrigere Chance aufs Gymnasium zu kommen als ein Akademikerkind - bei gleicher Leistung. Das hat zur Konsequenz, dass die Mehrheit der Studenten aus Akademikerfamilien stammt. Aus der Schicht des Prekariats, das hier in Hamburg besonders ausgeprägt ist, so gut wie keiner mehr.

sueddeutsche.de: Wie ist der Bildungsstand der unteren Schichten?

Naumann: 30 Prozent der Hamburger Schülerschaft sind laut Pisa-Studien des Lesens kaum mächtig. Das ist verblüffend - und schrecklich! Diese Bildungssituation endet für die Kinder der sozialen unteren Schichten in Hoffnungslosigkeit. Jedes Jahr verlassen fast 2000 Kinder ohne Abschluss die Schule. Und dabei handelt es sich nicht allein um Migrantenkinder, wie es vermutlich Roland Koch und seine Parteifreunde sehen. Das sind prinzipielle Fragen, die die ganze Stadt betreffen. Wenn wir sie nicht lösen, bekommt die Stadt massive Standortprobleme - vom Schicksal dieser Kinder ganz abgesehen.

sueddeutsche.de: Diesen Appell rufen Sie in einen beachtlichen Hamburg-Boom hinein. Beust wirft Ihnen vor, Sie stigmatisierten ganze Viertel und redeten die Stadt schlecht. Welches Bild der Hansestadt stimmt?

Naumann: Ach, das hätte er gerne so. Er selbst fährt gerne, wie er dem Tagesspiegel einmal sagte, "inkognito durch die Stadt." Dort sehe man besser, wie weit die soziale Erosion an manchen Stellen schon fortgeschritten sei, sagte Beust damals. Da hat er recht. Er müsste nur mal aus dem Dienstfahrzeug aussteigen. Tatsache ist natürlich auch, dass die Hamburger Wirtschaft boomt, allein der Containerumsatz hat sich Jahr für Jahr fast zweistellig erhöht. Der Hintergrund dieses Booms ist allerdings nicht Verdienst der CDU. Er ist ein Resultat der Globalisierung und darüber hinaus das Zeugnis sozialdemokratischer Standortpolitik im Hafen und in der Luftfahrtindustrie. Leider kommt von dem Aufschwung zu wenig in den Portemonnaies der Bürger an. Im Gegenteil. Die Reallöhne stagnieren.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Michael Naumann von Ole von Beust persönlich hält und was er zu dessen flapsigem Spruch: "Junge, du musst noch einiges lernen" sagt.